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Grieg und Gade

n ganz Norwegen wurde im letzten Jahr der 100. Jahrestag der Unabhängigkeit von Schweden und Verwirklichung des eigenen Nationalstaates – des letzten in Europa – gefeiert. Gegen die Abhängigkeit von der schwedischen Krone wurde ganz besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens um eine eigenständige Kultur gekämpft, die Musik dabei nicht ausgenommen. Der aus dem westnorwegischen Bergen stammende Edvard Grieg (1843-1907) war zwar nicht der erste Nationalkomponist seines Heimatlandes, jedoch der erste, dessen Werke für ihren „nordischen Ton“ bekannt wurden und international hohes Ansehen gewannen.

Nachdem Grieg in den Jahren 1858-61 seine musikalische Ausbildung am damals führenden Leipziger Konservatorium erhalten hatte, brach er 1863 erneut aus Norwegen auf, um sich im dänischen Kopenhagen nach Anregungen für die Entwicklung eines eigenen kompositorischen Stils zu suchen. Kopenhagen hatte damals 170 000 Einwohner und war das kulturelle Sammelbecken des Nordens. Dort wirkten auch Johann Peter Emilius Hartmann (1805-1900) und sein Schwiegersohn Niels Wilhelm Gade (1817-1890), die als die großen dänischen Komponisten galten. Von Gade werden heutzutage in Deutschland nur noch seine Sinfonien gespielt, er ist jedoch auch deshalb im Gedächtnis haften geblieben, weil er seit Bach der erste war, aus dessen Nachnamen sich ein musikalisches Motiv bilden ließ, wenngleich die Tonfolge g-a-d-e- weit weniger prägnant und spannungsgeladen ist als das berühmte b-a-c-h- Thema. Gade, 26 Jahre älter als Grieg, genoss auch in Deutschland hohes Ansehen. Bis ins Jahr 1848, als sich die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Preußen und Dänemark um Schleswig- Holstein anbahnten, hatte er wichtige Positionen in der Musikstadt Leipzig innegehabt, war zuletzt Erster Dirigent des Gewandhausorchesters gewesen. Er stand in der Tradition Mendelssohns und Schumanns, verarbeitete aber dänische Volksmelodien als thematisches Material. Sein Nationalgefühl ließ ihn heimkehren, wenn er auch mit den konservativen Kreisen des dänischen Musiklebens zu kämpfen hatte. Die gemeinsame deutsch-skandinavische Kulturtradition, die bis dahin unter deutscher Führung Wirklichkeit gewesen war, bekam einen Riss.

Grieg gefiel die frische Natürlichkeit von Gades Frühwerken, trotzdem schloss er sich in Kopenhagen einer Gruppe gleichaltriger Kollegen mit progressiveren Idee im Sinne der Nationalromantik an und wurde trotz seiner Bekanntschaft mit Gade nicht sein Schüler. Von Rikard Nordråk, der die Melodie der norwegischen Nationalhymne komponierte, erhielt er laut eigener Auskunft in Kopenhagen den entscheidenden Impuls, sich den norwegischen Volksliedsammlungen zuzuwenden. Im Gegensatz zu Gade, dessen Volkmelodien ohne größere stilistische Bedeutung bleiben, setzte Grieg es sich zum Ziel, den Geist des norwegischen Volkes von der Musik her zu erfassen und die traditionellen Kompositionsregeln durch das Wesen der norwegischen Volksmusik zu beleben.

Gade zeigte sich trotz seiner Sympathie für den jüngeren Kollegen von seinen ersten Versuchen nicht begeistert. Für ihn kam die Suche nach den durch die Volksmusik bestimmten Formen und Harmonien seit seiner dritten Sinfonie zum Ende. Er wandte sich nunmehr, obwohl er in Dänemark lebte, wieder dem Stil der mitteleuropäischen Romantik zu und vermochte sich nicht mehr zu erneuern. Griegs Liebe zu seinem Heimatland, insbesondere der westnorwegischen Natur, dagegen beflügelte diesen zur Herausbildung seines nordischen Tones, welcher Elemente norwegischer Bauerntänze enthält, Virtuosität vermeidet und die charakterisierende Kraft von Melodiebildung und Rhythmik über wirkungsvolle Effekte stellt. Die Gattungen seiner Werke sind wesentlich bescheidener als die pompösen sinfonischen Werke der mitteleuropäischen Nationalromantik. Die abfallende Tonfolge einer kleinen Sekunde und einer großen Terz oder einer großen Sekunde und einer kleinen Terz besteht, welche er keineswegs als erster Norweger verwendete, ging als „Griegsche Formel“ in die Musikgeschichte ein.

 

 

Margerita Bube

 

 

Mehr über die beiden Komponisten und die skandinavische Musikgeschichte erfahren Sie am 15. Juni in unserer Musikveranstaltung.

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