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Linde Fröhlich

Im Gespräch: Linde Fröhlich, Leiterin der 48. NORDISCHEN FILMTAGE in Lübeck

KULTURHUS BERLIN: Was unterscheidet Ihrer Meinung nach den aktuellen skandinavischen Film von dem, was derzeit in Deutschland produziert wird?

Linde Fröhlich: Generell zeichnen sich die aktuellen skandinavischen Filme durch starke Geschichten aus. Aus Skandinavien kommen Filme, die direkt Fragen des menschlichen Miteinanders behandeln. Fragen der Familie, der Integration, es geht um Außenseiter der Gesellschaft, um Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts, der in den skandinavischen Ländern ein anderer ist als in Deutschland. In den skandinavischen zeitgenössischen Produktionen spiegelt sich eine Haltung wider, die aus dem gesellschaftlichen Miteinander resultiert, und mitunter skurrile bis groteske Elemente enthält. Das ist meiner Meinung nach der Unterschied zu den aktuellen Produktionen aus Deutschland, wo man eher auf traditionellere Themen setzt. Ein Film wie „Adams Äpfel“, der aus Dänemark kommt und jetzt in Deutschland so erfolgreich ist, wäre als deutsche Produktion derzeit kaum vorstellbar.

KULTURHUS BERLIN: Welche Haltung steht dahinter?

Linde Fröhlich: Es gibt in den skandinavischen Ländern traditionell einen großen Stolz auf die eigene Kultur. Sie besitzt einen sehr hohen Stellenwert. In Skandinavien leben nicht so viele Menschen wie in Deutschland, es sind bevölkerungsmäßig kleinere Länder, kleine Sprachen. Daraus resultiert dieser sehr bewußte Umgang mit der eigenen Kultur. Sicherlich bekommen auch die skandinavischen Regisseure das Geld nicht einfach geschenkt, aber die Rahmenbedingungen stimmen. Hinzu kommt, dass es auch in der Filmbranche selbst eine gute Kommunikation untereinander gibt. Man kennt sich, es gibt wechselnde Kooperationen und Beziehungen. Anders Thomas Jensen zum Beispiel schreibt Drehbücher für andere Regisseure und inszeniert seine eigenen Filme. Man kann sagen, man feuert sich gegenseitig an.

KULTURHUS BERLIN: Was finden Sie in der derzeitigen Entwicklung in filmischer Hinsicht ganz besonders interessant?

Linde Fröhlich: Von Beginn an ist ja die internationale Filmgeschichte von großen Namen aus Skandinavien beeinflußt worden. Von Dreyer bis Bergman waren es immer auch Regisseure aus dem Norden, die das Weltklima im Film befruchtet und für ihre jeweilige Zeit völlig Neuartiges entwickelt haben. Da gibt es eine gewisse Tradition, die bis in die heutige Zeit reicht, angefangen mit Dänemark, wo ausgelöst durch Lars von Trier mit Dogma 95 etwas Neues entstand. In den letzten Jahren ist eine neue Generation skandinavischer Regisseure herangewachsen, die auf neue Themen setzt, ein junges Publikum im Fokus hat und in der Filmsprache experimentiert. Der schwedische Film „Falkenberg Farewell“ beispielsweise, beschreibt die Stimmung und Unsicherheit unter jungen Menschen, die vor einem Wendepunkt in ihrem Leben stehen und setzt sie nach guter skandinavischer Tradition in Verbindung mit der Natur. In Norwegen, wo vor einiger Zeit eine nationale Filmhochschule gegründet wurde und wo es eine sehr gute Kurzfilmförderung gibt, finden wir die Tendenz, dass surreal absurde, komische Kurzfilme, jetzt in eine lange Form gebracht werden.

KULTURHUS BERLIN: Welchen Stellenwert hat der Kinderfilm in Skandinavien? Welchen Stellenwert messen Sie ihm bei?

Linde Fröhlich: Einen großen, was sich auch in unserem Programm zeigt. Als wir 1979 das erste Kinderfilmfest organisierten, lag Kinderfilmdeutschland am Boden, das heißt: Westdeutschland. Es gab viele Produktionen aus den osteuropäischen Ländern, vor allem aus der Tschechoslowakei und der DDR. Aber von hier kam nichts. In Skandinavien war das zu der Zeit schon ganz anders. Kinder wurden und werden dort als Menschen wahrgenommen, die Kultur brauchen. Sie werden in ihren unterschiedlichen Entwicklungsstufen sehr ernst genommen. Um es mal an einem Bild zu zeigen: Wenn wir damals aus Deutschland nach Skandinavien kamen, haben wir uns über diese komischen Stühle in den Restaurants gewundert – spezielle Stühle für Kinder gab es bei uns in Restaurants einfach noch nicht. In Skandinavien gibt es seit langem Kinderfilmkonsulenten, Kinder- und Schulkinos, die Kinder wachsen mit Filmen auf, die in ihrem Land entstehen und eben nicht nur aus Hollywood kommen. Der Regisseur Thomas Villum Jensen sagte einmal, für ihn waren die großen Regiehelden seiner Kindheit Bille August, Sören Kragh-Jacobsen, Lasse Hallström. Das heißt, in Skandinavien wurden Filme hergestellt, die junge Leute angesprochen und nachhaltig geprägt haben. Erfreulicherweise werden ja auch in Deutschland wieder mehr Kinderfilme produziert. Aber wenn ich mir für den deutschen Kinderfilm etwas wünschen würde, dann, dass es mehr Mut gäbe – auch im Fernsehen und in den Förderinstitutionen – für Kinderfilme, die Kinder im Alltag in der heutigen Gesellschaft zeigen. Kinderfilme, die nach einem eigenen Drehbuch und nicht – wie häufig – nach einer erfolgreichen literarischen Vorlage gedreht werden.

KULTURHUS BERLIN: Nun müssen skandinavische Filme auch ins deutsche Kino: Wie reagieren die deutschen Verleihfirmen?

Linde Fröhlich: Die Nordischen Filmtage Lübeck sind im Unterschied zu einigen anderen Festivals mit großen Filmmärkten, keine reine Verkaufspräsentation. Wir zeichnen uns aus durch ein großes und begeisterungsfähiges Publikum. Das wiederum schätzt durchaus auch eine Reihe von Verleihfirmen, die die Filme vielleicht schon auf einem Filmmarkt gesehen haben, in Lübeck aber eben ein deutsches Publikum und dessen Reaktionen sehen können.

Das Gespräch führte Ulrike Schulz

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