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Jo Nesbø

"Das meiste in der Literatur ist ein Krimi". KULTURHUS BERLIN im Gespräch mit Jo Nesbø über Fußball, Whisky und - Krimis

Er arbeitete als Broker, Journalist und Musiker. Heute ist er der erfolgreichste Autor Norwegens. Er schreibt Krimis, die in 17 Ländern erscheinen. Und er kommt mit seinem neuesten Buch nach Berlin. Jo Nesbø.

In Nesbøs neuem Roman "Der Erlöser" jagt Kommissar Harry Hole einen Auftragsmörder. Der kommt aus Kroatien und hat einen hochrangigen Mitarbeiter der norwegischen Heilsarmee umgebracht. Alles spielt zur schönsten Vorweihnachtszeit in Oslo, doch zur Besinnung kommt die Stadt nicht. Es geschehen neue Morde, die - an Brutalität kaum zu überbieten - das Leben für Harry Hole ohne Whiskey unerträglich machen. Dass Nesbøs anarchistischer Ermittler im Staatsdienst die Reihe perfider Verbrechen aufklärt, lässt ihn am Ende eine Entscheidung treffen, der man durchaus mit mulmigem Gefühl begegnen kann. Ein richtig schönes, dickes, packendes Buch.

 

KULTURHUS BERLIN: In Ihrem neuen Buch würdigen Sie den Jahrhunderttorwart Lew Jaschin auf eine ganz besondere Weise. Ist er für Sie auch der größte Torwart aller Zeiten?

Jo Nesbø: Endlich eine anständige Frage in einem Schriftstellerinterview! Ich kann mich nicht an Lev Yashin - das ist unsere Schreibweise - erinnern, sondern habe ihn nur auf alten Aufnahmen gesehen, hauptsächlich von der WM 1966 in England. Die besten Torhüter in meiner Zeit sind ja Oliver Kahn von Bayern München / Deutschland und Peter Smeichel - von Manchester United / Dänemark. Aber da Sie danach fragen, Sepp Mayer gefiel mir gut. In einer Zeit, als der deutsche Fußball sehr maschinenartig war, war er gut, aber auch menschlich. An guten Tagen ganz hervorragend, aber ... der Satz braucht wohl keinen Schluss.

KULTURHUS BERLIN: Wieso trinkt Harry Hole eigentlich Bourbon und keinen Scotch?

Jo Nesbø: Das ist keine Geschmackssache, das ist eine Sache der Gewohnheit. Harry hat es gelernt, den Geschmack von Bourbon mit der weichen, kühlen Dunkelheit zu verbinden, die er Betäubung nennt.

KULTURHUS BERLIN: Ihr Kommissar bewegt sich nicht nur auf rechtsstaatlichen Wegen. Das macht ihn durchaus sympathisch. Aber möchten Sie im realen Leben eine Polizei, die sich nicht an die Regeln hält?

Jo Nesbø: Und endlich eine leichte Frage! Nein.

KULTURHUS BERLIN: Sehen Sie sich in einer Tradition skandinavischer Kriminalschriftsteller?

Jo Nesbø: Nein. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass ich nicht - wie alle anderen Kulturproduzenten – in Traditionen stehe. Bloß dass ich mich nicht selbst sehe. Der Vorteil, sich nicht selbst zu deutlich zu sehen, ist natürlich, dass man sich einbilden kann, ein hundertprozentiges Original zu sein, bei dem alles aus einer Art angeborenem Erzählergen stammt.

KULTURHUS BERLIN: Und was würden Sie sagen, ist das besondere an skandinavischen Kriminalromanen?

Jo Nesbø: Dass sie aus Norwegen, Schweden oder Dänemark kommen.

KULTURHUS BERLIN: Wie haben Sie das Schreiben von Krimis gelernt?

Jo Nesbø: Beim Lesen von Literatur. Nicht in erster Linie beim Lesen der Bücher, auf denen KRIMI auf dem Umschlag stand. Das meiste in der Literatur ist ein Krimi. Norwegens größter Krimiautor ist meiner Meinung nach Henrik Ibsen. „Hedda Gabler“ und „Die Stützen der Gesellschaft“ sind klassische Kriminalgeschichten.

KULTURHUS BERLIN: Der Erfolg der skandinavischen Kriminalliteratur in Deutschland könnte auch dem Umstand geschuldet sein, dass hierzulande einfach eine spannende zeitgenössische Literatur fehlt, die sich mit den gesellschaftlichen Realitäten beschäftigt. Da helfen dann die Krimis aus dem Norden. Bekommt der Kriminalroman heute eine neue Bedeutung?

Jo Nesbø: Ja, das sehe ich genauso. Ich denke, dass in einer Zeit, die durch die Abwesenheit von Systemkonflikten geprägt ist, die Kriminalliteratur eine Dramatik zwischen Gut und Böse herzustellen vermag. Die kapitalistische Sozialdemokratie hat gesiegt, und wir warten bloß darauf, dass der Rest der Welt dem nachfolgt. In Skandinavien und Nordeuropa ist die dominierende Tendenz der Konsens, wir bejubeln uns selbst, sind die Apostel der Gerechtigkeit, und der Rest der Welt möge durch sanftes Überreden und die Macht des Vorbilds erlöst werden. Wir denken nämlich, dass die westliche Demokratie selbst die Schwerkraft der Zivilisation ist, dass sie sich im Laufe der Zeit durchsetzen wird. Inmitten dieser Klarheit ist dann ein offensichtlich sinnloser Mord in der Nachbarschaft etwas nahezu Befreiendes.

Das Interview führte Ulrike Schulz im Juni 2007.

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