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Boel Westin
Quelle: Privat

„Idee von Freiheit durch die Idee einer Familie“

Boel Westin ist Professorin für Literaturwissenschaft an der Universität Stockholm, sie ist Autorin und Rezensentin der schwedischen Tageszeitung „Dagens Nyheter“, vor allem aber ist sie die bekannteste Expertin für das Werk von Tove Jansson. 1988 schrieb sie die erste Doktorarbeit über die Mumins, es folgten weitere Bücher über das Gesamtwerk von Tove Jansson. Im Februar kommt sie auf Einladung des KULTURHUS BERLIN in die Stadt, um über Tove Jansson und die Muminwelt zu sprechen und uns einen Einblick in ihre Forschung über die finnlandschwedische Künstlerin zu geben.

 

KULTURHUS BERLIN: Seit wann interessieren Sie sich für die Geschichten der Mumins – haben Sie die Bücher als Kind gelesen bzw. haben Ihre Eltern sie Ihnen vorgelesen oder haben Sie sie später entdeckt?

Boel Westin: Ja, ich habe sie als Kind gelesen – mein erstes Buch war „Winter im Mumintal“. Seitdem ich das erste Buch gelesen habe, folgen mir die Bücher.

KULTURHUS BERLIN: Sie haben bereits Ihre Doktorarbeit über Tove Jansson und die Mumins geschrieben. Haben die Mumins Ihr wissenschaftliches Interesse an Tove Jansson geweckt?

Boel Westin: In der Tat, aber ich wollte über ihr ganzes Werk schreiben – Literatur und Kunst – von Anfang an. Während meiner Arbeit an der Doktorarbeit entdeckte ich zum Beispiel Tove Janssons frühe Kurzgeschichten und ihre Karriere als politische Satirikerin, die damals unbekannt waren.

KULTURHUS BERLIN: Was macht das Werk von Tove Jansson Ihrer Ansicht nach so interessant?

Boel Westin: Tove Jansson hat oft gesagt, dass sie Grenzen liebt, weil sie Erwartungen beinhalten, die eine wichtige, nach vorne ausgerichtete Bewegung repräsentieren. In ihren Büchern gibt es Grenzziehungen zwischen Sicherheit und Gefahr, zwischen Jung und Alt sowie zwischen dem Individuum und der Familie, die konstant überschritten und vernichtet werden. Dies ist ein Schlüssel zu der Attraktivität ihres Werkes. Und vielleicht am wichtigsten ist die Tatsache, dass Tove Janssons Bücher sowohl Kinder als auch Erwachsene ansprechen.

KULTURHUS BERLIN: Aufgrund Ihrer Forschung lernten Sie Tove Jansson auch persönlich kennen. Wie würden Sie sie als Autorin und als Privatperson beschreiben?

Boel Westin: Als Autorin und Künstlerin testete Tove Jansson permanent die existierenden Grenzen aus, in konstanter Suche nach neuen ästhetischen Ausdrucksmöglichkeiten. Als Privatperson charakterisierte sie eine Kombination aus Integrität und Offenheit.

KULTURHUS BERLIN: Inwiefern hat ihre Homosexualität das Werk von Tove Jansson beeinflusst?

Boel Westin: Ich kann nicht sagen, wie sehr ihre Homosexualität ihre Arbeiten beeinflusst hat, aber natürlich hatte sie einen Einfluss auf ihr schriftstellerisches Werk – sowohl auf die Mumin-Bücher als auch auf ihre späteren Arbeiten, insbesondere die Kurzgeschichten.

KULTURHUS BERLIN: Es ist bekannt, dass einige Figuren aus den Mumin-Geschichten Eigenschaften von Tove Jansson selbst, ihrer Familie und ihren Freunden aufweisen. Bei welchen Figuren zeigen sich diese am deutlichsten?

Boel Westin: Die auffälligsten Beispiele sind die Muminmamma, die auf die Mutter von Tove Jansson, der Künstlerin Signe Hammarsten, beruht, sowie Too-Ticki, basierend auf der Professorin und Graphikerin Tuulikki Pietilä. Sie war für fast vierzig Jahre Tove Janssons Lebensgefährtin.

KULTURHUS BERLIN: Als finnlandschwedische Schriftstellerin erhielt Tove Jansson eine besondere Bedeutung für die Identität der Schwedenfinnen, aber auch für ganz Finnland. Wie schätzen Sie dies ein? Was fasziniert die Menschen an den Mumins – in Finnland und weltweit?

Boel Westin: Das ist eine wirklich schwierige Frage, aber ich will versuchen, sie zu beantworten. Zum einen ist es die Idee von Freiheit, die durch eine Familie zum Ausdruck gebracht wird oder eher durch die Idee einer Familie. Ein weiterer Punkt ist die Philosophie, die durch diese Familie zum Ausdruck kommt. Es ist eine Art, dem Leben eine Perspektive zu geben, die wir nachvollziehen und verstehen, aber auch als neu erleben können. In den Mumin-Büchern erzählt Tove Jansson alte Mythen der Schöpfung nach. Sie benutzt sie, um eine utopische Gesellschaft zu schaffen, in der das Leben zwar bedroht wird, aber doch triumphiert. Die verschiedenen Charaktere stehen für unterschiedliche Bewegungen, Gefühle und Träume. Sie zeigen das Ungleichgewicht zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir sein möchten. Die Mumin-Bücher stellen unser eigenes Leben in Frage.

KULTURHUS BERLIN: Außer den Mumin-Büchern schrieb und illustrierte Tove Jansson auch eine Mumin-Comic-Serie, die bei der englischen Tageszeitung The Evening News erschien. Von 1954 bis 1959 kreierte Tove Jansson den Comic Strip, später ihr Bruder Lars. Eine Sammlung dieser Comic Strips, das Buch „Mumins 1“, erscheint dieses Jahr im November auf Deutsch. Die Publikation ist vergleichbar mit ihrem englisch- und schwedischsprachigen, qualitativ hochwertigen Pendant. Interessanterweise erleben die Comics derzeit eine Art Renaissance – in Kanada erschien der erste Band der Comic-Trilogie 2006 und nun folgt die erste deutsche Ausgabe. Wie entstand die Comic-Serie?

Boel Westin: In den 1950er Jahren gestaltete Tove Jansson eine Reihe von Wandgemälden und Fresken. Zudem hatte sie ihre dritte Einzelausstellung, die bei den Kritikern ein großer Erfolg wurde. Gleichzeitig erschienen zwei neue Mumin-Bücher, „Sturm im Mumintal“ (1954) und „Winter im Mumintal“. Beide wurden bereits kurz nach ihrem Erscheinen ins Englische übersetzt. Verbale und visuelle Aktivitäten überschnitten und verbanden sich und resultierten in multiplen und progressiven Kunstwerken. Die endgültige Bestätigung der Attraktivität der Mumins auf dem internationalen Markt war das Angebot der Associated Newspapers 1953. Im folgenden Jahr begann die Serie der Mumin-Cartoons in den Evening News. Schnell wurde der Comic-Strip in zahlreiche Länder auf der ganzen Welt verkauft. Der Erfolg der Mumintrolle hatte jedoch seinen Preis. Tove Jansson hatte einen Vertrag für sieben Jahre unterschrieben, der täglich einen Comic-Strip verlangte, sechs Tage die Woche. Sie wurde für einen Monat nach London geschickt, um diesen Job von den Profis in der Fleet Street zu lernen. Diese anscheinend beängstigende Periode hat sie in ihrer Kurzgeschichte „Serietecknaren“ (Die Comic-Zeichnerin, 1978) verarbeitet, die in der Sammlung „Dockskåpet” (Die Puppenstube) erschien. Auch wenn der Comic Strip Tove Jansson eine neue Ausdrucksmöglichkeit eröffnete, überschattete die konstante Suche nach neuen Ideen und Geschichten bald alle anderen Aktivitäten. Sobald die vereinbarte Vertragslaufzeit 1959 auslief, beendete sie ihre Arbeit als Cartoonistin. Ihr Bruder Lars hatte zuvor schon einige Jahre an den Comics mitgearbeitet und übernahm nun die Comic-Serie. Er führte sie 15 Jahre lang weiter.

KULTURHUS BERLIN: Als Tove Jansson den Comic-Strip 1959 an ihren Bruder Lars übergab, hörte sie auf eigenen Wunsch auf. War es dennoch schwer für sie, die Arbeit als Comic-Zeichnerin zu beenden oder war es eine Erleichterung für sie? Veränderte sich die Comic-Serie, nachdem ihr Bruder Lars sie übernommen hatte?

Boel Westin: Es war ganz sicher eine Erleichterung für Tove Jansson, den Comic-Strip zu verlassen. Und ja, er veränderte sich, als ihr Bruder ihn übernahm. Man könnte sagen, dass es nun mehr um Maschinen und um die moderne Gesellschaft ging.

KULTURHUS BERLIN: Was unterscheidet die Mumin-Comics primär von den Büchern?

Boel Westin: Es gibt natürlich Unterschiede zwischen den Büchern und dem Comic-Strip – das Syndikat wollte den Comic-Strip „erwachsener“, wie sie es ausdrückten. Aber ebenso wie die Mumin-Bücher kann er sowohl von Kindern als auch von Erwachsenen gelesen werden.

Das Interview führte Inken Dose im November 2008.

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