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Susanna Fredriksdottir
Susanna Fredriksdottir

Fotos: privat

„In Deutschland bin ich mehr Ausländer als in Island“ - KULTURHUS BERLIN im Gespräch mit Susanna Fredriksdottir

Susanna Fridriksdottir, 38 Jahre, kommt aus Berlin und lebt seit 10 Jahren in Island. Sie arbeitet als Chemie-Ingenieurin beim Generika Pharmahersteller Actavis Group hf.

 

KULTURHUS BERLIN: Was war deine Motivation nach Island zu gehen?

Susanna Fridriksdottir: Ich wollte nach Abschluss des Studiums ein Jahr etwas ganz anderes machen und nicht sofort in mein Fachgebiet einsteigen. Und da ich bereits vorher Austauschstudent an der Uni in Island gewesen war, beschloss ich, ein weiteres Jahr dort zu verbringen, um das angefangene Isländischstudium abzuschließen und nebenbei zu arbeiten. Ich arbeitete ein Jahr in einem Wohnheim für Behinderte. Es war eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte, beides – in einem neuen Gebiet zu arbeiten, und gleichzeitig in einem anderen Land zu arbeiten und die Sprache zu lernen. Dieses Jahr half mir, mich in Island zurechtzufinden und Leute kennen zu lernen. Und es war einer der Ausgangspunkte, warum ich letztendlich blieb.

KULTURHUS BERLIN: Warum bist du dann geblieben?

Susanna Fridriksdottir: Es war nicht geplant, für längere Zeit zu bleiben. Zu dieser Zeit war es allerdings in Deutschland nicht einfach einen Arbeitsplatz zu bekommen. In Island sah der Arbeitsmarkt ganz anders aus, dort wurden Ingeneure und Leute mit Hochschulausbildung gesucht. Ich schrieb eine Bewerbung zur Übung, schickte sie ab und bekam die Stelle – und dort arbeite ich heute nach fast 10 Jahren immer noch.

KULTURHUS BERLIN: Warum hast du überhaupt Isländisch gelernt?

Susanna Fridriksdottir: Wir haben Verwandte in Island. Der Bruder meiner Oma wanderte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nach Island aus. Er blieb dort, heirate eine Isländerin und gründete eine Familie. Die Eltern fuhren mit uns Kindern in den Sommerferien ein paar Mal dorthin, und diese Fahrten blieben in ganz besonderer Erinnerung. Wir besuchten die Verwandten, doch die Frau des Großonkels sprach nur isländisch, keine andere Sprache. Ich wollte aber gerne mit ihr reden können, und so dachte ich, das kann man doch lernen. Und nach einem Tipp einer Isländerin, dass es an der Humboldt-Universität in Berlin Isländischkurse gibt, meldete ich mich dort an und lernte die Sprache.

KULTURHUS BERLIN: Was fasziniert dich an Island besonders?

Susanna Fridriksdottir: Ich liebe die Natur, ich liebe wandern und zelten, und Island ist das Paradies für solche Aktivitäten. Das Land ist sehr rau, sehr kahl und sehr einsam an einigen Stellen. Andere Stellen sind wiederum sehr farbenprächtig. Es ist einfach eine einmalige Mischung: Eis, Wasser, Feuer – was man eigentlich kaum beschreiben kann, wenn man es nicht gesehen hat.

KULTURHUS BERLIN: Worin unterscheiden sich Kultur bzw. Mentalität der Menschen dort von denen der Deutschen?

Susanna Fridriksdottir: Island ist eine Mischung aus ganz moderner und uralter Gesellschaft. Die moderne Gesellschaft hat wenig Zeit, lebt immer im Stress. Gleichzeitig sind die Menschen ganz entspannt und ruhig, egal was passiert. Zeit zu haben und gleichzeitig keine zu haben, passt eigentlich nicht zusammen, aber das ist das Gefühl, dass man dort bekommt.

KULTURHUS BERLIN: Welche isländischen Besonderheiten waren gewöhnungsbedürftig für dich?

Susanna Fridriksdottir: Die Bevölkerung ist nicht sehr zahlreich, etwa 320.000 Leute, das ist nicht viel. Man muss deshalb nicht lange suchen, bis man einen gemeinsamen Bekannten findet, wenn man neue Leute trifft. Und da ich in Island selbst Verwandte habe, meinen Onkel, gehöre ich mit zu dem Kreis, zumal meinen Onkel viele kennen. Das ist manchmal ein Vorteil, dass alle Leute alle Leute kennen, aber manchmal ist es fast schon unangenehm. Man ist nie alleine. Jeder kennt jeden und weiß alles über den anderen. Das ist ein komisches Gefühl, woran man sich am Anfang gewöhnen muss.

Ein zweiter Punkt ist die Unpünktlichkeit der Isländer bzw. nach 10 Jahren sind mir die Deutschen zu pünktlich. In Deutschland, heißt es wirklich pünktlich um halb vier, nicht 10 Minuten vorher oder 10 Minuten später. Wenn ich mich in Island verabrede, dann heißt halb vier, auf keinen Fall früher und wahrscheinlich vor halb fünf sowieso nicht. Als ich neulich zum Kaffee ein deutsches Ehepaar und Isländer aus dem Orchester zu mir nach Hause einlud, da sagte ich den Isländern um drei Uhr und den Deutschen zwischen halb vier und vier und dann kamen sie alle zur gleichen Zeit.

KULTURHUS BERLIN: Warum hast du die isländische Staatsbürgerschaft angenommen?

Susanna Fridriksdottir: Das machte ich vor drei Jahren. Ich wollte den Isländern zeigen, dass ich mich dort wohl fühle und gerne in ihrer Kultur leben möchte, zumindest die nächsten Jahre. Deshalb änderte ich auch meinen Namen. Das kann man machen, wenn man die isländische Staatsbürgerschaft erhält. Deshalb heiße ich in Island Susanna Fridriksdottir, weil mein Vater Friedrich heißt. Das ist das System in Island, die Kinder bekommen als Nachnamen den Vornamen des Vaters mit Sohn oder Tochter hinten dran. Ich nahm die Staatsbürgerschaft allerdings nur an, weil ich die deutsche behalten durfte, d.h., meinen deutschen Pass habe ich auch noch und in Deutschland heiße ich Susanne Ernst.

KULTURHUS BERLIN: Wie lange wohnst du jetzt in Island?

Susanna Fridriksdottir: Ziemlich genau 10 Jahre, am 16.8.1999 meldete ich mich in Island an.

KULTURHUS BERLIN: Damit kennst du die Entwicklung des Landes über einen langen Zeitraum. Wie ist die Situation heute im Vergleich zu von vor 10 Jahren und insbesondere angesichts der Weltwirtschaftskrise?

Susanna Fridriksdottir: Vor drei Jahren sagten alle Deutschen in Bezug auf die Staatsbürgerschaft zu mir, du bist doch blöde, das zu machen. Ich sagte, es tut mir ja nicht weh, und was ist zum Beispiel, wenn die Arbeitslosigkeit nicht mehr 0 Prozent ist, sondern vielleicht 10 Prozent? Dann ist es doch wahrscheinlich, dass Ausländer zuerst davon betroffen sind. Genau das ist im letzten Jahr eingetreten. Viele Arbeitsstellen, die mit Ausländern besetzt waren, fallen jetzt weg, weil es keine Aufträge mehr gibt. Und wenn eine Stelle neu besetzt wird, können Arbeitgeber sich die zukünftigen Angestellten jetzt aussuchen, und sie wählen solche, die die Sprache beherrschen und von denen sie wissen, wie sie arbeiten. Damit ist es für mich derzeit auf alle Fälle kein Nachteil, die isländische Staatsbürgerschaft zu haben.

KULTURHUS BERLIN: Wie ist die Stimmung derzeit im Land?

Susanna Fridriksdottir: Die Verunsicherung war sehr groß, weil die Leute in den letzten Jahren im Überfluss lebten, die Banken liehen ihnen Geld, Geld und nochmals Geld. Alle kauften sich große Autos und schicke Wohnungen. Und wenn der Nachbar etwas Größeres hatte, dann brauchte man etwas noch Größeres. Ich denke, die Angst nach dem Zusammenbruch der isländischen Banken kam, weil man befürchtete, sich diesen neuen Luxus nicht mehr leisten zu können. Ein paar Wochen später schlug die Stimmung um, man besann sich wieder auf alte Werte, man hatte plötzlich wieder Zeit, Freunde zu besuchen. Die Strickläden konnten nicht nachkommen, Wolle zu liefern, weil alle wieder mit Handarbeiten anfingen, und der isländische Wollpullover seine zweite Renaissance erlebte.

KULTURHUS BERLIN: Wie siehst du die Zukunft von Island?

Susanna Fridriksdottir: Es wird Veränderungen geben. Derzeit ist der Beitritt zur Europäischen Union ein großes Thema. Da gibt es viele Diskussionen, Gegner und Befürworter stehen sich gegenüber. Es könnte sogar sein, dass es zu diesem Thema eine Volksabstimmung gibt.

KULTURHUS BERLIN: Wird Island der EU beitreten?

Susanna Fridriksdottir: Ich denke, es gibt keine andere Möglichkeit. Es sind bereits zu viele Staaten in der EU, so dass es für die außerhalb schwierig wird, sich zu behaupten. Man könnte sich noch nach Westen, Richtung Amerika orientieren, doch das, denke ich, geht von der Mentalität her nicht.

KULTURHUS BERLIN: Unter welchen Umständen, glaubst du, würdest du Island wieder verlassen?

Susanna Fridriksdottir: Ich könnte mir vorstellen, wenn mir die Gesellschaft nicht mehr gefällt. Vor 10 Jahren fühlte man sich ganz sicher in Island. In den letzten Jahren nahm die Kriminalität sehr stark zu. Wenn man sich also nicht mehr so sicher und wohl fühlt, könnte das ein Grund sein, zu gehen. Obwohl ich bei Besuchen in Berlin immer mehr merke, dass ich in Deutschland mehr Ausländer bin als in Island.

Der Arbeitsmarkt ist natürlich ebenfalls ein Grund. Sollte es einmal nichts mehr zu tun geben, kann ich mir nicht vorstellen, dass ich ohne Arbeit einfach nur rumsitze. Aber das muss nicht heißen, dass ich nach Deutschland zurückgehe, das kann auch woanders hin sein.

In Island wandern gerade junge Leute, die eine Familie ernähren müssen, nach Norwegen aus. Auch Leute, die im Ausland studieren, kommen erst gar nicht wieder zurück, wenn sie sehen, dass sie dort einen sicheren Arbeitsplatz bekommen können. Wenn das so weiter geht, könnte das ein Problem werden, weil sich die Bevölkerungszusammensetzung ändert und seit vielen, vielen Jahren, die Bevölkerung in Island erstmalig wieder sinkt und nicht steigt.

KULTURHUS BERLIN: Gibt es etwas, was dich in Island nach all den Jahren noch verwundert?

Susanna Fridriksdottir: Dass die Leute alles zum gesetzten Zeitpunkt fertig bekommen. Und sie können anpacken, wenn es darauf ankommt. Das ist etwas aus dem alten Erbe. Wenn man gebraucht wird, packt jeder mit an, um eine Arbeit zu Ende zu bringen, weil man sonst einfach nicht überlebt.

Das Gespräch führte Claudia Rach im Oktober 2009.

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