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Thierry Cappezone
Thierry Cappezone
Foto: privat
Thierry Capezzone: H. C. Andersen Junior. Mein Freund Victor. Jan Rybka. ISBN: 87-989692-5-0. 12,- EUR

"Ich mag die Art der Dänen, vielleicht bin ich ja ein merkwürdiger Franzose." - Kulturhus Berlin im Gespräch mit Thierry Cappezone

Thierry Cappezone ist 1963 in Lyon (FR) geboren und begann dort seine Karriere als Comic-Zeichner; unter anderem als Mitarbeiter bei "Die Schlümpfe" und beim franko-belgischen Comicmagazin "Spirou". Mit 30 Jahren zog er nach Dänemark, wo er seit 2003 eines der erfolgreichsten dänischen Comic-Alben im Eigenverlag herausgibt: "H. C. Andersen Junior". Der vierte Band dieser Reihe ist seit September im deutschen Handel erhältlich.

 

KULTURHUS BERLIN: Du bist im Mai zur Comicmesse in Erlangen gekommen und hattest einige Exemplare des vierten Bandes von "H.C. Andersen Junior", "H.C. Andersen Junior und mein Freund Victor Hugo", dabei.

Thierry Cappezone: Ich möchte gerne den deutschen Markt ausprobieren und habe versuchsweise 700 Bücher in deutscher Übersetzung herausgebracht, um zu sehen, wie die Leute darauf reagieren. Die etwa 150 Bücher, die ich mit nach Erlangen genommen habe, waren nach drei Tagen ausverkauft. Das lief erstaunlich gut. Nebenbei habe ich eine Menge Kontakte geknüpft, u. a. zu einem deutschen Händler, MSW Medienservice aus Wuppertal, der sehr daran interessiert war, die Bücher in die deutschen Läden zu bringen und dafür zu sorgen, dass sie bekannt werden. Gerade letzte Woche habe ich ihm 350 Bücher geschickt. Also sind von den 700 nicht mehr so viele übrig, weshalb ich sagen würde, dass die Probe ein voller Erfolg war. Jetzt plane ich, die ersten drei Bände auch auf Deutsch herauszubringen.

KULTURHUS BERLIN: Worum geht es bei "H.C. Andersen Junior"?

Thierry Cappezone: Es handelt von Hans Christian Andersen, natürlich. Von "HC" [Andersens Name wird in Dänemark gern liebevoll zu HC [ho:se:] gekürzt; Red.] als Kind. Im ersten Band hat er einen magischen Hut, mit dem er, wenn er ihn aufhat, durch seine eigenen Märchen reist. Dort trifft er verschiedene Figuren aus den Geschichten, wie die kleine Meerjungfrau oder das Mädchen mit den Schwefelhölzern, aber auch aus seinem richtigen Leben. Er hatte ein fantastisches Leben. Er traf Victor Hugo wirklich, aber erst als er 30 Jahre alt war. In meinem Buch trifft er ihn, als er acht oder neun Jahre alt ist. Es ist also ein bisschen fiktiv, aber immerhin haben sie sich ja wirklich getroffen. Genauso ist es mit den Gebrüdern Grimm, die im dritten Band auftauchen. Das ganze Konzept von "H.C. Andersen Junior" ist also eine Mischung aus seinem Leben, seinen Märchen, ein wenig Magie und ein bisschen Fiktion. H.C. Andersen war ein Junge, der etwas schüchtern war, ein Junge, der etwas ... etwas dänisch war, nicht? Und Victor Hugo war das genaue Gegenteil: ein richtiger Franzose mit viel Temperament. Das ist gutes Material, mit zwei Antagonisten, so wie bei "Asterix und Obelix". Im nächsten Album, an dem ich gerade arbeite, soll es um das Tivoli gehen, den großen Vergnügungspark in Kopenhagen, der HC inspiriert hat.

KULTURHUS BERLIN: Ist das für die unterschiedlichen nationalen Zielgruppen ausgelegt? Victor Hugo, die Brüder Grimm…

Thierry Cappezone: Nein, wir folgen nur seinem Leben. Andersen ist sehr viel gereist: Er war in Italien, in Frankreich, Deutschland und in England. Er hat auch Charles Dickens getroffen, und ich denke, dass es ein äußerst spannendes Album mit "H.C. Andersen Junior" geben könnte, der nach London reist, mit ein bisschen Mystik – er könnte ein kleines Mysterium aufklären... Das Treffen mit Charles Dickens lief nicht so gut, Charles Dickens konnte HC ganz einfach nicht leiden, das könnte man auch verwenden.

KULTURHUS BERLIN: Wie bist du auf die Idee mit HC als Kind gekommen?

Thierry Cappezone: Oh, pfff (lacht), es ist immer schwierig, zu sagen, woher die Idee kam. Vermutlich waren es viele Elemente, die geholfen haben. Vor allem die Tatsache, dass ich in Odense gelebt habe. Ich wohnte ganz in der Nähe von H.C. Andersens Haus, da dachte ich natürlich, dass es spannend sein könnte, zu dem Thema zu arbeiten. Aber was kann man noch Neues über ihn sagen? Ich war es leid, alle diese weit hergeholten Theorien zu hören, dass er schwul war, der Sohn des Königs usw. Ich liebte einfach seine Märchen. Deshalb dachte ich, dass es schön wäre, die zu visualisieren. Ich komme von dem französisch-belgischen Zeichenstil her und habe damals ein wenig bei den Schlümpfen mitgearbeitet und mit vielen Figuren, die für Kinder gedacht waren. Da dachte ich, ich könnte eine Comicfigur für Kinder nutzen und etwas über HC machen. So kam ich auf die Idee der Kinderfigur HC. Wo der magische Hut herkam, weiß ich nicht mehr, aber ich denke, dass ich im Gespräch zusammen mit Jan [Jan Rybka ist Co-Autor von "H.C. Andersen Junior", Red.] darauf gekommen bin. Wir sprachen darüber, wie man etwas Schönes zu HC machen könnte, etwas Spannendes, um nicht einfach von ihm zu erzählen, erst recht nicht seine Märchen zu illustrieren. Wir mussten etwas Neues machen. Und so fing das 2003 an.

KULTURHUS BERLIN: Du gibst die Hefte im Eigenverlag heraus?

Thierry Cappezone: Ja, mit den ersten zwei Alben habe ich praktisch als Eigenverlag angefangen. Dann waren französisch-belgische Verlage an den Heften interessiert und gaben die ersten drei Alben auf Französisch heraus. Auch ein norwegischer Verlag war interessiert, hat aber nur ein Album herausgebracht, da er anschließend in Konkurs ging. (lacht). Dann gibt es noch einen vietnamesischen Verlag, der drei Alben herausgab. In Frankreich lief es nicht so gut, sie haben die Zusammenarbeit mit mir eingestellt, weshalb ich nun also wieder im Eigenverlag bin. Es funktioniert hier ausgezeichnet, da die Figur ein Publikum gefunden hat und sich die Alben ziemlich gut verkaufen. Ich bin gespannt auf die Reaktionen in Deutschland. Der Händler will im September anfangen, die Hefte zu verteilen.

KULTURHUS BERLIN: Wie sieht der Comic-Markt in Dänemark aus?

Thierry Cappezone: Sehr klein. Es gibt wenig, was sich gut verkauft. Ich bin zum Glück einer der wenigen Comiczeichner, die Fuß gefasst haben; wahrscheinlich auch, weil meine Comics von HC handeln. Dann gibt es noch Peter Madsen, der die "Valhalla"-Serie zeichnet, er ist der berühmteste Comic-Künstler in Dänemark und ganz Skandinavien. Allerdings sind es die Leute in Dänemark nicht gewohnt, Comicserien zu lesen. Ich hoffe, dass sich das ändert. Zumindest weiß ich, dass man angefangen hat, in der Schule im Dänisch-Unterricht über Comics zu reden und denke, das ist ein guter Schritt.

Comics waren in Dänemark in den 70er Jahren unheimlich populär. Damals gab es viele Blätter auf den Straßen zu kaufen; aber in den 80er und 90er Jahren hat die Comic-Kultur durch die Verbreitung von Computer und Internet stark an Bedeutung verloren. Die jungen Leute haben Comics mittlerweile nahezu komplett vergessen. Ich glaube, das Problem liegt in erster Linie bei den Verlagen. Sie berechnen ausschließlich die Marktchancen und sehen dabei vor allem das Risiko, etwas Neues herauszugeben. Wenn die Verlage die Sache so angehen, dass sie Comics nicht herausgeben, weil sie nicht funktionieren, ändert sich natürlich nichts. Stattdessen sollte man so argumentieren, dass man etwas Neues sucht, eine neue Idee, einen neuen Stil, damit sie sich wieder verkaufen. Aber das tun die Verlage nicht.
Deshalb bin ich gezwungen, das selbst zu übernehmen. Der Vorteil daran ist, dass ich niemanden über mir habe, keinen Verlag, der mir Vorschriften macht. Ich glaube, dass der norwegische Markt für Comics größere Chancen bereithält. Dort gibt es beispielsweise auch viele Zeitschriften, die hier in Dänemark nicht angeboten werden. Der größte, hier ansässige Verlag, der Comics herausgibt, ist Egmont und der ist absolut risikoscheu, weshalb sie auch eine ziemlich schlechte Reputation in Dänemark haben und ein negatives Bild von der dänischen Comic-Kultur abgeben.

KULTURHUS BERLIN: Kannst du von "H.C. Andersen Junior" leben?

Thierry Cappezone: Ja, doch. Natürlich mache ich noch andere spannende Sachen, freelance-Arbeit. Wenn ich nur HC hätte, würde ich hart an der Grenze leben.

KULTURHUS BERLIN: Glaubst du, dass die Comics, die in Dänemark funktionieren, diejenigen mit speziellen dänischen Themen sind?

Thierry Cappezone: Ja sicher, das, was sich hier gut verkauft, ist die nordische Mythologie in "Valhalla" und HC. Dann gibt es da noch die Strips [kurze Comic-Sequenzen, die in Tageszeitungen u.ä. erscheinen; Red.], so wie "Ganske Vist" von Rasmus Julius, der jede Woche einen neuen Strip macht. Irgendwann sind die Leute daran gewöhnt, kennen es aus der Zeitung oder dem Internet, und wenn sie dann ein Sammelalbum sehen, erkennen sie es wieder und kaufen es. Also das funktioniert, aber es gibt niemanden, der etwas Neuem eine Chance gibt. Das ist nicht die dänische Mentalität.

KULTURHUS BERLIN: Wie z.B. mit "Calvin und Hobbes".

Thierry Cappezone: Ja, aber das ist auch etwas Besonderes, "Calvin und Hobbes" ist genial! Die Sachen, die funktionieren, sind die Sachen, die gut sind! Ich denke auch an die ersten Folgen von "Tim & Struppi". Die waren damals genial, und die verkauften sich, weil es gutes Material war. Wenn du dir "Tim & Struppi" ansiehst, dann ist das ein Zeugnis seiner Zeit: Es zeigt alles, was im 20. Jahrhundert passiert ist. Vielleicht wirkt es heute etwas veraltet, aber es funktioniert immer noch, weil es eine gute Dokumentation und einfach lustig ist mit seinen verschiedenen typischen Figuren, wie Kapitän Haddock.

KULTURHUS BERLIN: Gibt es einen Streit zwischen "graphic-novel" und "mainstream"?

Thierry Cappezone: Ich weiß von keinem Streit. Es ist das Publikum, das beschließt, was läuft. Es gibt so viele Stile: es gibt den französisch-belgischen Stil, es gibt "underground", es gibt "graphic-novel". Ich weiß nicht, ob es eine spezifisch dänische Comic-Kultur gibt, aber hier gibt es viele Strips, eine Strip-Kultur, ein bisschen wie in den USA, und das Publikum entscheidet. Es gibt natürlich viele junge Leute, die ihre Ideen auf eine neue Art und Weise ausdrücken wollen, die ihre eigenen Rezepturen verwenden und auch andere Techniken, weil sie denken, dass das, was da ist, nicht funktioniert. Aber was ist ein Künstler? Ein Künstler ist jemand, der das ausdrückt, was er in sich hat, und was die jungen Leute in sich haben, das ist ihre eigene Kultur, die stark von all diesen "underground"-Sachen geprägt ist, die im Fernsehen laufen. Die lesen alle möglichen Zeitschriften im Internet usw. Die jungen Leute lesen "H. C. Andersen Junior" oder sie lassen es, und es ist ihnen völlig egal, ob es nun "graphic-novel" oder "mainstream" ist. Sie lesen das, wovon sie denken, dass es gut für sie ist. Ich bin seit 30 Jahren in dem Geschäft, ein alter Zeichner des alten französisch-belgischen Stils. Ich verfolge auch die Sachen, die die Anderen machen, die oft weit von dem entfernt sind, was ich mache, aber man sollte nie vergessen, wo man herkommt. Und wer mag nicht Franquin? Die Schlümpfe gibt es seit 50 Jahren und nächstes Jahr kommt aus den USA ein Film über sie heraus. Sie sind hochaktuell.

KULTURHUS BERLIN: Du bist arriviert...

Thierry Cappezone: Ja, ich wohne hier jetzt seit ...18 Jahren. (lacht) Ich versuche, den Comic-Markt anzuschieben und es scheint ein wenig zu glücken. Ich organisiere Comic-Messen mit vielen französischen Zeichnern, dem Zeichner des "Marsupilamis", von "Spirou", um dem skandinavischen Comic-Markt zu helfen. Im April nächsten Jahres veranstalten wir eine Messe in Horsens in Jütland nahe der deutschen Grenze. Das wird eine richtig große Messe, dazu wird es eine Ausstellung von originalen Zeichnungen geben, von Franquin, von "Spirou". Etwas, was es in Europa noch nicht gegeben hat.

KULTURHUS BERLIN: Wie fühlst du dich in Dänemark?

Thierry Cappezone: Ich wohne in Jütland und ich habe lange in Odense gelebt, aber mein Problem ist, dass ich ein Stadtmensch bin. Ich liebe die Stadt. Die letzten drei Jahre habe ich auf dem Land gelebt und ertrage das nicht mehr. Deshalb ziehe ich bald nach Kopenhagen. Odense ist zwar eine Stadt, aber ich brauche jetzt eine richtige Großstadt, wie z. B. Berlin. Ich war oft da, und die Stadt ist einfach phantastisch, eine wirklich, wirklich geniale Stadt.

Mir geht es unglaublich gut in Dänemark. Hier gibt man aufeinander Acht. Niemand soll arm sein, niemand soll vor Hunger oder Kälte sterben. Und man vergrätzt sich nicht gegenseitig. Die Menschen sind ruhig und machen kein großes Geschrei. Das ist hier ein Land, das mich jeden Tag aufs Neue überrascht. Ich habe viele französische Freunde, die denken, dass das Leben hier nicht schnell genug ist und die Dänen zu langsam sind, aber ich mag die Art der Leute, vielleicht bin ich ja ein merkwürdiger Franzose.

 

Das Gespräch führte Malte Piersig im September 2010.

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