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Duo Gelland

"Es geht für uns immer darum, die Grenzen auszuloten."

Im Raum des RADIALSYSTEMs verteilt, in einem der oberen Stockwerke, liegen dünne Yogamatten mit dicken Kissen. Die Bühne besteht aus vier beleuchteten Notenpulten. Die Szene der zeitgenössischen Musik, die sich heute Abend trifft, ist überschaubar. KULTURHUS war unter den Gästen und nutzte die Gelegenheit, nach dem Konzert mit den Musikern Cecilia und Martin Gelland in Kontakt zu kommen.

KULTURHUS BERLIN: Wie fühlt es sich an, vor einem Publikum zu spielen, das auf Yogamatten liegt oder sitzt?

Cecilia: Ich spüre dann, dass das Publikum bequem sitzt oder liegt und sich Zeit nimmt. Dann ist es schön zu spielen.

Martin: Ich spürte sofort, dass sich im Publikum eine starke Konzentration bildete, der Zuhörer bekommt, auf der Yogamatten liegend, direkten Kontakt mit sich selbst, gleichzeitig kann er zuhören – ohne äußere Ablenkung.


Ihr seid bekannt für euer Interesse an den unterschiedlichsten zeitgenössischen Kompositionen. Heute Abend haben wir Stücke von Ole Lützow-Hohn, Alexander Keuk, Sanna Ahvenjärvi und Hans-Joachim Hespos gehört. Wie muss ein Stück aufgebaut sein, dass es euer Interesse weckt und ihr es einstudiert?
 
C: Unser Anspruch ist es, alle Werke zu spielen, die Komponisten uns widmen. Wir fühlen eine große Verantwortung für unsere Formation, das Violinduo, ein reiches und sehr heterogenes Repertoire für die Zukunft zu sichern, und wir lieben die Herausforderung, den musikalischen Brennpunkt in Partituren zu finden, die der Zeit und dem Klang eine Struktur geben – und dabei Prinzipien folgen, die vielleicht weit auseinander gehen. Einige unserer Lieblingsstücke wurden unter sehr schwierigen emotionalen und intellektuellen Belastungen komponiert. Das ist eine Thematik, die uns anzieht.

M: Ich meine, dass jede künstlerische Schöpfung ihre Qualitäten hat, ich lasse mich jedes Mal von neuem überraschen und sehe dann im Neuen eine unerwartete Herausforderung.


Ihr habt zwischen den Stücken immer wieder kurze Texte von Nelly Sachs vorgetragen, die die Spannung im Raum noch erhöht haben. Wie muss Sprache klingen, dass sie zu eurer Interpretation passt?

C: Dieses Mal hat mir besonders der Alltag in den Texten gefallen, der Augenkontakt mit dem Kind in der U-Bahn, der uns ins Existenzielle herauskatapultiert, aber auch das stark Physische, von der die Wort erzählen, und den körperlich spürbaren Klang in den Worten.

M: Texte, die wir lesen, müssen nicht unbedingt die Musik illustrieren, sie sollen eher eine parallele Betrachtungsweise aufzeigen, es ist nur ein Aufmerksammachen auf hörbare Aspekte, ein Versuch einer Annäherung oder Spiegelung.


Bei einem Stück habt ihr euch von euren Positionen entfernt und seid an verschiedene Stellen im Raum auseinander gelaufen. Cecilia hat sogar im Knien gespielt. Martin hat mit dem Fuß auf dem Boden getrommelt. Euren Geigen habt ihr die wildesten und auch unheimlichsten Klänge entlockt. Wie kommt ihr auf diese Ideen?

 
C: Die Partitur handelt von einer Regie, während der wir unter Strom stehen, uns niemals wiederholen, uns ständig in unterschiedliche Richtungen werfen, manisch herausfordernd, virtuos und gleichzeitig so, als ob wir nicht wüssten, wie man mit einer Geige umgeht.

M: Es geht für uns immer darum, die Grenzen auszuloten, diesseits und jenseits. Manchmal sind die Dinge auf des Messers Schneide: so nahe wie möglich der Intention der Partitur kommen und diese gleichzeitig so abwechslungsreich und ausdrucksstark wie möglich ausführen.


Eure Darbietung war durch die Pizzicati, die ausgefallene Bogentechnik und vielfältigen rhythmischen Wechsel sehr eindrucksvoll und spannungsgeladen. Wie viel eines Stückes spielt ihr nach Blatt und wie viel interpretiert ihr frei?


C: Auch ein Werk, das so voll Instruktionen steckt, dass man keinen Ton spielen kann, ohne eine Fußnote zu lesen, muss klingen, als ob man improvisiert. Und das tut man dann auch, denn die Violine kann immer noch etwas mehr differenzieren, als jemand es im Voraus ins Blatt notieren kann. Wenn man also in die Details geht, hat man in jedem Augenblick die Wahl. Man improvisiert zwischen den Details. Ole Lützow-Holm und Hans-Joachim Hespos haben uns ausdrücklich großen Spielraum für die Improvisation gelassen und uns gleichzeitig einen Rahmen gegeben, der extrem anspruchsvoll ist und uns hohes Engagement abverlangt.


Ihr spielt als Violinduo seit Jahrzehnten sehr erfolgreich zusammen. Arbeitet ihr auch manchmal mit Kollegen zusammen, die andere Instrumente spielen, z.B. tiefere Streichinstrumente, wie Cello oder Kontrabass?  


C: Das Repertoire für das Violinduo war bereits anfangs riesengroß und wurde außerdem noch um ca. 200 Stücke erweitert, die uns gewidmet wurden. Wir möchten sehr gern unsere Arbeit vertiefen und das Potenzial des Violinduos weiterentwickeln. Wir finden offenbar niemals einen Schlusspunkt. Viele Werke, die uns gewidmet sind, sind Doppelkonzerte für zwei Violinen und Orchester, Chor oder Ensemble, aber wir spielen selten Trio oder Quartett.


Eure Musik ist sehr speziell, teilweise verstörend, teilweise aggressiv, teilweise wunderbar melodisch und tiefgründig. Was wünscht ihr euch, sollen die Zuhörer mit nach Hause nehmen?

C: Ein junger Mann, nachdenklich und mit berührter Stimme sagte letzten Sommer auf einem Festival: ”Ich bin so froh, dass ich gekommen bin, denn ich habe noch nie eine Geige so klingen hören … Wenn ihr spielt bekomme ich so viele neue Gedanken und Gefühle …“ Zuzuhören kann ein Weg sein, etwas Neues zu formen – mit seinem Leben.

M: Es ist eine Leidenschaft und eine Schönheit, die wir vermitteln wollen. Man könnte an eine Dolomitenlandschaft denken, raue Winde, farbiges Sonnenlicht, unendliches Panorama, freier Atem.

Das Duo Gelland spielte Kompositionen von Ole Lützow-Holm (geb. 1954 in Kopenhagen), Antonio Vivaldi (1678-1741), Alexander Keuk (geb. 1971 in Wuppertal), Sanna Ahvenjärvi (geb. 1972 in Rovaniemi, Schweden) und Hans-Joachim Hespos (geb. 1938 in Emden)

Die Fragen stellte Hanna Gross.

Das Duo Gelland ist derzeit weltweit das einzige als feste Formation professionell agierende Violinduo und hat in seinem Wirken von Anfang an einen Schwerpunkt auf zeitgenössische Musik gelegt. Durch seine Initiative ist das Violinduo nach über 150 Jahren wieder zu einer vielfach beachteten Besetzung geworden. So sind ihm bis heute mehr als 100 Kompositionen gewidmet worden (u.a. von Nikolaus Brass, G. Bucht, Erik Förare, Bernd Franke, Madeleine Isaksson, I. Karkoff, Rolf Martinsson, Giorgio Netti, Gerhard Samuel); für das Duo Gelland entstanden ferner zahlreiche Doppelkonzerte.

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