Datenschutzerklärung   Kontakt/Impressum  Suche       Druckansicht
   

Dheeraj Akolkar
Dheeraj Akolkar with Munch's The Sick Child

„… wenn man genau hinschaut, wird man feststellen, dass es bei Munch einzig und allein um das Licht geht“

Mit seinem neuesten Dokumentarfilm stellt der vielfach ausgezeichnete Regisseur Dheeraj Akolkar, der sich nach einigen Jahren in der indischen Filmbranche mittlerweile international einen Namen als Drehbuchschreiber, Regisseur und Produzent mit seiner eigenen Firma Vardo Films gemacht hat, eine etwas andere Sichtweise aufs Munchs Leben und Schaffen dar. Bereits in seinem Spielfilm "Liv und Ingmar" (2012), der über das Leben der Norwegerin Liv Ullmann und dem schwedischen Filmemacher Ingmar Bergman erzählt, zeigt sich seine Vorliebe für die Verbindung zu Skandinavien.

In unserem letzten NORDISCHEN FILMKLUB-Spezial im Rahmen von "150 Jahre Munch" hatten wir die Ehre, seinen Beitrag zum Festjahr direkt am Vorabend des 150. Geburtstages des norwegischen Ausnahmekünstlers zu zeigen. Da Dheeraj Akolkar zu der Zeit gerade unterwegs war, konnte er leider nicht bei der Berlin-Premiere dabei sein, beantwortete KULTURHUS BERLIN jedoch gerne ein paar Fragen zu seinem neuesten Film.


KULTURHUS BERLIN: Wie entstand dieser Film? So weit ich weiß, wurdest du von Munch150 angesprochen, nicht wahr?

DHEERAJ AKOLKAR: Rune Trondsen und Stein-Roger Bull von Nordic Stories hatten die Idee, einen Film zu Munchs 150. Geburtstagsjubiläum zu machen. Dies hatten sie dem Jubiläumsteam, also den Mitwirkenden von Munch150 sowie dem Munch-Museum und dem Nationalmuseum vorgeschlagen. Sie hatten nach einem internationalen Regisseur gesucht, weil sie das Gefühl hatten, eine neue Perspektive auf ein Thema zu richten, das den Norwegern so nahe steht. Nachdem sie einige Regisseure kontaktiert hatten, fragten sie dann letztlich mich.

Zu der Zeit produzierte Rune H. Trondsen (Produzent bei Nordic Stories) gerade "Liv & Ingmar" und wir mochten es sehr, miteinander zu arbeiten. Als sie mir dann den Film anboten, war ich sofort interessiert. Sie luden mich dann nach Oslo ein, damit ich mir Munchs Bilder in Ruhe anschauen konnte. Spätestens als ich vor dem dritten oder vierten seiner Kunstwerke stand, wusste ich, dass ich es machen will. Ich wusste, ich würde das sogar sehr gut machen können.


KULTURHUS BERLIN: Was war das Ziel, mit dem du diesen Film gedreht hast?

DHEERAJ AKOLKAR: Das ist sozusagen der offizielle Munch150-Film, und das hat mich nachdenken lassen.

Am 2. Mai 2012 wurde die vierte Version von Munchs "Der Schrei" für 120 Mio. US-Dollar in New York versteigert – den höchsten Preis, der jemals für ein einzelnes Kunstwerk in einer Auktion erzielt wurde! Die Nachrichten darüber machten international Schlagzeilen; und worüber die Leute mit großem Staunen und Respekt sprachen, war nicht das Bild an sich, sondern der Preis, für den es verkauft wurde. Als ob es keine Rolle spielen würde, welches Kunstwerk da gerade verkauft wurde – aber dass es für 120 Mio. US-Dollar über den Tisch ging, zählte. Nun, diese Botschaft war wirklich eindeutig!

Aber nun ist Munch überall – er ist niemals zuvor so heiß gehandelt gewesen, so hipp wie jetzt. Seine Wanderausstellungen in Paris, Frankfurt, Oslo, London, Tokyo und New York haben mehr als 1,2 Mio. Besucher verzeichnet.

Ich dachte mir, warum feiern wir diesen Künstler nach 150 Jahren immer noch, in dieser Welt, in der es oft um 15 Minuten Ruhm oder gar 15 Sekunden Ruhm geht? Warum ist er immer noch so bedeutsam? Was ist es an seiner Kunst, was die Grenzen aller Dinge überschritten hat? Sind wir sicher in der Annahme, dass Munch großartig sei, weil seine Kunst sich für Millionen und Abermillionen verkauft, oder gibt es da etwas Anderes?

Das ist es, was meine Herangehensweise ausmachte. Ich entschied mich, dies als kunstvolle Untersuchung anzugehen, um das Geheimnis der Universalität und Zeitlosigkeit von Munchs Kunst zu entdecken und zu ehren.

Außerdem war es mir sehr wichtig, den Kontext beizubehalten. Ich war von Anfang an nicht daran interessiert, eine traditionelle Biografie daraus zu machen – davon gibt es einfach schon sehr viele. So war es für mich wichtig, Munch im heutigen Kontext zu betrachten. Die Zeit, in der wir leben, ist genauso wichtig wie der Künstler. Ich wollte es für die heutige Zeit bedeutsam darstellen. Ich wollte den Film Antworten geben lassen, und Fragen von heute stellen. Ich wollte, dass der Film über Edvard Munch hinausgeht.


KULTURHUS BERLIN: Was war dir bei deiner Regiearbeit zu diesem Dokumentarfilm besonders wichtig?

DHEERAJ AKOLKAR: Ich habe das Gefühl, dass ich Munch auf einer instinktiven Ebene verstehe, denn er ist in gewisser Weise wie jeder andere Künstler: seine Kämpfe, sein Schmerz, seine Träume, seine Entbehrungen sind die eines jeden Künstlers. Seine Gedanken sind brillant, seine Worte scharfsinnig. Die Metamorphose, die seine Gefühle durchlaufen sind, als sie zu seinen Bildern wurden – das ist der wahre Schrei, den ich hören lassen wollte! Und ja, es war nicht gerade einfach…

Ich wollte den spirituellen Aspekt, ja, das Heilige an seiner Kunst berühren. Ich hoffe, wir waren damit erfolgreich.


KULTURHUS BERLIN: Wie lange hat es gedauert, den Film vorzubereiten und abzudrehen? Welche Quellen hast du dafür genutzt?

DHEERAJ AKOLKAR: Es hat zehn Monate gedauert, den Film zu beenden. Viel Hilfe kam dabei von Experten, Wissenschaftlern und besonders von den beiden Museen – dem Munch-Museum und dem Nationalmuseum in Oslo. Ich habe viel Zeit damit verbracht, mit Munch-Experten zu reden und so viel wie möglich in der fantastischen Bibliothek des Munch-Museums zu lesen. Und dann ist es, würde ich sagen, eine Frage der Synthese, wobei durch das Vermengen und durch das Schreiben viele der zuvor versperrten Türen geöffnet wurden.

Eine der wichtigsten Ressourcen war mein Team: mein Produzent Rune H. Trondsen, mein Produktionsmanager Gunhild Wærness, Kameramann Haakon Wettre, der Tongestalter Svenn Jakobsen, Komponist Stefan Nilsson und Cutter Tushar Ghogale.


KULTURHUS BERLIN: Was bedeuten dir Munch und seine Kunst? Gab es da einen Schlüsselmoment, den du dahingehend erlebt hast?

DHEERAJ AKOLKAR: Ich finde, dass Edvard Munch – wie jeder großartige Mensch – für das Unmögliche steht!

Trotz der Hürden im Leben, trotz des Herzschmerzes, Verlusts, der Kritik und allem anderen, das einem die Welt in den Weg stellt, kann man seiner Vision treu bleiben und mit Reinheit und Integrität furchtlos etwas schaffen und nach seiner eigenen Definition von Erfolg leben! Munch ist dafür ein leuchtendes Beispiel.

Munch sagte, "Ich glaube nicht an eine Kunst, außer an die, die durch das menschliche Bedürfnis heraus kreiert wird, sein Herz zu öffnen. Jede Kunst – sowohl Literatur als auch Musik – muss aus dem eigenen Herzblut heraus geschaffen werden. Kunst ist jemandes Herzblut…".

Ich persönlich finde, dass Munch uns auf so verschiedene Weisen den Weg aufzeigt: seine äußerst aufrichtige Kunst lädt uns zum Nachdenken ein, er fordert uns heraus, er schlägt uns hart, er verlangt etwas von uns – und im Verlauf dessen hilft er uns, uns zu finden und zu entwickeln. Das ist die Großartigkeit der Kunst!

Die meisten Leute assoziieren Munch mit Angst, Schmerz, Tod und Dunkelheit, aber wenn man genau hinschaut, wird man feststellen, dass es bei Munch einzig und allein um das Licht geht.

Ich war überwältigt von der Arbeit zu Munch, besonders wenn man sich die Größe des Werkes vor Augen hält. Aber dann sagte mir eine Gelehrte, die Edvard Munch seit über 40 Jahren studiert und daran gearbeitet hat – Frau Gerd Woll -, besänftigend folgendes: „Mach dir keine Gedanken über all die Interpretationen anderer zu Munch! Du machst den Film zu deiner ganz eigenen Interpretation.“ Das war der Moment des Durchbruchs für mich!


KULTURHUS BERLIN: Gab es während des Filmdrehs eine neue Erkenntnis, etwas, dessen du dir vorher noch nicht bewusst warst?

DHEERAJ AKOLKAR: Absolut! Ich hatte eine Ahnung, dass ich diesen Mann kennen würde. Ich kenne ihn auf eine instinktive Art und Weise; aber als ich begann, seine Worte zu lesen, war ich einige Male angenehm überrascht. Es war, als ob Munch meine Gedanken aussprechen würde, indem er meine Kämpfe und meinen Herzschmerz zum Ausdruck bringt, denen ich gegenüberstehe, wenn ich meine Filme beginne.

Es ist wirklich so, dass ich seine rebellische Seite liebe, ja, absolut liebe. Edvard Munch ist ein Mann mit einem Rückgrat aus Stahl: er ist stur, selbstbewusst und extrem mutig! All diese Dinge kann man nicht sein, wenn man nicht liebt, was man mit voller Hingabe macht.

Ich entschloss mich, seine Worte in die Einblendungen von New York zu setzen, und sie passen perfekt hinein! Mir war nicht bewusst, dass es mit ihm einen wahrhaft modernen Mann mit Rückgrat gebe.

Außerdem wurde mir klar, dass Munch und seine Kunst zwei Charaktere in einer schönen Liebesgeschichte sind.


KULTURHUS BERLIN: In deinem Film tauchst du mehrere Male auf und kommentierst, was sich in Munchs Leben und auf dem Kunstmarkt ereignet hat. Was war deine Absicht mit deinem eigenen Erscheinen im Film?

DHEERAJ AKOLKAR: Ich habe das vorhin schon angedeutet, aber ich möchte es gerne ausführen. Dass ich Bestandteil des Films bin, ist ein Mittel, um den ganzen Film in einer aufrichtigen Art zusammenzuhalten.

Ich kam zu diesem Film mit einer tiefsitzenden Neugier. Als ich begann, ihn zu machen, ging ich auf eine Reise, um zu forschen und zu entdecken. Diese Untersuchung wollte ich dann vor die Kamera bringen.

Außerdem wollte ich diesen Film für die heutige Zeit machen. Ich wollte den Film von einem sehr persönlichen Blickwinkel aus aufziehen – und mir wurde klar, dass jemand die unbequemen Fragen stellen müsste. Das hätte ich nicht so gemacht, wenn Munch selbst noch am Leben gewesen wäre.

Letztlich wurde der Film ein Dialog zwischen mir und ihm. Zum Ende des Films endet diese Forschungsreise metaphorisch, als ich am selben Platz wie Munch in seinem Studio in Ekely sitze. Ich stelle eine Frage und er antwortet. Dabei vervollständigt sich etwas…


KULTURHUS BERLIN: Wie war das Echo bisher?

DHEERAJ AKOLKAR: Absolut fantastische Rückmeldungen: Oslo, Mexiko City, Lübeck, Tallinn, Prag, Berlin – die Reise hat gerade erst begonnen!

Ich war in Mexiko City, wo "Let the Scream be Heard" der Eröffnungsfilm des 8. DocsDF Internationalen Filmfestivals war. Das war in einem wunderbaren Ort und einem Publikum von 1200 Leuten…hervorragende Reaktionen!


KULTURHUS BERLIN: Was sind deine nächsten Projekte?

DHEERAJ AKOLKAR: Ich arbeite an einer Reihe von Dokumentar- und Spielfilmen zurzeit. Momentan ist viel los und es gibt viel zu tun.


Interview und Übersetzung: Ina Juckel

Unsere aktuellen Veranstaltungen

Oktober - 2020
M D M D F S S
  01 02 03 04
05 06 07 08 09 10 11
12 13 14 15 16 17 18
19 20 22 23 24 25
26 27 28 29 30 31  

Keine News in dieser Ansicht.

Logo des Kulturhus Berlin e.V. KULTURHUS BERLIN | Tel (Mo-Mi/Fr): +49.(0)30.2093-4952 | Email: info (at) kulturhus-berlin.de