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Jørn Riel
Jørn Riel Foto: Unions-Verlag

„Man bekommt ein klares Bild von sich“ Der dänische Schriftsteller Jørn Riel im Gespräch mit KULTURHUS BERLIN

Mit achtzehn Jahren brach Jørn Riel, 1931 in Odense (Dänemark) geboren, zum ersten Mal nach Grönland auf. Seine Romane, Erzählungen, Kurzgeschichten, Märchen und Gedichte handeln von den Menschen in der Arktis. Riel wird in Dänemark in Hunderttausender-Auflagen gelesen, im Fernsehen erzählt er seine Geschichten bei höchsten Einschaltquoten in Fortsetzungen, seine Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt. 1995 wurde ihm vom Dänischen Buchhändlerverband als Autor des Jahres der »Goldene Lorbeer« verliehen. Im Schweizer Unionsverlag erscheinen seine Bücher auf Deutsch.

KULTURHUS BERLIN: Sie leben jetzt in Malaysia, beschäftigen sich in vielen Ihrer Bücher aber mit Grönland, wo Sie zuvor viele Jahre gelebt haben. Hatten Sie irgendwann genug von der dauerhaften Einsamkeit und vom arktischen Winter?

Jørn Riel: Nein. Nach fast 20jährigem Aufenthalt in der Arktis sehnte ich mich nach etwas Neuem. Ich hatte in Asien schon gearbeitet, zum Teil für die Vereinten Nationen und zum Teil als Auslandskorrespondent, die meiste Zeit war ich in Südostasien. In Malaysia habe ich mich sehr wohl gefühlt. Deshalb ging ich mit meiner Familie dorthin und wir ließen uns dort nieder. Das ist jetzt 18 Jahre her.

KULTURHUS BERLIN: Mit 19 Jahren kamen Sie das erste Mal aus Dänemark nach Grönland. Warum wollten Sie überhaupt nach dorthin?

Grönland war mein Wunschziel, seit ich ein kleiner Junge war. Und weil das Land ein Teil des dänischen Reiches war, war es damals etwas ganz Natürliches, wenn man sich wünschte dorthin hoch zu reisen. Mein erster Eindruck von Grönland war überwältigend – besonders, weil ich aus dem kleinen, undramatischen und flachen Dänemark kam. Ich machte eine Ausbildung zum Navigator und Telegrafisten. Das waren Berufe, die damals in Grönland sehr stark gebraucht wurden. Ich ging nach Grönland mit einem Jahresvertrag – und blieb 16 Jahre. Zuerst.

KULTURHUS BERLIN: Würden Sie sagen, Grönland ist heutzutage nicht mehr „ganz so weit weg von uns“? Und welche Fragen bewegen die grönländische Gesellschaft, die auf Grönland lebenden Menschen derzeit am meisten?

Nein, Grönland ist in der Tat nicht mehr so weit weg. Als ich damals nach Grönland reiste, konnte es drei Wochen dauern, mit dem Boot durch das Eis zu kommen. Nun fliegt man hoch in vier Stunden. Diese Veränderung hat natürlich einen gewissen Einfluss auf die Menschen dieser weltgrößten Insel. Was heute in Grönland diskutiert wird, ist, was in der Welt diskutiert wird. Die Grönländer sind sehr interessiert sowohl am Weltgeschehen als auch daran, was lokal auf ihrer Insel geschieht. Die Klimaveränderungen werden dabei natürlich sehr stark diskutiert in Grönland, denn sie betreffen ja in einem hohen Maße gerade die Menschen in der Arktis.

KULTURHUS BERLIN: Sie selbst sind gebürtiger Däne. Wie sehen Sie den dänischen Einfluss auf die Kultur, die Menschen in Grönland? Und ist die Nähe zu Amerika auf Grönland spürbarer als die Zugehörigkeit zu Europa?

Natürlich hat Dänemark seine Spuren hinterlassen in der Entwicklung, die Grönland genommen hat. Nicht immer ist es geglückt. Der Wille ist da gewesen, aber die Fähigkeiten haben oft nicht gereicht. Die USA hatten abgesehen von den Militärbasen nie einen wirklichen Einfluss auf die Entwicklung in Grönland. Seitdem Grönland 1721 ein Teil Dänemarks war, fühlen sich die Inuit mehr als Europäer denn als Amerikaner.

KULTURHUS BERLIN: Einsamkeit, Stille und Menschenleere – wie lassen sich da Themen und Geschichten finden?

Gerade weil man allein ist über sehr lange Zeit, bekommt man ein klares Bild von sich selbst. Und gerade weil dort nicht sehr viele Mitmenschen sind, hat man es leichter, Verbindungen zu den wenigen zu knüpfen, die dort leben. Man hat es leichter, etwas Positives daraus zu machen, mit ihnen dort anwesend zu sein. Ich habe in Grönland, als 19jähriger, mit dem Schreiben begonnen. Ich schrieb hier unter anderem „Mine Fædres Hus“ (dt.: Das Haus meiner Väter).

KULTURHUS BERLIN: Sie sagen selbst über Ihre Geschichten, sie seien Seemannsgarn. Wir sollen Ihnen also gar nicht glauben?

Meine Erzählungen von Grönland sind skrøner (dt.: „Märchen“). Und ich definiere skrøne als eine Geschichte, die wahr ist, aber erlogen sein könnte. Oder umgekehrt.

Das Gespräch führte Ulrike Schulz

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