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Anna-Maija Mertens
© U. Schulz / Kulturhus Berlin

„In Deutschland unmöglich und in Finnland unwahrscheinlich“ Anna-Maija Mertens über Gleichberechtigung, Hochschulpolitik und das Leseland Finnland

Dr. Anna-Maija Mertens leitet seit Januar 2010 das Finnland-Institut in Deutschland. Die promovierte Politologin wurde 1975 in Helsinki geboren und studierte in Münster Politikwissenschaft.

KULTURHUS BERLIN: Kinder – das sind die Macher der neuen Ausstellung des Finnland-Instituts. Ihre Fotos erzählen von den Åland-Inseln. Die sind an sich schon etwas Besonderes, aber was ist das Besondere aus dem Blickwinkel der Kinder?

Dr. Anna-Maija Mertens: Es handelt sich um Kinder mit Migrationshintergrund, die einerseits Åländer sind, andererseits aber auch wegen ihres familiären Hintergrundes intensiven Kontakt mit anderen Kulturen haben. Ihr eigener Alltag auf Åland steht im Mittelpunkt der Ausstellung.

KULTURHUS BERLIN: Ist die Perspektive gegenüber dem Individuum Kind eine andere in Finnland als in Deutschland?

Das beginnt sich auch in Finnland erst zu wandeln. Auch wir haben gerade erst gemerkt, dass es sinnvoll sein kann, Kinder stärker miteinzubeziehen, sie zu fragen, verschiedene Sichten in Betracht zu ziehen, es ganzheitlich zu sehen. Beispielsweise in der Stadtplanung. Da gibt es in Finnland sehr innovative Projekte, wo Kinder und Jugendliche gefragt wurden, wie möchtet ihr wohnen, wo und in welcher Architektur könnt ihr euch wohlfühlen. Da sind ganz viele witzige Ideen entstanden, Idealmodelle für Stadtwohnungen, nicht alles ist verwirklicht worden, aber vieles war umsetzungsfähig. Der Gedanke dabei, das Partizipative ist, dass es nicht nur nett ist, Kinder zu integrieren, sondern: Wir brauchen sie.

KULTURHUS BERLIN: Sie sind als Frau und junge Mutter Direktorin des Finnland-Instituts in Deutschland geworden. Junge Frauen in verantwortlichen Positionen – üblich in Finnland?

Das ist in Finnland tatsächlich eigentlich schon lange so und nicht wirklich mehr ein Thema. Insofern ist das nach wie vor ein Kulturunterschied zwischen Deutschland und Finnland. Die berufliche Situation für Frauen, auch für junge Frauen, in Deutschland ist meiner Meinung nach immer noch viel schwieriger und anstrengender als in Finnland. In Finnland ist es so, dass man über vieles schon nicht mehr spricht, weil es für die Frauen so selbstverständlich ist. Es ist kein Kampf mehr in dem Sinne.
Die Leitung des Finnland-Instituts ist für mich persönlich natürlich eine außergewöhnliche Herausforderung. Als ich mich für diese Aufgabe bewarb, war ich hochschwanger. Und trotz Schwangerschaft eine Stelle zu bekommen, das ist auch in Finnland nicht selbstverständlich. In Deutschland unmöglich und in Finnland unwahrscheinlich.

KULTURHUS BERLIN: Sie haben schon länger in Deutschland gelebt, arbeiten jetzt seit Jahresbeginn in Berlin...

Wenn man aus einem kleinen Land kommt, ist die Perspektive eines großen Landes, das zentral in Europa liegt, eine besondere Erfahrung. Und Berlin ist natürlich noch einmal etwas Eigenes. Ich bin Anfang Dezember 2009 nach Berlin gezogen, um etwas Berliner Luft zu schnuppern, zu schauen, was das für eine Stadt ist.
Für Finnen ist Berlin in Europa definitiv die Nummer Eins. Bei Kulturschaffenden sowieso. Was früher vielleicht Paris war, ist heute Berlin. Es gibt ja auch noch genug spannende Sachen, genug Widerspruch, Kontroversen, was ja für Kultur so wichtig ist. Berlin hat so viel, weil die Stadt so tolerant ist, so offen, man kann hier Vieles machen, was in Finnland nicht möglich ist. Vielleicht ist Berlin-typisch, dass die Leute wenig Geld, aber viel Zeit haben und da immer etwas Kreatives entstehen kann.

KULTURHUS BERLIN: Warum sind Sie nach Deutschland gegangen?

In meiner Familie gibt es eine gewisse traditionelle Verbindung nach Deutschland, mein Vater hat in den 60ern in Erlangen studiert und später Bohrmaschinen und Bauteile aus Deutschland nach Finnland importiert. Von diesen Studienzeiten her hatten meine Eltern immer sehr viele gute Freunde im Süden, wir waren häufig unterwegs. Und so bin ich mit Deutschland aufgewachsen. Es war immer etwas Nahes, etwas Familiäres. Meine Eltern haben sich auf Deutsch unterhalten, damit wir Kinder das nicht verstehen. Und da habe ich natürlich schon als Kind gedacht: Das musst Du lernen. Später hatte ich dann Deutsch als erste Fremdsprache in der Schule, und wenn ich als Abiturientin auf dem Flughafen Helsinki arbeitete, freute ich mich immer, wenn Flugzeuge mit deutschen Passagieren Verspätung hatten, weil die ins Café kamen und ich mein Deutsch üben konnte. Und das war klasse. Mein Wunsch war es damals schon, in Deutschland europäische Politik zu studieren. Ich bin nach dem Abitur direkt nach Deutschland gegangen, nach Münster, obwohl ich von Münster noch nie etwas gehört hatte...

KULTURHUS BERLIN: Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, was verbindet man in Deutschland mit Finnland? Die lustigen Namen? Den Weihnachtsmann? Alkohol? Ob man in Finnland ein ganz besonders tolles Mittel gegen Kater hat?

Das ist unterschiedlich, in den Medien werden die witzigen Wettbewerbe immer wieder in den Vordergrund gerückt: Wer kann am längsten in einem Ameisenhaufen sitzen? Und das ist ja auch berechtigt, das ist ja auch Finnland. Ein kleines Land und lauter skurrile Assoziationen. Seltsam, wie auch immer. Aber insgesamt ist die Reaktion sehr positiv: Schulsystem, kaltes Wetter, Schnee, Sport, Skilanglauf, Gummistiefel, Skispringen.

KULTURHUS BERLIN: Finnland ist bevölkerungsmäßig ein nicht so großes Land, gleichzeitig aber sehr darauf bedacht, die finnische Kultur auch international zu präsentieren. Die Finnland-Institute sind in Europa, sind auf der ganzen Welt zu finden.

Finnen sind sehr mobil. Weil wir so am Rande liegen, und wir nehmen es auch so wahr, müssen wir in die Welt. Sehr viele Finnen studieren im Ausland, sprechen andere Sprachen. Weil wir so weit weg sind, weil unsere Sprache nicht gesprochen wird, und damit wir wahrgenommen werden, müssen wir ins Ausland gehen. Das ist im wissenschaftlichen Bereich so, aber auch in der Kultur. Ich treffe immer wieder überraschend viele Finnen, egal wo in Deutschland ich unterwegs bin. Der internationale Austausch ist für uns so wertvoll, weil wir auch wissen, dass wir allein nur bis zu einem gewissen Punkt kommen. Wir brauchen neue Impulse auch von außen und freuen uns deshalb auch, wenn Menschen nach Finnland kommen.

KULTURHUS BERLIN: Stichwort Hochschule, Stichwort Bologna, die Vereinheitlichung des europäischen Hochschulwesens. Wird die Auseinandersetzung hierzulande um die deutsche Hochschulpolitik mit ihren gravierenden Veränderungen in Finnland wahrgenommen?

Bologna ist in Finnland etwas anders umgesetzt worden. So wie es jetzt hier ist, würde ich vermutlich auch auf die Barrikaden gehen, denn: Im deutschen Kontext sind in dem Zusammenhang eine Reihe von Dingen geschehen, die gar nicht notwendig waren. Geführt hat das dazu, dass zwei Jahre lang außer Atem studiert wird, nächtelang Referate vorbereitet werden, keine Zeit für irgendetwas anderes mehr ist, man mit 22 fertig ist, aber kein Arbeitgeber einen möchte, weil man viel zu jung ist und die Lebenserfahrung fehlt. Gerade aber in einem Studium ist diese Reflektionszeit sehr, sehr wichtig. Diese Zeit für Diskussion, um alles zu hinterfragen, das Ganze gesellschaftskritisch zu reflektieren, es einordnen zu können. Das reine Auswendiglernen, ohne dass es in den Kontext gesetzt werden kann, reicht nicht. Deshalb glaube ich, die jetzige Situation kann auch nicht wirklich gut sein.
Es ist nicht alles schlecht, aber es gilt ja, dass wir gemeinsam überlegen müssen, was in der Tat falsch ist, was nicht geht, was wir verbessern könnten und welche Ansätze gut sind. Grundsätzlich bin ich dafür, dass ein Studium praxisnah und offen ist. Aber auch das kann man nicht anordnen und innerhalb einer Stunde lernen. Das ist ein Punkt, wo zwischen Deutschland und Finnland ein Dialog helfen könnte, von dem beide profitieren könnten, einfach um zu erkennen, welche guten Erfahrungen es gibt, welche schlechten, gerade, weil beide Länder sehr ähnlich denken, sehr rational sind, die Mentalitäten sehr ähnlich sind.

KULTURHUS BERLIN: Finnland hat ja in den letzten Jahren sehr stark auf Ausbildung auch auf naturwissenschaftlichem Gebiet gesetzt, neue Technologie, technologische Forschung. Wie hat das die Hochschullandschaft geprägt?

Die finnischen Hochschulen sind schon sehr lange sehr praktisch orientiert. Das heißt aber auch, dass zum Beispiel im Foyer einer Uni ein Schild steht „Sponsored by ...“ oder dass es einen Nokia-Hörsaal gibt – das findet man in keiner deutschen Hochschule. Finnland ist eine Exportnation, Finnland hatte mit seinen technischen Produkten ökonomischen Erfolg. In Finnland ist es normal, dass man mit der Praxis kooperiert und Magisterarbeiten im Auftrag geschrieben und von Unternehmen finanziert werden. Das hat Vorteile, weil es eine erste Praxiserfahrung für die Studenten ist. Aber man kann darüber streiten, ob es sinnvoll ist, mit Forschung Geld zu machen, Auftragsforschung, was ist erlaubt? Wie soll Interaktion mit der Wirtschaft funktionieren, strukturelle Fragestellungen, und man muss natürlich nach der Unabhängigkeit der Wissenschaft fragen.

Andererseits stehen die Hochschulen allgemein vor dem Problem der Vermarktung, der Umsetzung der Arbeitsergebnisse. Ich finde es zum Beispiel schade, wenn die Forschung im Elfenbeinturm sitzt, wenn ich etwa Nachrichten sehe und mich frage, wo sind die Kollegen? Die sind nicht wirklich sichtbar. Die Wissenschaft hat auch eine Aufgabe in der Gesellschaft, Dinge zu erklären, einzuordnen, und das sollte sie stärker als bislang tun.

KULTURHUS BERLIN: Wäre es in Finnland möglich, den Titel Diplom-Ingenieur so ohne weiteres abzuschaffen wie in Deutschland?

In Deutschland sind die Hochschulen eine Tradition an sich, Deutschland hat eine ganz andere Forschungskultur, und die Unabhängigkeit der Wissenschaft ist noch mehr vorhanden als in Finnland. Deutsche Hochschulen haben einen guten Ruf in Finnland, als renommierte, mitteleuropäische Hochschulen, die führend sind, was die Qualität der Forschungsergebnisse angeht. Das ist etwas, was Finnland an Deutschland bewundert.

KULTURHUS BERLIN: Kultur aus Deutschland – was ist da historisch und aktuell wichtig für Finnland?

Deutschland ist für die Finnen per se Kulturland. Klassische Kultur.
Die großen Schriftsteller werden nach wie vor gelesen und – was das Fernsehen betrifft – die Krimiserien aus Deutschland sind ziemlich beliebt. Übrigens ist es in der Literatur bei uns wie bei den Filmen, die wir originalsprachig gucken. Wir lesen auch die Bücher im Original. Bücher aus Deutschland liest man auf Deutsch. Meine Mutter hat zum Beispiel in den 60ern praktische Philosophie studiert, und da musste man einfach Deutsch können, weil man voraussetzte, selbstverständlich, die großen Philosophen muss man in der Originalsprache lesen. Und es ist nach wie vor so, dass man in Finnland in verschiedenen Sprachen liest. Finnland ist ja ein Leseland. Der Staat will garantieren, dass jeder Mensch Zugang zu Bildung hat, und da spielen Bücher eine große Rolle, aber auch das Internet. W-LAN oder Breitbandverbindungen gibt es überall, damit es jedem möglich ist, ins Internet zu kommen. Das ist inzwischen selbstverständlich. Und nach wie vor gibt es eben diese starke Bücherei-Mentalität, Bibliotheksbusse fahren Hunderte Kilometer durchs Land. Die Finnen lesen viel. Das ist ein ganz wichtiger Bestandteil der finnischen Kultur. Jeder Finne geht in die Bücherei, und zwar regelmäßig.

Das Gespräch führte Ulrike Schulz

 

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