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Ganz Oben. Die Nordischen Länder

„Ganz Oben. Die Nordischen Länder“

In ihrer ersten Ausgabe des Jahres 2008 hat die Zeitschrift Kulturaustausch die nordischen Länder zum Schwerpunktthema gemacht

Der Titel „Ganz oben“ verweist weniger auf die geografische Position der Länder auf der Weltkarte als auf den positiven Tenor der Beiträge über Kultur, Wirtschaft und Politik Skandinaviens. Ähnlich wie bei der PISA-Debatte schwingt auch hier die Frage mit: Was macht die nordischen Demokratien so erfolgreich und was können wir von ihnen lernen? Dies klingt zunächst sehr geläufig, doch die Themen, mit denen sich die einzelnen Autoren befassen, sind teilweise wenig bekannt und aktuell.

In einer Vielzahl von Artikeln werden so unterschiedliche Themen diskutiert wie finnische Innovationen, dänische Kulturpolitik, Nationbranding, schwedisches Design, das isländische Modell der Kinderbetreuung, norwegische Aquakulturen, Arbeitsmigration in den Norden oder die grenzüberschreitende Kooperation in der Barents-Region. Die Autoren, die allesamt aus den nordischen Ländern stammen, sind Wissenschaftler, Schriftsteller und Kulturschaffende. In ihren Berichten sparen sie nicht an der Hervorhebung positiver Eigen- und Errungenschaften, aber es sind auch kritische Töne zu hören.

Gleich der erste Artikel begibt sich auf die Suche nach dem „Geheimnis des Erfolges“ des nordischen Modells. Eine dezidierte Erklärung dafür haben selbst die Nordländer nicht, wohl aber eine Vermutung: Die gesellschaftlichen Visionen, die hinter den nordischen sozioökonomischen Modellen stehen, werden als Grund für ihren Erfolg angesehen und könnten es gleichzeitig für andere Länder erschweren, dieses Modell zu kopieren, da kulturelle Eigenschaften schwer nachzuahmen seien. Laut Mikael Lindholm besteht ein großer Bedarf an der systematischen Analyse des Modells, denn nur wer seine Stärken kenne, könne sie nutzen und ausbauen.

Die Stärken der nordischen Länder lassen sich gut anhand ihrer Exporte nachvollziehen. Dazu gehört das Design, das man besonders in und außerhalb Schwedens als demokratische Idee gut zu vermarkten wusste. IKEA ist ein weltbekanntes Beispiel für die erfolgreiche Verbreitung von „Schönheit für alle“ (Ellen Key). Island ist zwar das kleinste und entlegenste der nordischen Länder, doch das mindert Selbstbewusstsein und Kreativität der Isländer nicht. Ihre Exportschlager sind Literatur und Musik. Der größte Konflikt, den der isländische Autor Sjón momentan heraufziehen sieht, ist die Frage des EU-Beitritts. Diesen hat Finnland schon längst hinter sich. Ebenso wie die Wirtschaftskrise Anfang der 1990er Jahre, die der Staat für einen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturwandel genutzt hat, der wiederum einen Grundstein für den heutigen Erfolg legte. Die Professorin Outi Tuomi-Nikula beschäftigt sich darüber hinaus mit der Frage, ob die Finnen tatsächlich so schweigsam sind, wie das Stereotyp uns glauben machen will und welche Auswirkungen dies auf die finnische Identität und den Erfolg finnischer Erfindungen und Konzerne hat. Augenscheinlich leben die Finnen mit ihrer Understatement-Mentalität ganz gut und so wird das Klischee des „blonden Schweigers“ aus dem Norden auch in Zukunft weiter bestehen.

Schweigsamkeit kann man dem dänischen Autor Knud Romer nicht vorwerfen, dessen Roman „Wer blinzelt hat Angst vor dem Tod“ in Dänemark viel Staub aufgewirbelt hat. Romer verarbeitet seine Kindheit als Sohn einer deutschen Mutter in Dänemark und damit den Deutschenhass, der nach dem Krieg im Land zu spüren war, worüber er in einem Interview Auskunft gibt. Vom Deutschenhass ist heute glücklicherweise kaum mehr etwas übrig geblieben und die deutsche Sprache wird in der Szene Kopenhagens salonfähig – zumindest was die Namen von Restaurants, Rundfunkprogrammen o. ä. betrifft. Allerdings mangelt es teilweise an der sozialen Akzeptanz von Ausländern bzw. Einwanderern. Mit der Einwanderungs- und Kulturpolitik setzt sich der Artikel „Unter uns“ auseinander, dessen Titel wegweisend für die staatliche Kulturpolitik anmutet. Kulturelle Vielfalt muss dort weichen, wo es vor allem um Anpassung und Integration in die dänische Gesellschaft geht.

Neben der staatlichen Kulturpolitik ist auch das „Nationbranding“ ein Thema für dänische Politiker. Kreative Dienstleistungen sind ein Schlüssel dazu. Karoline Prien Kjeldsen, Staatssekretärin im Kultusministerium, berichtet, dass in der Erlebniswirtschaft die Zukunft der dänischen Wirtschaft liegt. Deshalb hat der Staat beispielsweise im letzten Sommer eine „offizielle Architekturpolitik“ verkündet.

Auch in Schweden macht man sich Gedanken um das Image des Landes. Aus diesem Grund arbeitet das Schwedische Institut an einer Imagestrategie. Nach dem schwedischem Design gehören 2008 der Regisseur Ingmar Bergman und nachhaltige Stadtentwicklung zu den wichtigsten Projekten, mit denen der Bekanntheitsgrad Schwedens im Ausland verbreitet und gefestigt werden soll. Hans Lepp vom „Schwedischen Institut“ erklärt zu den vorherigen Bemühungen: „Wir haben versucht, Schweden mit dem Mittsommer und der Schärenwelt zu lancieren. In Deutschland funktionierte das. Doch junge Italiener interessieren sich eher für Winter, Schnee und die Mitternachtssonne.“

Das Heft ist über den Buchhandel oder unter www.ifa.de bestellbar.

Inken Dose

Kulturaustausch.
Zeitschrift für internationale Perspektiven

Ganz Oben.
Die Nordischen Länder

No. 1/2008, 58. Jhg.

6 Euro

Hrsg.:
Institut für Auslandsbeziehungen (ifa)

ISSN 0044-297

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D/SE 2016 | 57 Min. | Dokumentarfilm | Original (schwedisch) mit deutschen Untertiteln | R Maria Mogren, Jens von Larcher

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