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Jahrbuch Polen 2008 Band 19 / Jugend

Strafe der späten Geburt? Ein Blick auf die junge Generation in Polen

Das vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt herausgegebene Jahrbuch Polen widmet sich in diesem Jahr dem Thema Jugend. Polen, eine 'junge' Demokratie und ein 'jüngstes' Mitglied der Europäischen Union ist auch demographisch mit einem überdurchschnittlich großen Anteil junger Mitbürger ein durch und durch junges Land. Der Blick auf Jugend liegt da nahe. Nun wird die Beschäftigung mit Jugend sehr häufig dazu genutzt, über die vermeintliche Zukunft einer Gemeinschaft bzw. eines Landes zu spekulieren und sich in entweder schwärmerischen Visionen oder aber mahnenden Klagen zu verlieren. Das Jahrbuch ist glücklicherweise eine löbliche Ausnahme und bemüht sich eher um eine Bestandsaufnahme von Mustern und Bedingungen jugendlichen Lebens in Polen.

In einem bunten Strauß analytischer, empirischer, polemischer, dokumentarischer und literarischer Beiträge wird deutlich, zwischen welchen Spannen von Möglichkeiten, Erleben und Selbstverständnis das Land und insbesondere seine jungen Generation heute verstrickt sind. Denn trotz der vermeintlich verbesserten Startbedingungen in ein erwachsenes Leben und der vielfältigen Möglichkeiten, die sich durch den Systemwechsel und schließlich auch durch den Beitritt zur Europäischen Union ergeben haben, betrachten sich viele Jugendliche bzw. junge Erwachsene heute als benachteiligt im Rennen um die guten Positionen und Karrieremöglichkeiten. Sie bemängeln einerseits, dass ihnen die Wendegeneration (jene, die 1989 selbst jung waren und in die Transformationsprozesse 'hineingerutscht' waren) die Aufstiegsmöglichkeiten bzw. überhaupt den Zugang zu den interessanten und aussichtsreichen Positionen verbaue, und bedauern andererseits, dass ihrer eigenen Generation das Erleben eines gemeinsames, Identifikation stiftendes Ereignis fehle.

Dieser Konflikt wird von den einleitenden Beiträgen des Jahrbuchs aufgenommen und zu einer ausgewachsenen Generationenkrise stilisiert. Der – auch noch nicht alte – Autor und Journalistikdozent Michal Olszewski (Jg. 1977) beklagt ein gravierendes Verständigungsproblem zwischen den Generationen. Sein Artikel zeugt aber vor allen Dingen von fehlendem Verständnis für die Jüngeren: Er bemängelt ihr fehlendes Wissen über und Interesse an polnischer Geschichte, insbesondere über der Zeit zwischen 1945 und 1989, und meint, dass diese Periode ähnlich einem Schluckauf auch der jüngeren Generation immer wieder auf recht unangemessene Weise aufstoße, was sich u. a. im Fehlen einer 'neuen' Idee von Kollektivität äußere. Olszewski prangert an, dass die junge Generation heute im Prinzip – wenn auch unbewusst – an den alten Gemeinschaftsideen festhalte und wenig Initiative zeige, ein neues Gemeinschaftsband zu begründen. Sie versagten sich die „… innere Ruhe, ein Lächeln und die Überzeugung, dass man aufrichtig, ja sogar glücklich leben kann. Das sind in diesen geografischen Breiten bisher unbekannte Neuigkeiten“. Das aber ist fast zynisch angesichts der realen Bedingungen und Probleme der jungen polnischen Gesellschaft. Seit wann können ein Lächeln und die Überzeugung, dass man glücklich sein kann, Zukunftsängste beruhigen? Woher soll die innere Ruhe kommen, die einem die Gewissheit gibt, den materiellen Anforderungen der neuen Zeit gewachsen zu sein?

Mit Kuba Wandachowicz kommt auch ein Vertreter dieser „Generation Nichts“ (Generacja nic) zu Wort. Der Nachabdruck seines Artikels aus der größten polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza, der von der Öffentlichkeit schnell zum Manifest einer Generation erklärt wurde, beschreibt aber eher eine aktuelle Leere als das Aufstoßen historischer Unpässlichkeiten: „Es existiert kein sozialer Kontext, der mein Dasein rechtfertigen würde.“ Wandachowicz beklagt das Fehlen eines gesellschaftlichen Diskurses, den die Freiheit erstickt habe. Während Olszewski ganz und gar auf die Möglichkeiten der neuen Freiheit setzt und den Jungen vorwirft, diese Freiheit nicht (an)packen zu wollen, klingen bei Wandachowicz kritischere Worte durch, die zeigen, dass die Sache mit der Freiheit wohl doch nicht so einfach und selbsterklärend ist. Dieser Unwille am gesellschaftlichen Diskurs kann auch als Unwille zum Gespräch zwischen den Generationen betrachtet werden, und dies kann man sicher nicht allein den Jungen vorwerfen.

Es gebe keine Feinde mehr, ist eine Feststellung von Wandachowicz, und damit meint er sicherlich nicht den traditionellen Feind von außen, der die Nation bedroht, sondern den 'natürlichen Feind' der Jugend: die ältere Generation. Jugendspezifisch und notwendiger Bestandteil einer jugendlichen Identität ist das sich Reiben, sich Auseinandersetzen mit den Alten. Diese aber ringen in ihren Konflikten noch viel zu sehr mit der eigenen Geschichte. Man muss die politische Entwicklung seit 1989 nicht im Detail kennen, um zu erkennen, dass es vor allen Dingen die Alten sind, die noch immer in den alten Mustern und Konflikten argumentieren und agieren. So aber fehlt den Jungen der (erfahrene und reflektierende) Gesprächspartner, um das von Olszewski geforderte neue Gemeinschaftsideal zu entwickeln.

Das Fehlen von gemeinschaftlichen Werten bei der polnischen Jugend wird in mehreren Beiträgen des Jahrbuchs aufgegriffen und auch durch Umfrageauswertungen bestätigt – bis hin zur polemischen Unterstellung der Betäubung der Jugend durch die Verführungen des Konsums. Während jedoch auf der einen Seite – in den eher diskursiven Beiträgen – über das Fehlen einer gemeinschaftlichen Bindung bzw. Idee von Gemeinschaft nachgedacht wird, zeigen die überwiegend empirischen Kapitel, dass dies nicht im Vordergrund jugendlichen Tuns und Denkens steht, auch wenn die Autoren mit Vorliebe um diese Fragen kreisen. Vor den jungen Polen türmen sich vor allen Dingen die materiellen Sorgen und Fragen nach Familie und Arbeit auf (also die klassischen jugendlichen Themen und Entwicklungsaufgaben), deren Bewältigung ihnen unverhältnismäßig schwierig erscheint. Die soziale Welt wird von ihnen als äußerst paradox erlebt, und so spiegelt sich diese Realität auch im Tun und Sagen wieder, d.h. in hohem Maße in Resignation und Emigration.

Dass sich polnische Jugend aber nicht nur auf die üblichen Wertediskussionen reduzieren lässt, zeigen jene Artikel, die sich mit Jugendkulturen beschäftigen. Sie machen deutlich, dass die polnische Jugend so vielfältig, aktiv und kreativ ist wie es sich für Jugend gehört. Dies aber geschieht abseits der gängigen Pfade. Es existiert eine gelebte Vielfalt, der man neue, allerdings eher 'kleingeteilte' Formen von Kollektivität zuschreiben kann. Besonders der Artikel von Rainer Mende ist ein Streifzug durch die unterschiedlichen jugendlichen Szenen Polens. Auch Mende beschreibt die Jugend als suchend, aber eher nicht resigniert, sondern sich aktiv ihre Nischen erschließend. Die beschriebenen Szenen suchen nicht das große (nationale) Gemeinschaftsgefühl, sondern formen kleine, aber selbstdefinierte und -geschaffene Gemeinschaften, die sie mitgestalten können. Diese Szenen sprechen eher für eine sehr lebendige Kreativität in weiten Kreisen der polnischen Jugend. Mende zitiert verschiedene jugendliche Kulturformen: Literatur, Comics, Musik, in denen die schwierigen Bedingungen des Hineinwachsens in die Gesellschaft thematisiert werden und auch zu diskursähnlichen Auseinandersetzungen führen. Und auch wenn die Aktivitäten nicht politisch zu sein scheinen, sind sie in jedem Fall zivilgesellschaftlich zu verorten: Man nimmt teil, man organisiert sich auch, aber eben eher im privaten, zivilgesellschaftlichen Bereich, denn in der hohen Politik.

Dennoch gibt es ganz offensichtlich auch bei den jungen Polen eine Sehnsucht nach dem 'großen' kollektiven Erlebnis, dass die Eltern mit Solidarnosc gehabt haben. Wie ein roter Faden ziehen sich zwei Ereignisse durch die verschiedenen Beiträge, die große Zahlen von Jugendlichen auf die Straße gebracht haben: die Orange Revolution in der Ukraine und der Tod von Papst Johannes Paul II. Bei beiden Ereignissen stand offenbar der Wunsch nach einer Wiederbelebung des vergangenen gemeinsamen Aufstehens, Kämpfens und Gedenkens im Vordergrund. Da die Grenze zwischen 'jung' und 'alt' im heutigen Polen in der Regel anhand der gemachten bzw. nicht gemachten Erfahrungen mit der Volksrepublik Polen gezogen wird, war es eine kluge Entscheidung, das Interview mit Hanna Swida-Ziemba, der Grande Dame der polnischen Jugendforschung, über die unterschiedlichen Jugendgenerationen und –erfahrungen seit 1945 sowie den Artikel von Krzysztof Kosinski über die 1980er Jahre in das Jahrbuch aufzunehmen. Es fällt auf, dass die Beschreibungen der Jugend 2008 doch vielfach den Beschreibungen aus den 1970er und 80er Jahren ähneln. Wenn aber das Erleben der verschiedenen Generationen sich im Kern gar nicht so sehr voneinander unterscheidet, bleibt am Ende die Diagnose übrig, dass wir den klassischen Kampf um die Verteilung von Glück zwischen den Generationen beobachten. Sprechen wir also von typisch jugendlichen oder von typisch polnischen Phänomenen? Vieles deutet darauf hin, dass im Zentrum die klassischen Themen und Problemstellungen von Jugend stehen, also typisch 'Jugend' sind. Der starke Schluckauf historischer Bezüge wiederum macht klar, dass die Bedingungen weiterhin typisch Polen sind.

Das Jahrbuch Polen 2008 ist ein informatives Lesebuch über Bedingungen und Schwierigkeiten jugendlichen Lebens in Polen. Der Band ist sehr ansprechend gestaltet mit Zeichnungen der jungen Künstlerin Agata Nowicka und vielen kleinen über das Buch verteilten Infokästchen mit zusätzlichen Hinweisen und Zitaten, die dazu einladen, sich mit dem ein oder anderen Thema noch weiter zu beschäftigen. Das Jahrbuch teilt sich auf in einen Essayteil, auf den ich mich hier bezogen habe, und einen Literaturteil, in dem Kurzgeschichten, Gedichte und Auszüge aus längeren Werken aus unterschiedlichen Abschnitten der polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts abgedruckt sind. Sehr schade ist, dass hier keine einzige Autorin zu Wort kommt. Dabei gibt es doch gerade unter den jungen polnischen AutorInnen einige sehr angesagte Frauen.

Inhaltsverzeichnis und Bibliographien (angekündigt) unter: www.deutsches-polen-institut.de

Valeska Henze

Jahrbuch Polen 2008
Band 19 / Jugend
Herausgegeben vom Deutschen Polen-Institut Darmstadt
Redaktion: Andrzej Kaluza,
Jutta Wierczimok

Otto Harrassowitz GmbH & Co. KG Wiesbaden 2008 ISSN 1432–5810 ISBN 978-3-447-05740-

 

 

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