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Anders Zorn. Eine Künstlerkarriere in Deutschland.

Markenname und Medienlegende Cecilia Lengefelds Buch über den Künstler Anders Zorn in Deutschland.

Er gehörte zu den begehrtesten Portraitmalern der eleganten, finanzkräftigen Welt in Europa und den USA, wurde als virtuoser Graphiker gefeiert und am Ende seiner Karriere als „Heimatmaler“ vereinnahmt. Der international erfolgreiche Künstler Anders Zorn genoss um 1900 eine facettenreiche Popularität. Insbesondere im deutschen Kaiserreich wurde sein Werk ebenso überschwänglich begrüßt wie programmatisch geschmäht – als das eines „Pariser Künstlers“. Anders Zorn (1860-1920) stammte eigentlich aus der schwedischen Provinz Dalarna, hatte nach abgebrochenem Akademiestudium in Stockholm aber seine Heimat verlassen, um in Frankreich mit den Impressionisten und ihrer Freilichtmalerei in Berührung zu kommen. Dass er nach 1896 als in Paris bereits gut etablierter Künstler sich für die deutschen Kunstzentren der Zeit zu interessieren begann, war keinesfalls selbstverständlich. Zumindest war die national und konservativ orientierte Kunstpolitik, die Wilhelm II. verfolgte, nicht gerade als Einladung zu verstehen, sich hier einen Absatzmarkt mit einem Werk zu erobern, das von der französischen Moderne so nachhaltig geprägt war. Zorns rascher Pinselstrich, seine eigenwillig „naturalistisch-impressionistische“ Bildsprache und die Technik, mit der er lebhaft Licht und Luft zu gestalten vermochte, erregte aber die Gemüter – und zwang scheinbar dazu, sich ideologisch kontrovers an Stil und Künstler abzuarbeiten. Zwischen Sezession und Kulturkonservatismus, Avantgardekunst und Akademiemalerei wurde Zorns Begegnung mit Deutschland so zu einem Kapitel widersprüchlicher und vereinnahmender Rezeptionen.

Während der internationale Kunstmarkt derzeit Anders Zorn als einen Maler der europäischen Spitzenklasse wiederentdeckt und das eine oder andere Gemälde mit Preisen in entsprechender Millionenhöhe handelt, ist der Künstler hierzulande noch immer weitgehend vergessen. Eine gewisse Renaissance konnte Zorn zwar in den vergangenen Jahren im hiesigen Kunstbetrieb erfahren, vor allem durch eine umfangreiche Werkschau in Kiel und München 1989-1990, in jüngster Zeit dann vornehmlich durch Ausstellungen der graphischen Arbeiten. Im Kontext dieser Wiederentdeckung fand allerdings ein Aspekt bisher nur am Rande Beachtung: Anders Zorns Verhältnis zu Deutschland – und die Frage, wie die Deutschen sich zu Anders Zorn verhielten.

Die schwedische Kunsthistorikerin Cecilia Lengefeld ist dieser Frage nachgegangen. In einem nunmehr auch auf Deutsch veröffentlichten Buch schildert sie materialreich und eindrucksvoll, wie Anders Zorn auf dem deutschen Kunstmarkt seiner Zeit zu einem Markenname avancierte – zumindest im Kreise derjenigen, die gegen die konservativen Ideale der Kunstakademie opponierten und in dem Schweden einen Verbündeten sahen. Zu nennen wäre hier vor allem der Berliner Maler Max Liebermann, den Zorn bereits in der französischen Künstlerkolonie Barbizon kennen gelernt hatte und mit dem ihm eine lebenslange Freundschaft verband. Liebermann nahm die Rolle eines energischen Förderers ein, vermittelte nicht nur wichtige Kontakte und profitable Portraitaufträge, sondern sorgte auch mit Einladungen in sein Haus am Pariser Platz dafür, dass Zorn im kosmopolitischen Berliner Kulturmilieu als angesehener Gast wahrgenommen wurde.

Aber Lengefelds Buch erschöpft sich keinesfalls in dem Portrait einer Künstlerfigur und der Schilderung einer Malerfreundschaft. Wo die Autorin auf eine chronologische Darstellung verzichtet und stattdessen Zorns Wirken in den Städten München, Berlin, Hamburg und Dresden jeweils für sich beleuchtet, entwirft sie auch ein nuancenreiches Bild kulturpolitischer Fehden und Debatten um die vorletzte Jahrhundertwende. Zahlreiche Persönlichkeiten und Institutionen geraten dabei in den Blick: so etwa Alfred Lichtwark als Reformator der Hamburger Kunsthalle oder der Direktor der Berliner Nationalgalerie Hugo von Tschudi, aber auch eine ganze Reihe renommierter Kunsthändler und Sammler, die Anders Zorn für sich einzunehmen verstand. Dass im Grunde jedes kulturelle Zentrum eine ganz eigene Strategie verlangte, um Käufer und Publikum zu gewinnen, wird hier deutlich. Zugleich wird aber auch eine Medienlegende konterkariert: Anders Zorn – ehrgeizig, marktorientiert und ständig auf Reisen – verkörperte keinesfalls den Künstlertypus des naturgeprägten und vornehmlich der eigenen Scholle verbundenen „Heimatmalers“, den das wilhelminische Bürgertum nach 1900 in ihm sehen wollte.

Cecilia Lengefeld schenkt auch dieser Umfigurierung des Malers mit „Pariser Adresse“ zum „nordischen Maler“ viel Aufmerksamkeit. Sie verweist darauf, wie vor allem Motive und Sujets aus der schwedischen Heimat nunmehr zu ungeheurer Popularität gelangten: die Aktbilder von Frauen, die in abgeschiedener Schärenlandschaft baden, farbenfrohe Portraits junger Mädchen, die in traditioneller Kleidung posieren, oder Szenen eines ausgelassen Volksfestes aus der ländlichen Region Dalarna. Was vormals als thematische und stilistische Freizügigkeit provozierte, schmückte nunmehr in massenhafter Reproduktion als „Kunstblätter“ oder „Wandschmuck“ die kleinbürgerlichen Heime – und fand die hierzu nötige Ideologisierung bei einem regressiven Zeitgeist, der sich heimatbewegt, lebensreformerisch und von Germanentum schwärmend ohnehin gerade nach Norden orientierte. Doch dieser Norden war für Anders Zorn schon immer ein zu enger Kontext – kulturell wie geographisch.

Gabriela Häfner

Cecilia Lengefeld:
Anders Zorn.
Eine Künstlerkarriere in Deutschland.

Aus dem Schwedischen von Cecilia Larsson.

Dietrich Reimer Verlag
Berlin 2004
ISBN 3496012927
Gebunden, 360 Seiten, 49 EUR.

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