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Sören Kierkegaard. Biographie

Die Erzählung Kierkegaard. Die Kierkegaard-Biographie Joakim Garffs liegt nun in deutscher Übersetzung vor

Im Frühjahr 2004 hat der Hanser Verlag Joakim Garffs umfassende Kierkegaard-Biographie herausgegeben. Die in großen Teilen ausgezeichnete Übersetzung der 2000 erschienenen dänischen Ausgabe wurde von Herbert Zeichner und Hermann Schmid geleistet. Nach mehr als 60 Jahren liegt damit endlich wieder eine Biographie über Kierkegaard vor, die ihren Namen verdient. Das Besondere dieser Biographie verdankt sich nicht nur der detailreichen Aufarbeitung eines scheinbar ereignisarmen und nur 42 Jahre währenden Lebens, sondern v.a. dem Fokus auf das Ineinandergreifen von Schrift und Leben, von ,bios‘ und ,graphem‘. Die dänische Ausgabe macht auf diese Gleichzeitigkeit bereits in ihrem Titel SAK aufmerksam. SAK ist gleichzeitig Kürzel für Søren Aaby Kierkegaard und Signifikant eines nicht näher bestimmbaren Signifikats, geheimnisvolles Zischen ohne genau zu definierende Bedeutung. Dieser poststrukturalistisch anmutende Ansatz wächst sich bei Garff zwar nicht zu einer Derridaschen Dekonstruktion aus Ausgehebelt und in viele kleine Erzählungen aufgeblättert wird aber die lineare Lebensgeschichte, die Kierkegaard selbst immer wieder zu erzählen versucht hat und die von vielen seiner Bewunderer in ebenso andächtiger wie vermeintlich wissenschaftlicher Treue wieder und wieder nacherzählt worden ist: die Geschichte eines schwermütig um seine Religiosität ringenden Genies.

Joakim Garff leugnet dieses Genie nicht, in gewisser Weise ist auch er ihm verfallen. Er erkennt es aber nicht so sehr in der theologisch-existentiellen, sondern in der literarischen Größe Kierkegaards, die er gerade in dem sieht, was Kierkegaard selbst nicht sehen konnte. In seinem Vorwort erklärt Garff: „Ich wollte Nebenschauplätze aufsuchen, Spalten in dem genialen Granit, den Wahnwitz unter der Oberfläche, die Intensität, die Kosten der Schreiborgie, ökonomisch und psychologisch, zugleich das Zitternde und tief Unergründliche in einer Figur, mit der man nie fertig wird.“

Die folgenden 900 Seiten werden diesem Anspruch durchaus gerecht. Akribisch erkundet Joakim Garff Kierkegaards Leben in Text und Kontext. Tagebuchaufzeinungen, Briefe und Textentwürfe aller Art sind das Material, das Garff auswertet und auf seine Geheimnisse hin durchleuchtet. Zum Vorschein kommt dabei zwar nicht die vielleicht von einigen erhoffte ,geheime Note‘, von der Kierkegaard verlauten ließ, dass sie alles erklären würde. Wohl aber wird das Geheimnis der Schrift als solcher, mithin ihre Macht und unbeherrschbare Dynamik spürbar. Die spezifische Ironie der Texte wird dabei entgegen Kierkegaards ,Theorie der indirekte Mitteilung‘ nicht als Versuch gelesen, den Leser ,in die Wahrheit hinein zu betrügen‘, sondern als Ironie des Textes, der die Ironie seines Schöpfers ironisch untergräbt, ohne ihn deswegen gleich postmodern in Nicht-Existenz aufzulösen. Kierkegaard lebt, aber er lebt, so die Lesart Joakim Garffs, als Schriftsteller, der nicht Herr ist in seinem Haus aus Schrift.

Schmerzlich deutlich kann Garff die Ohnmacht Kierkegaards insbesondere da aufzeigen, wo Text und Kontext besonders hart aufeinander prallen: in der sogenannten Corsar-Affäre und den daran anschließenden Verspottungen, die Kierkegaard sich so sehr zu Herzen oder besser: zu Leibe nimmt, dass er alle ironische Nonchalance vermissen lässt. Anhand zahlreicher Tagebuchnotizen macht Garff die Verletzheit Kierkegaards einsehbar, stellt ihn stellenweise jedoch auch bloß, wenn er lakonisch kommentiert: „Mit Kierkegaards Großmut ist es hier nicht weit her.“ Diese Art der Kommentierung ist eine Eigenart Joakim Garffs. Sie belebt den Text, macht ihn als Arbeit über Kierkegaard erkennbar, wirkt aber da störend, wo sie allzu eilig das Klischee der verletzten Eitelkeit reproduziert. Die Leichtigkeit der Garffschen Diktion, die zu Recht immer wieder als seine ,große Erzählkunst‘ hervorgehoben wurde, stoppt sich hier selbst, wenn sie Kierkegaards Verhalten letztlich doch freudianisch zu erklären versucht. Oder ärgerlicher noch: sie erklärt nicht, sondern deutet in dem Maße an, dass der Leser von alleine in die psycho-biographische Erklärungsfalle tappt. So kommt es, dass in zahlreichen Rezensionen eben diese Erklärungsmuster aufgerufen werden und Joakim Garff der Verdienst zugeschrieben wird, „die ambivalente Geschichte der Sublimierung einer Glücksverhinderung“ erzählt zu haben. Das ist so richtig, wie es falsch ist. Richtig ist diese Analyse, weil Kierkegaards Lebensgeschichte als Versuch einer christlich motivierten Selbstverneinung natürlich zum grundlegenden Element seiner Texte geworden ist. Falsch aber ist diese Analyse in ihrer trivialisierten Form, die Kierkegaard als ,liebesunfähigen Kopfmenschen‘ festschreibt.

Joakim Garff selbst ist nun aber eine solche Festschreibung schwerlich vorzuwerfen. Ist er doch, wie er in verschiedenen Interviews betont, darum bemüht, Kierkegaard ohne jegliche ,Ideologie‘, ja ohne eine bestimmte organisierende Idee zu lesen. Der Leser solle nicht schon auf Seite 18 wissen, mit wem er es zu tun habe. Deswegen, so Garff gut Kierkegaardianisch, habe er ,narrative Nischen‘ geschaffen, die der Leser selbständig zu erforschen habe.

Die deutsche Übersetzung stützt Garffs Anliegen dabei in bemerkenswerter Weise. Sie trifft den erzählerischen Ton Joakim Garffs und legt zugleich Wert auf die präzise Wiedergabe historischer Termini. Dass der Hanser Verlag einen solch voluminösen Text wie diese Kierkegaard-Biographie zwei Übersetzern anvertraut hat, die jeden Satz gemeinsam durcharbeiten, sollte der deutschsprachige Leser zu schätzen wissen. Dass hier und da einige Fehler stehengeblieben sind, könnte eben so gut unerwähnt bleiben. Schade ist allerdings, dass die Kierkegaard-Zitate selbst nicht neu übersetzt worden sind, sondern der alten Hirsch-Ausgabe entnommen wurden. Die Zeit hätte man sich ruhig auch noch nehmen sollen. Immerhin deutet einiges darauf hin, dass Joakim Garff mit seiner ,Erzählung Kierkegaard‘ innerhalb der Kierkegaardliteratur einen – nicht nur biographischen – Meilenstein gesetzt hat.

Sophie Wennerscheid

Joakim Garff
Sören Kierkegaard
Biographie

Aus dem Dänischen von Hermann Schmid
und Herbert Zeichner

Mit 32 Seiten Bildteil

Carl Hanser Verlag
München 2004
ISBN 3446204792
Gebunden
944 Seiten
45,00 EUR

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