Kontakt/Impressum  Suche       Druckansicht       Auf Facebook teilen
   

Ostsee. Das Meer in unserer Mitte

Die Ostsee verbindet. Ein fundiertes, historisch-aktuelles Porträt über die Ostseeregion ist im mare-Verlag erschienen

Das Cover ziert eine typische Ostseelandschaft: karger Wald vor langem Sandstrand, leicht bedeckter Himmel. Christoph Neidhart nimmt den Leser in seinem Buch „Ostsee. Das Meer in unserer Mitte“ mit auf eine Reise in die Ostseeanrainerstaaten und auf einen Ausflug in die wechselvolle Geschichte der Region. Vom Mare lutheranum, über die Epoche des Eisernen Vorhangs bis hin zum Mare europeum. Das Meer, das einst den Osten vom Westen oder den Norden vom Süden trennte, ist heute ein verbindendes Element der Staaten an seinen Ufern.

Nach Jahrzehnten der Trennung begann Ende der 80er Jahre eine neue Zeitrechnung. Regionalisierungsbestrebungen setzten ein, die Vokabel der „Neuen Hanse“ machte die Runde und der zunehmende Austausch von Waren, Tourismus und Ideen führt langsam zu einer neuen Eigenwahrnehmung der Region als Ganzes.

In zehn Kapiteln stellt Neidhart Ideen, Geschichte & Politik, Kultur & Gebräuche, Inseln und Landschaften der Region in einer Vielzahl von Essays und Reportagen vor, wobei Geschichte und Faktenwissen abwechslungs- und kenntnisreich vorgetragen werden. Persönliche Eindrücke und Erlebnisse prägen die Schilderungen. Aber auch die ausführliche Recherche des Autors wird deutlich, wenn er den Lesern Hintergrundwissen zur Region vermittelt oder ihnen beispielsweise den osteuropäischen Nationalismus erklärt und das „Jantelag“ nahebringt, das 1933 von Aksel Sandemose formulierte Gesetz, in dem das Mittelmaß und die Nabelschau der Skandinavier ihre literarische und praktische Entsprechung finden. Das Gesetz steht für einen speziellen Wesenszug der nordeuropäischen Identität, seine Grundlage ist die Überzeugung von der sozialen Gleichheit der Menschen. Zudem gibt der Autor der kulinarischen Seite Raum, von Grünkohl mit Pinkel bis hin zu Fisch kommen allerhand landesspezifische Gerichte auf den Tisch. Wer hätte gewußt oder auch nur geahnt, dass der Grünkohl von den Wikingern bereits im Jahre 896 importiert wurde? Natürlich darf bei derlei regionalen Köstlichkeiten eine kurze Abhandlung über den Alkoholkonsum und die staatliche Alkoholpolitik nicht fehlen, die mancherorts eigenwillige Blüten trieb.

Bereits im Jahr 2003 erschien die erste Ausgabe der „Ostsee“, die nach den politischen Umbrüchen in der Region, dem Beitritt der baltischen Staaten und Polens zur EU, erweitert und im Frühjahr 2007 neu aufgelegt wurde. Über zehn Jahre hat der Schweizer Journalist die Ostseeländer bereist. Mit seinem neuen Buch legt er nun ein aktualisiertes Porträt vor, mit spannenden Berichten und einem Schwerpunkt auf der geschichtlichen Entwicklung einer Region, der bisher zumeist nur rein wissenschaftliche Literatur gewidmet wurde. Fast alle wichtigen historischen Ereignisse werden aufgeführt, von der Wikingerzeit über die Hanse, die nordischen Kriege, Eroberungen, Verluste und die Entstehung der Nationen ebenso wie das Abkommen von Saltsjöbaden, der Mord an Olof Palme oder der Untergang der Estonia. Blickt man auf all diese Ereignisse, so scheint es nicht zu verwundern, dass die Kriminalliteratur in Skandinavien, vor allem in Schweden, floriert. Dort, wo der Hauptermittler des Palmemordes zwar erfolglos fahndete, aber nach seiner Entlassung dafür um so erfolgreicher sein Geld mit dem Schreiben von Krimis verdiente. Hierbei kam ihm sicherlich zugute, dass der Norden nicht nur eine schreib-, sondern auch sehr lesefreudige Region ist.

Bei einem so umfangreichen Werk sind kleinere Fehler zu verschmerzen, wie die Tatsache, dass die Gelehrte Estnische Gesellschaft (1838) nicht Vorbild war für die Entstehung der Finnischen Literaturgesellschaft (1831).

Viel Wissen steckt in dem Buch, viel ist erzählt worden über eine Region, der gerne noch ein zweiter Band gewidmet werden könnte. So taucht beim Lesen über Christiania unwillkürlich der Gedanke an das Künstlerviertel Užupis in Vilnius auf, das von seinen Bewohnern im Zuge einer Kunstaktion zur unabhängigen Republik erklärt wurde, mit eigener Flagge und Verfassung. Oder die Bevölkerungswanderungen freiwilliger und nicht freiwilliger Art, wie die Migrationen zwischen Schweden und Finnland, die Zwangsumsiedlungen im Baltikum oder die Geschichte der Wolfskinder. Eines zeigt das Buch von Neidhart ganz deutlich: Die Ostsee ist ein Meer reich an Geschichte(n) und hier finden sich einige der interessantesten – sehr lesbar, enorm vielseitig und tiefgreifend.

Inken Dose

Christoph Neidhart
Ostsee. Das Meer in unserer Mitte

marebuchverlag
Hamburg, 2007
(erw.Neuauflage)

407 Seiten
24,90 EUR

ISBN-10:
3866480547

ISBN-13:
978-3866480544

Unsere aktuellen Veranstaltungen

Oktober - 2017
M D M D F S S
  01
02 03 04 05 06 07 08
09 10
11
12 13 14 15
16 17 18 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29
30 31  
Mittwoch, 11. Oktober 2017
19:00 - Tore, himlen & havet | Tore, der Himmel & das Meer
D/SE 2016 | 57 Min. | Dokumentarfilm | Original (schwedisch) mit deutschen Untertiteln | R Maria Mogren, Jens von Larcher

Keine News in dieser Ansicht.

Logo des Kulturhus Berlin e.V. KULTURHUS BERLIN | Tel (Mo-Mi/Fr): +49.(0)30.2093-4952 | Email: info (at) kulturhus-berlin.de