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Flucht und Verwandlung

"Kann ich mit meiner Mutter nach Schweden kommen?"

Das traumatische Erleben der 1940 nach Schweden geretteten deutsch-jüdischen Dichterin Nelly Sachs und der elegisch hohe Ton ihrer Lyrik verführen zu mimetischer Anpassung. Wer über Nelly Sachs schreibt, der neigt dazu, sich ihren speziellen Duktus zu eigen zu machen. So schreibt zum Beispiel der schwedische Lyriker Johannes Edfelt in einem kurzen Text aus dem Jahr 1961: „Auf schwedischer Erde, in schwedischem Milieu hat Nelly Sachs ihre schönste Reife als Lyrikerin gefunden. Hier schrieb sie ihre eigentümlichen, zarten, von sprödem Glockenklang, Schmetterlingsglanz und dem unergründlichen Schatten des Todes erfüllten »Grabschriften«“.

Dass man heute anders von und über Nelly Sachs schreiben kann und muss, ohne es an einfühlsamer Nähe fehlen zu lassen, zeigt Aris Fioretos in seiner Bildbiographie Flucht und Verwandlung. Nelly Sachs, Schriftstellerin, Berlin/Stockholm. Der über 300 Seiten starke, mit einer Vielzahl bisher unbekannter Bilder und Dokumente versehene Band wurde im Rahmen der 2010/11 in Berlin, Stockholm, Zürich und Dortmund gezeigten Nelly-Sachs-Wanderausstellung erarbeitet und 2010 vom Suhrkamp Verlag veröffentlicht. In neun Kapiteln, die dem Leben der Autorin folgen, gelingt es Fioretos einen ebenso sachkundigen wie persönlichen Zugang zu Nelly Sachs zu eröffnen. Dem Leser erschließt sich so, welche Bedeutung die lebensgefährdenden Erlebnisse für das literarische Werk hatten, denen die 1891 geborene Nelly Sachs in ihrer Berliner Jugend, während der Zeit des Nationalsozialismus und im schwedischen Exil in Stockholm ausgesetzt war. Doch nicht nur in die ausdrucksstarke Lyrik und Dramatik der Nelly Sachs bekommt der interessierte Leser einen guten Einblick, sondern auch in die zahlreichen anderen Texte, die Nelly Sachs bis zu ihrem Tod am 12. Mai 1970 verfasste: Briefe, Tagebuchnotizen und vor allem ihre Übersetzungen aus dem Schwedischen.

Die Lebendigkeit dieses Einblicks verdankt sich dem eleganten Stil des engagierten Porträtisten Fioretos, vor allem aber auch dem umfassenden und sehr schön arrangierten Bildmaterial. Selten, oder auch noch nie gesehene Fotos von Nelly Sachs, ihrer Mutter, ihren Freunden und Kollegen, Handschriften, Zeitungsausschnitte oder andere Dokumente der Zeit laden zu einem visuellen Spaziergang ein, für den man sich ruhig einige Stunden Zeit nehmen sollte.

Der Band beginnt mit einer Annäherung an das familiäre Umfeld Nelly Sachs‘, ihre Berliner Jugendjahre und das offensichtlich traumatisch wirkende Erlebnis einer unglücklichen Liebe, die die zu der Zeit Siebzehnjährige zum ersten Mal in eine bedrohliche psychische Krise brachte, aus der heraus ihr erste dichterische Versuche halfen. Fioretos gibt seinem ersten Kapitel den Titel „Im Paradiesgärtlein“ und beschreibt damit das Lebensgefühl, dem Nelly Sachs in ihren ersten Gedichten, Prosaerzählungen und Stücken für Puppentheater Ausdruck verleiht: Sehnsucht nach einem behüteten Raum, der sich aber als immer schon bedroht erweist. Fioretos pointiert: „Schon in den frühen Texten trägt das Leben die Röte des Abschieds. Das Dasein bestand aus Verlusten“. Sehr schön deutlich wird dieses Gefühl in dem frühen, 1933 im Berliner Tageblatt veröffentlichten Gedicht Die Rehe. Über diese Rehe schreibt Nelly Sachs: „Sie sind des Waldes leise Legenden, / Darin die Geheimnisse zärtlich verenden“

Wie sich die sentimentalisch aufgeladene Sprache der Nelly Sachs unter den Erfahrungen des Nationalsozialismus und dann vor allem auch in der Auseinandersetzung Nelly Sachs‘ mit der schwedischen Lyrik der Moderne nach und nach zu einem sehr eigenen und kunstvollen Stil entwickelt, zeigt Fioretos in den weiteren Kapiteln des Buches.

Nicht zu kurz kommt natürlich auch die märchenhaft anmutende Geschichte von der Rettung Nelly Sachs‘ und ihrer Mutter in das von Sachs so genannte „Friedensschweden“ und die lebenswichtige Rolle, die hierbei die von Sachs verehrte schwedische Autorin Selma Lagerlöf spielte. Im November 1938 hatte Nelly Sachs sich an Lagerlöf gewandt und ihr folgende verzweifelt-hoffnungsvolle Zeilen geschickt: „Kann ich mit meiner Mutter nach Schweden kommen, um auszuruhen an dem gütigsten Herzen? Für die allergeringste Lebensmöglichkeit würde ich danken mit jeder Faser meines Daseins.“ Doch Selma Lagerlöf antwortete nicht. Im Januar 1939 wiederholt Nelly Sachs ihr dringendes Anliegen: „Und wenn ich meine scheue Bitte, die Ihnen wie auf Knieen hingerichtet erscheinen möge, wiederholen darf: Würden Sie, die Sie mir von Kindheit auf ein Sinnbild an Liebe und Güte sind, würden Sie meiner Mutter und mir helfen die Pforte des von uns so heiß ersehnten schwedischen Landes zu öffnen, in dem Sie gestatten, auf den Fragebogen des hiesigen Schwedischen Consulats Ihren mir so teuren Namen als Referenz setzen zu dürfen?“ Wieder keine Antwort. Doch dank des unermüdlichen Einsatzes der treuen Freundin Gudrun Dähnert gelingt es schließlich doch noch, das Unmögliche möglich zu machen. Lagerlöf setzt einen kurzen Brief auf: „Es liegt mir daran daß Fräulein Sachs Aufnahme in Schweden findet“. Mit diesem Brief spricht Gudrun Dähnert beim schwedischen Prinzen und anderen wichtigen Persönlichkeiten vor und erreicht nach vielen weiteren Mühen und auszustehenden Unsicherheiten, dass Nelly Sachs und ihre Mutter am 16. Mai 1940 in buchstäblich letzter Minute nach Stockholm ausfliegen und so dem Zugriff der Gestapo entkommen.

Die weiteren Stationen, Tief- und Höhepunkte des Lebens der Nelly Sachs in Schweden sind von dem Herausgeber sorgfältig recherchiert und umsichtig dargestellt worden. Abgerundet wird das vielschichtige Bild, das der Leser der Bildbiographie von Nelly Sachs erhält, noch durch eine dem Band beigefügte CD, auf der Gedichte, teilweise von Sachs selbst vorgetragen, und Gespräche, z. B. mit Hans Magnus Enzensberger, zu hören sind. Alles in allem also eine wirklich hervorragende herausgeberische und verlegerische Leistung, der man viele Käufer und Leser wünscht.

Sophie Wennerscheid

Aris Fioretos (Hg.)
Flucht und Verwandlung. Nelly Sachs, Schriftstellerin, Berlin/Stockholm

Berlin: Suhrkamp, 2010
Broschur, 317 Seiten
ISBN: 978-3-518-42159-8
29,90 Euro

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