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Ein gesegnetes Kind

Ein Lesevergnügen

Ein gesegnetes Kind ist ein Lesevergnügen für diejenigen, die eine sommerlich leichte Lektüre genießen wollen und gleichzeitig im Urlaubsidyll einer schwedischen Insel einer ernsten Kindheitsgeschichte aus den späten Siebziger und frühen Achtziger Jahren folgen möchten. Gegliedert ist der Roman in fünf Teile, die wiederum in zahlreiche kurze Abschnitte aufgeteilt und knapper als Filmszenen gehalten sind, so dass die Lektüre jederzeit unterbrochen werden kann. Die Erzählung folgt im Wesentlichen zwei Zeitebenen: Zum einen dem Geschehen im Jahr 2005, bei welchem die Hauptfigur Erika die Initiative ergreift, 25 Jahre später vor dem Tod des Vaters noch einmal nach Hammarsö zurückzukehren und ihre beiden Halbschwestern dazu bringt, ihr zu folgen. Zum anderen wird eine lange Reihe aufeinander folgender Urlaube dargestellt. Dazwischen fließt noch das Leben der drei Schwestern nach dem abrupten Ende der Sommer ihrer Kindheit ein.

Zentraler Schauplatz des Romans ist die fiktive Insel Hammarsö einige hundert Kilometer nördlich des Stockholmer Schärenarchipels. Mit Ausnahme des Aufbruchs dorthin 25 Jahre später ist immer Sommer, wenn die drei Halbschwestern Erika, Laura und Molly hier zusammenkommen und für diese Zeit zu einer Familie werden. Dies erweckt beim hiesigen Leser bzw. der hiesigen Leserin, für den bzw. die ein skandinavischer Inselurlaub keine gewöhnliche Art ist, den Sommer zu verbringen, Erinnerungen an Astrid Lindgrens bekanntes Kinderbuch Ferien auf Saltkrokan. Astrid Lindgrens Buch spielt jedoch in einer anderen Zeit. In ihm gelingt es der Familie Melcherson am Ende, das geliebte renovierungsbedürftige „Schreinerhaus“ auf der Insel zu erwerben, auf dass die Familienmitglieder noch viele weitere glückliche Tage an dem Ort verbringen können, an dem sie sich zugehörig fühlen. Die Sommer in Linn Ullmanns Roman dagegen handeln von den Kindheitsjahren der heute Mitte- bis Ende Dreißigjährigen, in der Zeit also, in der die Autorin selbst aufwuchs. Das einstige Idyll wird durch ein folgenschweres Ereignis zerstört, bezüglich dessen die Frage nach Ursache und Schuld niemals gestellt wird. Zu Ende ist für die Kinder damit auch der Bezug zu den Halbschwestern und mit Ausnahme Lauras auch derjenige zum Vater. Die Darstellung der gemeinsamen Sommer erfolgt in Form eines Rückblicks aus der Perspektive der drei Schwestern, so wie sie es damals erlebt haben.

Erika, Tochter des geachteten schwedischen Gynäkologen und Professors Isak Lövenstad aus erster Ehe mit einer Norwegerin, Laura, Tochter aus zweiter Ehe und Molly, die einem Seitensprung wiederum mit einer Norwegerin entstammt, verbringen jeden Sommer mit ihrem Vater und dessen geliebter zweiter Frau in einem alten Haus auf Hammarsö. Während dieser Zeit leben sie als große Patchwork-Familie zusammen, während die Töchter den Rest des Jahres über bei ihren jeweiligen Müttern leben und keinen Kontakt zueinander haben. Isaks zweite Frau Rosa, eine traditionelle Hausfrau, hat sich nach Mollys Geburt mit ihrem Schicksal abgefunden, dass ihr Mann im Laufe der Zeit etliche weitere Geliebte gehabt und auf Hammarsö, wie es heißt, viele Kinder gezeugt hat. Noch eines dieser Kinder taucht auf: es ist Ragnar, der Sohn einer Frau, die schwächer als Erikas und Mollys Mütter ist und Isak Lövenstad nicht dazu zu verbringen mag, den Jungen ebenfalls als seinen Sohn anzuerkennen. Sie verschafft Ragnar lediglich nachträglich für eine Theateraufführung der Inselgäste eine Rolle, die er selbst weder will noch die zunächst überhaupt vorgesehen war.


Wenngleich Ragnar sich seiner Abstammung nicht bewusst ist, kämpft er jedoch ebenfalls um einen Platz in der Familie. Sein Kampf ist insoweit erfolgreich, dass er die gleichaltrige Erika gewinnt und zu Beginn ihrer gemeinsamen Pubertät ein unschuldiges Liebesverhältnis mit ihr eingeht. Erika verbirgt dies jedoch vor ihren Gleichaltrigen, da Ragnar bei ihnen keinerlei Ansehen genießt und vielmehr überall der Ausgestoßene ist. Erika gelingt der Durchbruch nicht. Auf Grund unkontrollierter Machtkämpfe der heranreifenden Jugendlichen untereinander und mangelndem Verständnis der Erwachsenen für die Kinder wird Erika dahin getrieben, Ragnar und ihre Liebe zu verraten. Ragnar muss schließlich vor den anderen fliehen, die Steine hinter ihm herwerfen, läuft ins Meer und ertrinkt.


Über sein Verschwinden wird geschwiegen, obwohl Erika es ihrem Vater schließlich erzählt. Dieser tabuisiert Ragnars Tod, und seine einzige Reaktion ist, die gemeinsamen Sommer auf der Insel zu beenden. Erika, Laura und Molly verlieren den Kontakt zueinander, Molly lebt nach dem Tod ihrer Mutter bei ihrer alten Großmutter. Als Erwachsene vermögen es weder Erika noch Laura trotz Bildung, Wohlstand, Ehemänner und Kinder glücklich zu sein. Dann der Aufbruch: Erika, die sich auf den Weg macht, um noch einmal an der Ort der Kindheit zurückzukehren; Laura, die nicht damit zurechtgekommen war, dass ihre Schwester in die Pubertät kam und so ihr Liebesverhältnis mit Ragnar verraten hatte kann sich erst zum Aufbruch entschließen, nachdem es ihr geglückt ist, einmal gegen den Willen der Mehrheit einem ausgestoßenen Menschen hilfreich zur Seite zu stehen; Molly, die seitdem sie als kleines Kind gezwungen wurde, Ragnars Theaterrolle zu übernehmen, dem Theater fortan verbunden blieb. Auf dem Weg dorthin zeichnet sich untergründig eine Entwicklung ab und es besteht eine Chance, die auf den Schwestern lastende Schuld zu lösen. Das Ende bleibt offen, jedoch ist das Entscheidende bereits geschehen.

Überschattet sind die Sommerferien auf der Insel durchweg von der patriarchalen Übermacht des Vaters, dessen Willen sich alle zu beugen haben, weil er es anders nicht erträgt. Die mehrgliedrige Patchwork-Familie mutet wie eine abendländische Erscheinungsform eines orientalischen Harems an. Als Isak Lövenstads schlimmste Zügen erscheinen jedoch nicht seine zahlreichen außerehelichen Beziehungen, sondern vielmehr das, was für die Entwicklung seiner Sprösslinge ausschlaggebend ist: die fehlende Auseinandersetzung mit sich selbst, die erdrückende Sprachlosigkeit in Alltag und zwischenmenschlichen Beziehungen, seine fehlende Anteilnahme wie auch die seiner farblosen Frau an der Entwicklung der Kinder. So gehen Ragnars Tod äußerst intrigante Beziehungen unter den Gleichaltrigen auf der Insel voraus. Vor allem ist es die ein Jahr ältere Marion, der niemand Grenzen setzt. Dies nutzt sie, um ihre Herrschaft über die andern rücksichtslos auszuüben. Marion sorgt dafür, dass die Bekanntschaft mit der sich entwickelnden Sexualität mit Hilfe von Pornoheften und Dildos geschieht und treibt ihr Machtspiel damit bis zu Erikas gewaltsamer Entjungferung.
Auf diese Art und Weise enthält die Handlung des Roman in Wirklichkeit viele Kritikpunkte, vor allem hinsichtlich der schlecht austarierten Beziehungen der Menschen zu ihrer eigenen Sexualität, aus denen sich untragbare Machtgefälle ergeben. Eine Beschäftigung hiermit ist lohnenswert. So stellt sich auch die Frage, ob es Isak Lövenstad nicht schwerer gefallen wäre, sich mit einem Sohn auseinander zu setzen als sich nur von Frauen und Mädchen umgeben zu wissen.

Leider ist es jedoch gut möglich, den Roman auch als Unterhaltungsliteratur zu lesen, was angesichts der fatalen Folgen des Geschehens zu wenig ist. Die enthaltene Kritik wird erst bei einer intensiven Auseinandersetzung mit der Handlung deutlich. Die Sprache besteht aus äußerst knappen Sätzen, sämtliche Dialoge gleichen solchen aus Kinder- und Jugendbüchern. Zeitsprünge sind so zahlreich vorhanden, dass die Lektüre überall abgebrochen werden kann, und insgesamt ist festzustellen, dass hinsichtlich Konzentration und Aufmerksamkeit keine großen Anforderungen an den Leser oder die Leserin gestellt werden.

Etwas klischeehaft mutet auch das Verhältnis der Länder Schweden und Norwegen im Roman zueinander an. Schweden wird repräsentiert durch den sprachlosen Vater in seiner ungebrochenen Machtposition, Norwegen durch die alleinerziehenden Frauen, die mit diesem Mann kein Glück gefunden haben. Später wechselt die schwedische Tochter Laura auch auf die Seite der Norwegerinnen über, so dass der Aufbruch nach Hammarsö insgesamt vom mittlerweile wirtschaftlich erstarkten Norwegen aus geschieht, um sich in Schweden ein Stück seiner selbst zurückzuerobern. Merkwürdig hieran ist, dass es für Norwegen heute offenbar immer noch gilt, sich gegenüber dem Nachbarland, dem ehemaligen „großen Bruder“, zu behaupten.

Gänzlich offen bleibt die Frage, wer mit dem „gesegneten Kind“ gemeint ist. Erika, die Hauptakteurin und Begabte, weil sie nach vielen Jahren auf der Insel ein Stück von sich wiederfinden wird, oder Ragnar, der das absolute Gegenteil von gesegnet war, sozial benachteiligt, ausgestoßen, verhöhnt, schutzlos, in den Tod getrieben, dessen Stärke nicht sein durfte und dem der Eintritt in die Pubertät verwehrt wurde?

 

Ulrike Schulz

 

Linn Ullmann
Ein gesegnetes Kind

Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
Droemer/Knaur 2006
ISBN-10: 3426197340
384 Seiten, gebunden

Et velsignet barn
Forlaget Oktober 2005

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