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Palmen in Warschau. Notizen aus dem neuen Polen

Die Künstlerin Joanna Rajkowska hat eine Vision. Sie will mitten im Zentrum Warschaus eine fünfzehn Meter hohe Palme pflanzen.

Damit will sie den Warschauern zeigen, wo sie leben bzw. nicht leben: nicht in Amerika, nicht in Florida, nicht im Westen. Der gnadenlose Einbruch des Kapitalismus in die polnische Hauptstadt traf deren Bewohner etwas unvorbereitet. Deshalb können sie nur einigermaßen klarkommen, wenn sie sich ihrer östlichen Identität wieder bewußter würden. Und weil eine richtige Palme in der Stadt gar nicht überleben könne, müsse diese eben aus Plastik sein. Es gibt nur ein einziges Unternehmen auf der Welt,.das Plastikpalmen dieser Größenordnung herstellt. Und das ist in San Diego. Die Anschaffung und Überführung nach Warschau würde mehrere Zehntausend Dollar kosten. Sponsoren sind keine in Sicht, von dem Widerstand Warschauer Behörden gar nicht zu reden.

Annette Dittert war von 2001 bis 2004 ARD-Korrespondentin in Warschau. Sie hat ihre Fernsehbeiträge, für die sie den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis erhielt, zu einem Buch verdichtet, ergänzt um Analysen, Anekdoten und Reflexionen. Dabei beweist sie durchaus erzählerisches Talent. Seine Faszination bezieht das Buch aus der Empathie der Autorin. Da ist eine, die neugierig ist, die zuhören kann, die ihre Gesprächspartner und Sujets nicht um der Pointe willen verrät. Und die sehr komplexe Themen erklärt, wie die tiefe Verbundenheit der Polen mit der Katholischen Kirche, die nicht einfach nur der Tatsache geschuldet ist, daß ein Pole Papst war oder die fast pathologische Abneigung gegen alles Homoerotische oder die tief verwurzelte Distanz zu Russland.

Die Journalistin nimmt uns mit auf eine faszinierende Entdeckungsreise in ein für viele Deutsche fremdes Land und deren Menschen. Da sind z. B. Pani Ania (89) und Pani Zofia (83), die jeden Tag in der Warschauer Milchbar "U Karalucha" (Bar zur Kakerlake), einkehren - immer perfekt geschminkt und schick angezogen. Nicht nur das schmackhafte und preiswerte Essen zieht sie an, sondern auch die zahlreichen gut aussehenden Studenten der gegenüber gelegenen Universität, mit denen sie "flirten, was das Zeug hält". Da ist Kazimierz, ein mobiler Filmvorführer in den Masuren, der Letzte seiner Art, der mit alten ukrainischen Projektoren über die Dörfer zieht oder der Hippie und Kommunalpolitiker Piotr, der sich in den südöstlichsten Winkel Polen, die Karpaten, zurückgezogen hat.

Aber auch die Hoffnungslosen, Verlorenen, Gestrandeten bekommen ein Gesicht, jene, die mit der Dynamik des Wandels nicht Schritt halten konnten. Ola, die im Spielfilm "Czesc, Tereska" (Hallo Tereska) sich selbst spielt: eine Außenseiterin, die im Heim landet, ausreisst, kriminell wird. Der Film wird in Polen ein Riesenerfolg, Ola erhält für ihre schauspielerische Leistung den Young Artists Award, soll zur Verleihung nach Los Angeles reisen. Der Regisseur besorgt einen Pass und die Genehmigung vom Heim. Nur Ola ist wieder mal verschwunden. Als sie am Telefon über den Preis und die bevorstehende Reise informiert wird, legt sie auf. Kurze Zeit später überfällt sie einen Kiosk, wird erwischt und landet im Knast. Die Halbwüchsigen Adam, Marcin und Zbisiek, schon lange resigniert über ihre Lebensumstände, klauen unter abenteuerlichen und lebensgefährlichen Bedingungen Kohle von Güterwagen, um sie zu verkaufen.

Annette Dittert ist eines der besten Polen-Bücher seit langem gelungen, das Maßstäbe setzt und es künftigen ARD-Korrespondenten vermutlich schwer machen dürfte. Für Leser, die mehr über unsere Nachbarn im Osten erfahren wollen, ist das Buch eine unbedingte Empfehlung, für Polen-Kenner eine Lektüre, die auf alle Fälle Überraschungen bereit hält.

Nach einem Jahr Kampf steht sie da auf dem Rondo de Gaulle im Zentrum Warschaus: eine fünfzehn Meter hohe Plastikpalme. Seither wurde viel diskutiert über die Palme, die Verkehrsinsel ist zum Treffpunkt geworden, Hochzeitspaare lassen sich vor der Palme fotografieren. Und vielleicht hat sich die Stadt über die Palme ein Stück neu erfunden.

 

Annette Dittert
Palmen in Warschau - Notizen aus dem neuen Polen
Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch 2004
251 Seiten, mit zahlreichen Fotos
ISBN 3-462-03444-8
18,90 EUR

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D/SE 2016 | 57 Min. | Dokumentarfilm | Original (schwedisch) mit deutschen Untertiteln | R Maria Mogren, Jens von Larcher

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