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Die Geschichte von Mutter und Vater

Deutschenflittchen und Deutsches Schwein Zwei eindringliche Familiengeschichten aus Norwegen und Dänemark

Wenn man die beiden Bände aus dem Insel Verlag in den Händen hält, freut man sich erst einmal über so viel Buchkunst: über den Satz, das Format, das schöne Papier, die ganze Zurückhaltung. Es sind keine dicken Bücher, sondern eher schmale, handliche. In beiden geht es um die Nachkriegsjahre und um skandinavische Familien, in denen von Deutschen stammende Kinder leben. Und beide Bücher haben nichts mit den üblichen beleidigten Schicksalsschilderungen zu tun, bei denen man nur die Augen verdreht und denkt, tja, nun …

Edvard Hoem hat die Geschichte seiner norwegischen Eltern aufgeschrieben: Zum Ende des Krieges ist Kristine schwanger von einem deutschen Soldaten, der auf und davon ist und nichts mehr von sich hören läßt. Der Norweger Knut heiratet sie, eine geschmähte Frau, trotz aller familiären und gesellschaftlichen Widerstände im damaligen Norwegen. Die große Liebe ist es nicht, von der Hoem erzählt.

Kristine, das ist das „kluge Mädchen aus Nordbygda“, die zu eine dieser „unglücklichen Frauen“ wird, „die jedes Wort für bare Münze nehmen!“ „Ein vierundreißigjähriger Deutscher erklärt einer Neunzehnjährigen die Welt, und sie hängt an seinen Lippen.“ Er war „galant, er behandelte die frühere Stallmagd wie eine Prinzessin“. „Im Gegenzug akzeptierte sie alles, was er sagte, mit grenzenloser Naivität.“ Zur selben Zeit gerät Knut als Erbe eines Bauernhofes in das Getriebe des „Leibgedinges“. Knut will kein Bauer werden, er hat andere Pläne. Und er will den elterlichen Hof im Romsdal nicht übernehmen. Doch die Eltern präsentieren ihm ein handschriftlich aufgesetztes Papier, in dem steht, was sie von Knut verlangen: Er bekommt den Hof, und sie werden „umsonst in der Südstube des Hauses wohnen, dazu gehören noch eine Küche, das Zimmer über Stube und Küche und die Dachkammer darüber. Sie wollen den alten Kuhstall haben, weil sie daran denken, Schafe zu halten, sie wollen im Bootshaus Platz für ein Boot und Fischereigerätschaften. Zusätzlich wollen sie jährlich 200 Kilo gut gereinigten Hafer, 100 Kilo Weizen, 100 Kilo Gerste und 500 Kilo Kartoffeln, das sind an jedem Tag des Jahres fast anderthalb Kilo für ein altes Ehepaar. All das soll der Sohn, der Hoferbe, kostenlos anliefern ...“ Hinzu kommen 40 Ar Ackerland, ein Drittel der Milch, fünfzehn Fuhren Mist, kostenlos Futter und Pflege für Schafe und Lämmer, kostenloses Brennmaterial ans Haus gefahren und in die Stube getragen, zehn Kilo Speck im Jahr, zusätzlich soll Knut 4000 Kronen bezahlen. Er verzweifelt: Er wird Besitzer eines Hofes, obwohl er „ja gar keinen Hof haben wollte“. Und trotzdem ihn diese Schwierigkeiten lähmen, entschließt er sich zu einem gut durchdachten Schritt: Er will dieses sogenannte Deutschenflittchen heiraten ...

Edvard Hoem hat für sein Buch in Archiven, in alten Zeitungen und in Krankenakten recherchiert. Die norwegische Landkarte am Ende des Buches ist eine schöne Idee, weil sie dem Leser eine räumliche Dimension verschafft. Hoem hat „Die Geschichte von Mutter und Vater“ sehr einnehmend und kunstvoll aufgeschrieben. Er sagt selbst zum Schluß dieses wunderbaren Bandes, „die meisten Begebenheiten dieses Buches sind authentisch, aber sie sind mit der Stimme des Schriftstellers erzählt, so, wie er es vor sich sieht, nach dem, was er gesehen und geträumt hat“.

Knud Romer wurde 1960 als Sohn einer deutschen Mutter und eines dänischen Vaters geboren. Sein Buch, das im Original „Den som blinker er bange for døden“ heißt, war 2006 in Dänemark eines der meistverkauften und meistdiskutierten Bücher. Denn: Romer läßt seine Landsleute nicht besonders gut wegkommen, wenn er z. B. den 9. April 1941, den Tag der Besetzung Dänemarks durch die Deutschen, schildert. „Der einzige Angriff, dem die Invasionstruppen zwischen Gedesby, Bruserup und Marrebæk ausgesetzt waren, bestand aus Schildern mit der Aufschrift „Zimmer frei“ oder „Kartoffeln zu verkaufen“ ... Die Händler am Marktplatz diskutierten, ob sie die Fensterläden schließen oder die Waren mit Preisen in Reichsmark auszeichnen sollten ... Die Deutschen legten die vierzig Kilometer von Gedser bis Masnedsund gemächlich und in aller Ruhe zurück, ohne daß die Garnisonen in Vordinborg und Næstved alarmiert wurden ... Der Zweite Weltkrieg marschierte quer durch die Stadt und auf der anderen Seite wieder heraus.“

Knud Romer wächst in den 60ern in einer mittelgroßen dänischen Stadt auf. Er erzählt von seiner Mutter, die nach Kriegsende nach Dänemark gelangt. Ihr erster Verlobter, „Horstchen“, war als Mitglied der „Roten Kapelle“ von den Nazis hingerichtet worden. In der neuen Heimat kann sie keine Freunde, keinen Frieden finden und muss dafür ein zähes, widerspenstiges Leben führen. Romer erzählt davon, wie er als Kind leidet, wenn alle auf der Welt sich über seine „deutsche Mutter“ lustig machen, von seiner Angst, wenn sie Wodkaflaschen bis auf den letzten Tropfen leert, weil sie die Gedanken an diesen „grauen Wintertag im Dezember 1942“ nicht unterdrücken kann, den Tag des Mordes an „Horstchen“. Knud Romer stellt uns seine dänischen Mitschüler vor, die ihn als Kind immer wieder „Deut-sches Schwein! Deut-sches Schwein! Deut-sches Schwein!“ rufen, ihn verprügeln, schubsen, ächten, „deutschen Würstchenfresser“ nennen. „Das einzige, was ich mit Nykøbing verband, war Angst.“ Er schreibt von seinem dänischen Vater, der die Arbeit verliert, den der Lions Club Nykøbing ausschließt, weil sie nicht „einen Nazi tolerieren können“ und dessen Familie zur Hochzeit mit der Deutschen nicht erscheint. Und der seiner Frau dennoch so zur Seite steht, daß das mit zu dem Großartigsten an dieser Geschichte über die einsame Familie aus Nykøbing gehört.

Ulrike Schulz

 

Edvard Hoem
Die Geschichte von Mutter und Vater


Aus dem Norwegischen von Ebba D. Drolshagen
220 Seiten, Gebunden
19,80 Euro
ISBN 978-3-458-17359-5

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