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Das Erbe des Bösen

Ein neuer Krimi aus Finnland. Ilkka Remes' "Das Erbe des Bösen"

"Aber er war fest entschlossen, noch ein letztes Mal den Versuch zu wagen, alte Wunden zu heilen, tiefe, noch immer klaffende Wunden." Der finnische Physiker Rolf Narva begibt sich auf eine letzte Reise nach Berlin, nachdem er von seiner alten Jugendfreundin Katharina Kleve einen Brief bekam. Doch dieser Brief entpuppt sich als Falle, denn jemand hat offensichtlich großes Interesse an Narvas bis dahin totgeschwiegenen NS-Vergangenheit.

Als sich sein Sohn Erik, ein erfolgreicher Genforscher, auf die Suche nach seinem verschwundenen Vater macht, kommt er nach und nach dessen düsterer Geschichte auf die Spur. Einer Vergangenheit, die sich nicht, wie jahrelang dem Sohn erzählt, an den Universitäten der Vereinigten Staaten von Amerika abspielte, sondern im Rahmen des Atomforschungsprogramms der Nationalsozialisten. Als Erik noch erfährt, dass seine Mutter Ingrid unter Otmar Freiherr von Verschuer am Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik arbeitete und für ihre Forschungen sogar Organe von ermordeten Häftlingen über Joseph Mengele aus Auschwitz erhielt, befindet sich Erik bereits in einem Alptraum, der auch seine eigene Familie in Gefahr bringt. Äußerst spannend erzählt Remes Eriks Suche, die Hetzjagd nach seinem Vater und die Konflikte mit seiner (ver)schweigenden Mutter, die er beide immer weniger kennt. Wer ist diese mysteriöse Katharina Kleve? Warum ist sein Vater entführt worden? Und warum ist in Gottes Namen zur gleichen Zeit von Finnland aus eine Rakete in St. Petersburg eingeschlagen?

Obwohl der Roman in der Gegenwart spielt, schickt Remes seine Leser immer wieder zurück in die Jugend von Rolf, Katharina und Ingrid. Eine Jugend, die geprägt war von ihrer Arbeit für das NS-Regime.

Die Einbettung von Fiktion in eine historische Kulisse ist eine häufig gewählte Form in Genren der Literatur, und auch die Filmindustrie macht gerne davon Gebrauch. Remes bedient sich ebenfalls historischer Personen und Ereignisse. Die Anmerkung des Verlages auf der letzten Seite des Buches "Alle Wissenschaftler auf deutscher Seite sind historische Persönlichkeiten – außer den Hauptfiguren Ingrid, Rolf, Katharina und Hans." wirkt eher wie eine Entschuldigung für die Verknüpfung von Wahrheit und Fiktion, denn zu oft fragt man sich, welche Ereignisse aus der Zeit des Nationalsozialismus bis hinein in die heutige Zeit im Roman historisch und quellentechnisch nachweisbar und welche der Fantasie des Autors entsprungen sind. Die deutsche Homepage des Autors möchte dieser Verwirrung entgegenwirken: Remes belegt dort die gewählten Ereignisse mit entsprechenden Quellen. Dennoch – für den unwissenden und nicht vernetzten Leser besteht die Gefahr zwischen den historischen Fakten und der Fantasie des Autors nicht mehr unterscheiden zu können und dem Roman versehentlich einen Anspruch an Authentizität abzugewinnen. Mengele und Verschuer bekommen einen neuen Schauplatz, außerhalb der Geschichtsbücher und Lexika. Auch wenn die kritische Positionierung des Autors zu den historischen Figuren und Tatsachen deutlich ist, fragt man sich, ob Remes nicht eine Fahrlässigkeit begeht, die auch die erwähnte Anmerkung des Verlages nicht verharmlosen kann.

Andererseits: Kann man diese Verquickung nicht als eine neue Form der Erinnerung und des "Nichtvergessens" betrachten, weil der Leser animiert wird, den historischen Tatsachen noch mal höchstpersönlich auf den Grund zu gehen? Weil mit einem anderen Mittel als wissenschaftlichen Texten geschildert wird, welche grausamen Versuche an Menschen in den Laboren von Auschwitz durchgeführt wurden? Weil Remes die neuen Praktiken der Anthropologie genauso in Frage stellt, wie die aus der Zeit des Nationalsozialismus? Weil Verbrechen im Namen der Wissenschaft nicht nur von 1933 bis 45 und nicht nur in Deutschland begangen wurden und werden? Es ist ein äußerst schmaler Grat.

Frauke Stuhl

Ilkka Remes:
Das Erbe des Bösen

dtv
Mai 2008

Aus dem Finnischen
von Stefan Moster
523 Seiten

ISBN:
978-3-423-24666-8

 

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