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Verliert Kopenhagen ein Wahrzeichen?

Nicht nur die kleine Meerjungfrau ist eines der berühmtesten Wahrzeichen der dänischen Hauptstadt, auch der als alternatives Wohnprojekt bekannte Stadtteil Christiania zählt zu ihnen. Nun steht die Existenz der Freistadt auf dem Spiel: Das Gelände soll nach staatlichem Willen umstrukturiert werden, weshalb die Bewohner einen schwierigen Beschluss über ihre zukünftige Existenz treffen mussten.

Das ehemalige Militärgelände der Badsmandsstraedes Kaserne in Kopenhagen wurde 1971 von einigen tausend Hippies, Aussteigern, Anarchisten und sonstigen Lebenskünstlern im Stil der Hausbesetzung bevölkert. Formal betrachtet ist Christiania heute eine staatlich geduldete, autonome Kommune, in der rund 1000 Menschen, teilweise in der zweiten und dritten Generation, leben. Gemeinsam ist allen Bewohnern die Ablehnung gesellschaftlicher Konventionen. Es gibt weder Mietverträge noch Hauseigentum, doch wurden im Laufe der Zeit alle notwendigen Dienste, von der Straßenreinigung bis zur Post, eingeführt.

Als zu Beginn der Besetzung die staatlichen Versuche fehlschlugen, das Grundstück und die alten Kasernengebäude zu beräumen, einigte man sich 1972 in einem Abkommen mit dem Verteidigungsministerium darüber, für die Grundversorgung (Strom, Wasser) zu bezahlen. Damit erhielt Christiania den politischen Stempel eines „Sozialexperiments“. Bis zu einer endgültigen Entscheidung über die Nutzung des Gebietes sollte es weiter bestehen dürfen. Doch mit dem Regierungswechsel im darauffolgenden Jahr änderte sich die politische Stimmung, Christiania sollte geräumt werden. So ging es die kommenden Jahre hin und her zwischen den beteiligten Parteien, nicht zuletzt, da der in Christiania legale Drogenhandel der Regierung (und auch einigen Christianittern) ein Dorn im Auge war. Am 16. März 2003 ließen die Behörden die für den Haschisch-Verkauf bekannt gewordene Pusherstreet – eine Touristenattraktion – räumen und über fünfzig Händler verhaften. Seit dem Ende des Haschisch-Verkaufs sind die Besucherzahlen – und damit die Einnahmen Christianias – deutlich zurückgegangen.

Neben ihrem Ruf als „Hippiekommune“ ist Christiania vor allem als alternatives Gesellschaftsprojekt, als kultureller Veranstaltungsort sowie für die dort ansässigen Künstler, Restaurants und eigenen Produktionen, wie die typischen Christiania-Fahrräder, über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Im Laufe der Jahre hat sie sich zu einem gefragten Tourismusziel entwickelt, das von der dänischen Tourismuszentrale als „ein weltberühmtes Beispiel dafür, dass die progressive und liberale Lebenseinstellung der Dänen auch in die Tat umgesetzt wird“, vermarktet wird.

Seit dem Amtsantritt von Ministerpräsident Fogh Rasmussen ist die Regierung erneut bemüht, der mehr als 30 Jahre andauernden Existenz Christianias ein Ende zu setzen. Hinzu kommen wirtschaftliche Interessen: Das Gelände liegt zentral inmitten der Stadt und zugleich recht idyllisch am Wasser. Kein Wunder also, dass es für Investoren ein gefragtes Objekt ist und der Staatskasse viel Geld einbringen könnte. Nun sollten die Christianitter entscheiden, ob sie das Angebot der dänischen Regierung, ihr Areal umzustrukturieren, annehmen. Das 2002 verabschiedete „Christiania Gesetz“ unterteilt das Gelände in drei Zonen, wovon die erste diejenige ist, um die es bei den jetzigen Verhandlungen geht. Vorgesehen ist, aus der Freistadt ein ”lebendiges und experimentierendes Wohnlaboratorium” zu machen. Der wichtigste Punkt im sogenannten Normalisierungsplan ist der Bau neuer Wohnungen. Bis zu 200 sollen gebaut und in Abstimmung mit den Bewohnern Christianias gestaltet werden. Der Plan beinhaltet zudem die Renovierung und Legalisierung der 500 existierenden Wohnstätten sowie den Bau 70 neuer Eigentums- oder Anteilswohnungen am Rande der Freistadt. Offene Wartelisten sollen die Verteilung der vorhandenen und neuen Domizile regeln. 60 Prozent davon sollen nach Kriterien vergeben werden, die die Interessen der bisherigen Bewohner berücksichtigen, 40 Prozent nach Anciennität der offenen Warteliste. Dabei gilt die Bedingung, dass alle neuen Bewohner bereit sein müssen, sich für die Gemeinschaft zu engagieren. Der Alternativplan des Finanzministers Thor Pedersen sah vor, dass der Staat langsam alle Grundstücke und Wohnungen in Christiania verkauft.

Das staatliche Angebot der „freiwilligen Normalisierung“ des Gebietes war daran gebunden, dass die Christianitter ihre Klage gegen den Staat bis zum 1. April zurückziehen. Davon ausgehend, nach 20 Jahren Wohnzeit einen Anspruch auf das gesamte Gebiet Christianias zu haben, hatten die Bewohner den Staat im Winter 2006 verklagt.

Das Angebot der Regierung wurde zwar grundsätzlich von der Verhandlungsgruppe Christianias unterstützt, doch bereitete die in Christiania herrschende Konsensdemokratie mit ihrem Einstimmigkeitsprinzip zunächst Schwierigkeiten bei der Entscheidung. Der ersten Abstimmung am 22. März folgten etliche Marathonsitzungen, bis am 31. März feststand, dass der staatliche Vorschlag angenommen wird.

Ruhe ist deshalb noch nicht eingekehrt. Die Weigerung der Christianitter, alle ihre eingereichten Klagen gegen den Staat zurückzuziehen, beschwört neue Konflikte herauf. Während die Bewohner Christianias diese als Pfand dafür, dass die Regierung ihre Versprechen einhält, aufrechterhalten wollen, sieht die Regierung hierin einen Verhandlungsbruch. Der Normalisierungsplan der Regierung besteht weiterhin, ein Entgegenkommen bezüglich der Klagen gibt es jedoch nicht. In diesem durch den Konflikt mit dem Ungdomshus in Nørrebro angespannten Klima meldete sich die Bürgermeisterin Kopenhagens, Ritt Bjerregaard, mit dem Angebot zu Wort, dass die Kommune Kopenhagen den Fall Christiania von der Regierung übernehmen würde, auch, um sich damit Einfluss auf die Entwicklung des Gebietes zu sichern, das man gerne als „Experiment“ erhalten würde. Davon ausgehend, dass die Kommune den neuen Lokalplan nicht behindere, womit die Bürgermeisterin gedroht hatte, lehnte Thor Pedersen den Vorschlag ab. Neuen Zündstoff liefert darüber hinaus eine aktuelle Klage der Slots- og Ejendomsstyrelsen vor dem Vollstreckungsgericht, um drei Christianitter vor die Tür zu setzen, da sie kein Nießbrauchsrecht für ihre Häuser haben. Obwohl dies das erste Mal ist, dass die Slots- og Ejendomsstyrelsen rechtlich gegen Bewohner Christianias vorgeht, wird ein Zusammenhang zur aktuellen Debatte abgewiesen. Wenngleich es Ende März schien, als sei die Zukunft Christianias geklärt, steht eine Einigung der beteiligten Parteien weiterhin offen – und damit die Existenz der Freistadt in Frage.

 

Mehr Informationen unter www.christiania.org und www.politiken.dk.

 

Inken Dose

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