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Joakim Garff

Im Gespräch: Joakim Garff über seine Kierkegaard-Biographie

Übersetzung. Der Biograph Joakim Garff, der für seine Arbeit viel Zuspruch erhielt, sich aber auch kritischen Anfragen stellen musste, arbeitet am Kierkegaard-Forschungzentrum in Kopenhagen. In dem vorliegenden Interview antwortet er ausführlich zu Fragen über Methode und Absicht seiner Biographie, zu dem Zusammenhang von Schrift und Leben und über die Macht der Verführung.

 

KULTURHUS BERLIN: Wann haben Sie angefangen, an der Biographie zu arbeiten? Sie haben ja bereits 1995 eine Dissertation zu Kierkegaard geschrieben, die den Titel »Der Schlaflose. Kierkegaard ästhetisch/bio-graphisch gelesen« trägt. Weshalb ist das Biographische so zentral für ihre Arbeit?

Joakim Garff: Seit meiner Gymnasialzeit hatte ich an Kierkegaard ein überwiegend biographisches Interesse, und um gleich ganz ehrlich und auch ein wenig polemisch zu sein, muss ich zugeben, dass ich wirklich nur schwer verstehe, wie man Kierkegaard ohne biographischen Kontext lesen kann. Das heißt natürlich nicht, dass man Kierkegaard immer nur biographisch lesen soll – das wäre nahezu pervers –, und es heißt genau so wenig, dass man nicht vortreffliche Analysen über Kierkegaards Angstbegriff schreiben kann, ohne auch nur das Geringste über den Mann und seine Zeit zu wissen. Das ist natürlich möglich und in einigen Fällen ist der nicht-biographische Zugang der adäquateste und am wenigsten reduktive, was ja durch Lektüren des New Criticism und des Dekonstruktivismus zu Genüge gezeigt worden ist. Wenn ich trotzdem darauf bestehe, dass die biographische Lektüre berechtigt ist, ja, dass sie sogar unumgänglich ist, dann hat das nicht zuletzt mit dem zu tun, was man Kierkegaards Anwesenheit in seinem Werk nennen könnte, also – mit Nietzsche gesagt – mit seiner unfreiwilligen Biographie. Ich kenne schlichtweg keine anderen philosophischen oder theologischen Werke, die in diesem Ausmaß mit der Figur ihres Autors und mit dessen persönlicher Entwicklungs- oder Bildungsgeschichte verbunden sind, wie das bei Kierkegaard der Fall ist – höchstens vielleicht noch bei Nietzsche.

Nicht nur hört man Kierkegaards Stimme trotz aller Sicherheitsvorkehrungen seiner vielen Pseudonyme, manche Phasen seiner Autorschaft bleiben ohne die biographischen Episoden als eine Art hermeneutischer Untergrund einfach unverständlich. Das gilt z.B. in Bezug auf den Umschlag im Bereich des Sozialen und für die stärker gewordenen Martyriumsvorstellungen, die man nach seinem annus horribilis 1846 in seinen Schriften findet, also dem Jahr, in dem Kierkegaard in dem satirischen Wochenblatt Corsaren in Text und Zeichnungen lächerlich gemacht worden ist. Und das gilt ebenso für seine herostratisch-berühmte Ein-Mann-Revolution, auch Kirchenkampf genannt, die psychologisch, aber in gewissem Maße auch theologisch unverständlich bleibt, wenn man nichts von Bischof Mynster weiß, den Kierkegaard immer stärker zu lieben hasste, und nichts von Bischof Martensen, den zu hassen er liebte. Auch hier gibt es natürlich wieder 117 andere Gründe und Konflikte, die zu einer Gesamtbetrachtung dazu gehören, aber das Biographische von vornherein auszuschließen, geht, vorsichtig gesagt, an der Sache vorbei.

KULTURHUS BERLIN: Mit dem Bindestrich zwischen ”Bio” und ”Graphie” wollten Sie in der Dissertation einerseits das Verbindende, andererseits aber auch die Differenz von Schrift und Leben betonen. Führt die ”Biographie” ohne Bindestrich also dieses Projekt weiter?

Joakim Garff: Als ich in den Untertitel meiner Dissertation bio-graphisch mit einem kleinen Bindestrich schrieb, war das nicht nur einer jugendlichen Lust am Subtilen geschuldet, sondern hatte seinen Grund in der mehr oder minder texttheoretischen Voraussetzung, dass Leben und Schrift über weite Strecken hinweg einander bedingen, aber nie ein systematisches Verhältnis eingehen, was Kierkegaard im Übrigen immer und immer wieder schmerzlich erfahren musste. Man könnte villeicht auch sagen, der Bindestrich rührt daher, dass sich Schrift und Schreiber nie voneinander ableiten lassen, aber auch nichts ohne einander sind. Das gilt auch für die Biographie noch. Der Bindestrich ist also nach wie vor da, auch wenn man ihn nicht mehr sieht!

KULTURHUS BERLIN: Worauf kam es Ihnen bei der Darstellung an? Was haben Sie bei anderen Kierkegaard-Biographien vermisst bzw. was hat sie gestört?

Joakim Garff: Ich wollte Kierkegaard gerne von den ideologisch-polemischen Biographien frei schreiben, wie man sie von Georg Brandes und Johannes Hohlenberg kennt, die Kierkegaards Einfluss auf das dänische Geistesleben in dem einen Fall hemmen und im anderen Fall befördern wollten. In meiner Biographie mussten die ideologischen Ausrufe der Stofflichkeit, der historischen Konkretion und dem psychologischen Realismus Platz machen. Ich habe also versucht, meine Biographie auf dem schmalen Pfad zu halten, der sich zwischen dem lodernden Pathos der Heldenbiographie auf der einen Seite und dem blässlichen Naturalismus der Entmythologisierung auf der anderen Seiten hindurch schlängelt. Ohne über Tatsachen hinwegzudichten, wollte ich also den Abstand zwischen der wahren Geschichte und der guten Erzählung so kurz wie möglich halten. Mit meinem Porträt von Kierkegaard wollte ich ihn aber zugleich auch wieder in seine eigene Zeit einsetzen, so dass seine Zeitgenossen auch etwas von ihren historischen Proportionen zurückgewinnen und so vielleicht doch einen kleinen Anteil am Nimbus des Genialen bekommen, den man ansonsten ausschließlich Kierkegaard zukommen lässt. 

Unterhalb der großen Erzählung über Kierkegaard laufen deshalb viele kleine Erzählungen mit, Stimmungen und Zustände, Krisen und Befreiungen, mit denen Kierkegaard entweder verknüpft ist oder von denen er nichts weiß, was den Leser in beiden Fällen, positiv wie negativ, mehr von dem Erfahrungshorizont Kierkegaards mitbekommen lässt. Meine Biographie hat also den recht hohen, aber doch genretypischen Anspruch ein speculum vitae zu sein, ein Spiegel des Lebens und zwar ein Spiegel des Lebens in all seiner schwindelerregenden Diversität. Es wäre also schön, wenn man nach der Lektüre nicht nur mehr über Kierkegaard wüsste, sondern auch mehr über sich selbst.

KULTURHUS BERLIN: Das Buch zeichnet sich durch große erzählerische Geschicklichkeit aus. War es das, was Sie wollten? Kierkegaard ,erzählen‘?

Joakim Garff: Ja, ich wollte Kierkegaard erzählen. Die ganze Zeit, während ich an der Biographie geschrieben habe, ging es mir darum, dem Stoff seine erzählerischen Möglichkeiten zu entlocken, so dass die Figuren, die ich in meiner Obhut hatte, nicht in kantige, klanglose Blöcke auseinander fielen, sondern sich zu einer runden, spannungsvollen Erzählung zusammenfügten. Intensivere Diskussionen über technische Termini, philosophische Begriffe, divergierende Theorien über dies und das können und müssen deshalb so gehandhabt werden, wie der narrative flow verlangt. Jedes Mal, wenn ich wie ein quellenkritischer Förderkorb versucht habe, den Leser mit in den Untergrund des Materials zu locken, um ihm unbearbeitete Daten zu zeigen, habe ich eigentlich immer gemerkt, dass das der erzählerischen Darstellung – dem Zug ins Romanhafte – nicht gut tat. Die Biographie war dann auf einmal keine Biographie mehr, sondern bekam den technisch dichten Charakter eines Fachbuches.

KULTURHUS BERLIN: Sie betonen in der Biographie die Bedeutung der Schrift für Kierkegaard und wählen dazu noch eine erzählerische Darstellungsform. Besteht dadurch nicht die Gefahr, dass Sie Kierkegaard allzu sehr auf seine Existenz als ,Schriftsteller‘, oder sogar als einen von der Schrift Besessenen festschreiben?

Joakim Garff: Kann sein, das kann ich zum Glück nicht vollständig überschauen, aber ich habe nie zu verbergen versucht, dass ich in Bezug auf Kierkegaard immer mehr von dem polymorphen und um sich greifenden Literaten fasziniert war, als von dem anämischen ,Existentialisten‘. Wenn man von der Vorstellung ausgeht, dass eine Biographie im Wesentlichen eine Rekonstruktion eines gelebten Lebens ist und sich insofern fast von selbst schreibt, also ohne das persönliche Zutun des Biographen und ohne subjektive Einschnitte in das Material, so hat man m.E. das Wesen einer Biographie nicht verstanden. Eine Biographie zu schreiben heißt natürlich immer auch seine eigene Biographie zu mobilisieren, seinen eigenen größeren oder kleineren Fundus an persönlichem Wissen, der dem Material das Leben zuführt, für das die Daten aus dem fachlichen Fundus die Grundlage abgeben. Eine objektive Biographie über Kierkegaard, der doch gerade mit Subjektivität verbunden wird, kann kaum in Jemandes Interesse sein – am wenigsten im Interesse Kierkegaards. Dass einige meiner Deutungen der Person und der Texte Kierkegaards subjektiv und kontrovers sind, gebe ich ohne weiteres und gerne zu. Eine Absicht der Biographie war ja eben, den Komplex Kierkegaard von platten Klischees, frommen Erwartungen und allgemeinen, mumifizierten Nettigkeiten frei zu schreiben.

KULTURHUS BERLIN: Ich möchte noch einmal nachfragen: Kommt bei allem ,Frei-Schreiben‘ der religiöse Denker Kierkegaard zu Gunsten des ,Dandys‘ Kierkegaard in der Biographie nicht zu kurz?

Joakim Garff: Für gewöhnlich verspricht das biographische Genre seinem Leser mehr oder weniger explizit, dass der Biograph aus der fragmentierten Fülle des historischen Materials eine fest konturierte Persönlichkeit herausschreibt. Mit anderen Worten: der Biograph soll das Material so organisieren, dass der Eindruck eines zusammenhängenden Lebens entsteht, von dem dann der Leser (oftmals unbewusst) auf eine vermutete Leitidee, auf ein dahinterliegendes mastermind zurückschließen kann, das dann als die Persönlichkeit des Biographierten, als seine Psyche, sein Charakter oder seine Lebensanschauung bestimmt wird. Im Kopf des Lesers richtet sich dann alles auf diesen Fokus hin aus.

Die Biographie muss aus sprachlichen und historischen Gründen natürlich mit Kierkegaard als mit einer bestimmten Person operieren, aber dieser unvermeidliche Singular darf den Biographen nicht die Vielstimmigkeit seines Gegenstandes überhören lassen. So wie viele anti-biographische Texte den ,wirklichen‘ Mann aus dem Werk heraus haben wollten, so haben umgekehrt auch viele Biographen, ob nun bewusst oder unbewusst, eine unbekannte Zahl ,unwirklicher‘ Männer in den Text hinein projiziert. Was ich damit sagen will: Statt von ,Kierkegaard‘ sollte man vielleicht besser von ,Kierkegaards‘ sprechen. Kierkegaard ist nämlich keine eindeutige Figur, er ist auch keine zweideutige Figur, er ist vieldeutig und vereint in seinem unergründlichen Wesen eine ganze Reihe psychologischer Extreme, die ich in meiner Biographie ganz bewusst nicht verflachen oder harmonisieren wollte. Statt dessen wollte ich sie die ganze Biographie hindurch entfalten. Dass Kierkegaard barmherzig, sozial und mitfühlend sein konnte, ist deshalb genauso richtig, wie dass er zynisch, dämonisch verschlossen und sich selbst genug sein konnte. Versucht man den einen Kierkegaard auf Kosten des anderen zu isolieren, verschreibt man sich mit anderen Worten einem hermeneutischen Stalinismus der schlimmsten Art – wie einige Theologen es gerne tun.

Deshalb wollte ich auch den Charakter der Figur in der Biographie an keiner Stelle endgültig festschreiben, so dass man ihn schon auf Seite 18 kennt, ihn auf Seite 42 vorhersagbar und auf Seite 81 trivial findet. Vielmehr wollte ich die Figur offen halten und habe so weit wie möglich versucht, den Mann und den Schriftsteller beweglich zu machen, so dass er sich in all seiner Disparatheit entwickeln und verändern konnte, oder vielleicht auch plötzlich vor dem Auge des Lesers verschwinden. So dass der Leser dadurch in letzter und wichtigster Instanz der wird, der dank seiner Bereitschaft zur Interpretation (also dank seines Einfühlungsvermögens, seiner Erfahrungen oder was auch immer) die Figur ausfüllt, ihr Fleisch und Blut gibt, wenn man so will. Um das zu erreichen, muss man sich als Biograph in einer Art Disziplin der Zurückhaltung üben. Man muss lernen anzudeuten, ein bisschen zu zeigen, mit geführter Hand zu schreiben, so dass man nicht zu einem permanent blinzelnden Voyeur wird, der im Namen des Lesers nicht genug davon bekommen kann, die privaten Seiten des Biographierten anzustarren, sei es nun in Bezug auf sein Geschlechts- oder auf sein Gebetsleben.

Im Übrigen wundert es mich doch, dass man mir vorwirft, ich würde mich nur für den ästhetischen Kierkegaard, den Dandy-Kierkegaard interessieren. Natürlich gibt es ihn in der Biographie. Schließlich war er ein schreibbesessener, wirklich vermögender Mann, der in manchen Zeiten gewaltige Ausgaben hatte, was er selbst als erster zugeben würde. Er spricht offen und beschämt über seine ,Verschwendernatur‘. Aber wie viele andere hat auch Kierkegaard sich geändert, und auf den letzten 200 Seiten kann man diese existentielle Metamorphose gut beobachten: Kierkegaard gibt die Pose des experimentierenden, ironisch distanzierten Mannes auf und arbeitet sich systematisch auf ein christlich-modernes Martyrium hin. Und dann darf ich vielleicht noch daran erinnern, dass Kierkegaard die Innerlichkeit als den Ort des Religiösen betont hat, als Inkommensurabilität, weswegen es wenig passend wäre, seine eigene Religiosität allzu entschieden-eindeutig darzustellen. Das Religiöse muss sozusagen indirekt hervortreten, es muss zwischen den Zeilen liegen und auf die ruhige Decodierung seines frommen Lesers warten! Kierkegaard selbst ironisiert ja den ,Ausrufer der Innerlichkeit‘, was man sich als sein Biograph ruhig hinter die Ohren schreiben sollte.

KULTURHUS BERLIN: In Ihrer Dissertation schreiben Sie, dass sich Kierkegaards ,hermeneutisches Entweder-Oder‘ in Text und insofern in ein ,Sowohl-als auch‘ von Ästhetik und Religion auflöse. Liegt der Witz gerade darin, dass diese Auflösung der Dichotomien im Text auf eine Stellungnahme des Lesers jenseits des Textes hinzielt?

Joakim Garff: Ich weiß eigentlich nicht, worin genau der Witz liegt, vielleicht handelt es sich einfach um eine unfreiwillige Komik, die daraus resultiert, dass Kierkegaard allzu restriktiv zwischen dem Religiösen und dem Ästhetischen zu unterscheiden versucht hat. Seine Erbaulichen Reden in verschiedenem Geist sind eben so sehr erbauliche Reden in verschiedenem Stil und also vom Ästhetischen unterwandert. Gleichzeitig werden in mehreren der Werke, die Kierkegaard als ästhetisch bezeichnet, religiöse, ja genuin christliche Motive entfaltet. Kierkegaard war ein hervorragender Schriftsteller, aber ein etwas eingeschränkter Interpret seiner eigenen Texte.

KULTURHUS BERLIN: Obwohl Sie von der poststrukturalistischen Prämisse ausgehen, dass der Text nicht durch die Autorität des Autors begrenzt werden kann, und Sie entsprechend die nichtautorintentionalen „Spalten im Granit“, den „Wahnsinn unter der Oberfläche“ aufzeigen, vermeiden sie jeden Rekurs auf Denker des Poststrukturalismus. Stattdessen taucht der Name Freud recht häufig auf. Weshalb?

Joakim Garff: In einer Biographie wie der hier besprochenen muss man sich verschiedener Methoden und einer breit gefächerten Hermeneutik bedienen. An manchen Stellen ist die Darstellung fast rührend konventionell, an anderen dekonstruktiv, allerdings in aller gebotenen Zurückhaltung usw. Freud habe ich nie intensiv gelesen, aber ich gehöre zu einer Generation von Vulgärfreudianern, die seine Theorien so zusagen mit der Muttermilch eingesogen haben. Ab und zu behaupte ich in einem bewussten Anachronismus, dass ich das, was ich über Freud weiß, von Kierkegaard gelernt habe. Kierkegaard ist nämlich eine Art Freud vor Freud, und sein Blick auf sich selbst und auf seine Umwelt ist außerordentlich psychologisch. Insofern ist es kein Zufall, dass er als der erste überhaupt eine geniale Monographie über Angst geschrieben hat. Ich bin aber alles andere als ein waschechter Freudianer und erlaube mir in der Biographie ja auch tatsächlich recht häufig, die Freudianismen zu ironisieren, die sich bisweilen anzubieten scheinen, wenn man Kierkegaards Konflikte erklären soll. Mit seinen freudianisch geprägten Reflexen führt man sie allzu schnell und allzu oft auf die Kindheit und den kalten Nachttopf zurück.

KULTURHUS BERLIN: Denken Sie, dass die Biographie für die Kierkegaard-Forschung neue Perspektiven eröffnet? Wird z.B. der literaturwissenschaftlichen Annäherung der Rücken gestärkt?

Joakim Garff: Das würde mich freuen, aber sollten diese Frage nicht besser andere beantworten?

KULTURHUS BERLIN: Kierkegaard wird in Ihrer Biographie aus seinem ,philosophischen Elfenbeinturm‘ herausgeholt. Damit werden auch seine menschlichen Schwächen, seine Eitelkeit und seine Verletzbarkeit deutlicher. Gerade in dem Verhältnis zu Regine Olsen erscheint Kierkegaard plötzlich nicht mehr als der Stärkere, als Betrüger – und Regine Olsen nicht mehr nur als ein ,Opfer‘, als die verlassene Verlobte. Fast scheint es, als ob nicht sie von ihm, sondern er von ihr ,verführt‘ worden ist. Können Sie das näher ausführen?

Joakim Garff: Kierkegaard wurde von Regine überwältigt, von ihrer Hingabe, ihrer natürlichen Sinnlichkeit und Lebensfreude, einfach von ihrem ganzen Wesen. Regine ist schlichtweg verführend und Kierkegaard wird insofern auch verführt, was natürlich den erotischen Konflikt nicht gerade verringert hat. Man könnte vielleicht geradezu die Hypothese wagen, dass Kierkegaard das ,Tagebuch des Verführers‘ schreiben musste, um seine Zeitgenossen zu überzeugen, dass es Johannes (alias Kierkegaard) war, der Cordelia (alias Regine) verführte – und nicht umgekehrt. Verführung ist in jedem Fall ein komplexes Spiel, eine Art überindividuelle Instanz oder Energie, die die erotischen Aktanten in Szene setzt und so ihre eingebildete Autonomie beschränkt. Dass es in Wirklichkeit die Frau ist, die den Mann verführt, dafür gibt es bekanntlich ja schon alttestamentliche Belege. Die Männer stellen sich gerne vor, dass sie die Verführer sind, aber wenn es dann so weit ist, dann ist die Verführung längst von der Frau ausgegangen, die allein aufgrund ihrer spitzen Art und ihrer plötzlichen Rückzüge das Spiel der Verführung viel subtiler kontrolliert als der Mann.

Aber hier sollte ich jetzt besser aufhören, denn nichts verführt so subtil wie der Versuch, Verführung zu erklären. Man siehe Kierkegaard!

 

Das Interview wurde von Sophie Wennerscheid im Sommer 2004

in Kopenhagen geführt und ins Deutsche übersetzt.

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