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Anders Thomas Jensen

Im Gespräch: der Regisseur und Drehbuchautor Anders Thomas Jensen

Der 1972 geborene Däne gehört zu den erfolgreichsten Kinoregisseuren seines Landes. Für seinen Kurzfilm WAHLNACHT erhielt Jensen 1999 den Oscar für den besten Kurzfilm. Er schrieb die Drehbücher u. a. für MIFUNE, IN CHINA ESSEN SIE HUNDE, OPEN HEARTS und OLD MEN IN NEW CARS. Als Regisseur selbst verfilmte er seine Drehbuchvorlagen für FLICKERING LIGHTS und DÄNISCHE DELIKATESSEN.

 

KULTURHUS BERLIN: In Ihrem neuen Film geht es um das Böse und um das Buch Hiob. Lasen Sie die Bibel, als Sie das Motiv für „Adams Äpel“ fanden?

Anders Thomas Jensen: Die Idee entstand eines Abends, als ich mit Mads Mikkelsen zusammensaß und wir über die vielen dänischen Filme sprachen, die so in den letzten Jahren entstanden. In diesen Filmen gibt es nichts, was wir den Charakteren nicht zugemutet hätten: Wir haben sie überfahren, wir haben sie in einen Rollstuhl gesetzt, sie krank gemacht, sie dem Inzest ausgesetzt ... Die Idee für „Adams Äpfel“ kam, als wir dachten: Was wäre, wenn alle diese Unglücke aus den dänischen Filmen der letzten 10 Jahre einer Person passiert wären. So entstand Ivan, und hierher kam die Grundidee.

KULTURHUS BERLIN: Eine der beiden Hauptfiguren in „Adams Äpfel“ ist ein Skinhead. Ulrich Thomsen sieht beängstigend real aus. Gibt es viele Skinheads in Dänemark? Eigentlich habe ich noch keinen gesehen ...

Anders Thomas Jensen: Es gibt wirklich nicht sehr viele Skinheads in Dänemark. Auf jeden Fall nicht so viele, daß man es vergleichen könnte mit den Problemen, die Deutschland damit hat. Ich denke insgesamt sind es vielleicht 50, und sie sind eher eine Parodie ihrer selbst als etwas anderes. Die Figur Adam sollte man nur sehen als ein Bild für die Bosheit, als ein Symbol. Aber sicher hat der Film eine etwas andere Bedeutung für das deutsche Publikum. Doch das macht im Grunde nichts.

KULTURHUS BERLIN: Sie arbeiten mit einer Reihe sehr guter und auch sehr populärer Schauspieler zusammen. Was können Sie sagen über diese dänische Schauspielergeneration?

Anders Thomas Jensen: Nun, sie sind einfach gut. Und sie sind alle mehr oder weniger auf dem Weg in alle möglichen Himmelsrichtungen der Welt, in die USA und so weiter. Wir dürfen hoffen, daß neue kommen. Die Schauspieler, mit denen ich zusammenarbeite - es ist ein wenig Zufall, wir treffen uns auch nicht ständig, es ist einfach eine bestimmte Schnittstelle zwischen uns. Ich weiß nicht, was ich sagen soll, außer, daß sie einfach richtig gut sind und sie ihre Arbeit enorm ernst nehmen.

KULTURHUS BERLIN: Bei ”Adams Äpfel“ hat man manchmal Angst, der Film würde chaotisch, blutig und bedrückend. Doch einige Sekunden später gibt es eine dermaßen komische Situation, daß man völlig perplex ist und einfach nur noch lacht. Ihre Filme sind nie dazu da zu bekümmern, sondern sie transportieren Freude, Klarheit und Munterkeit. Lebensfreude, den Lebensmut zu stärken, ist das wichtig für Sie?

Anders Thomas Jensen: Ja, das ist es. Und die Hoffnung. Beides ist etwas, von dem ich glaube, es ist etwas Durchgängiges in meiner Arbeit. Inmitten all der Psychopaten und all dem Entsetzlichen, was geschieht, daß da eine Hoffnung ist. Selbst wenn wir so viele Menschen sehen, die wir überhaupt gar nicht leiden können. Ich versuche immer, ihnen auch eine sympathische Seite zu geben, und ich finde etwas Hoffnungsvolles bei ihnen und eine Lebensfreude. So daß Lebensmut schon sehr wichtig für mich ist.

KULTURHUS BERLIN: Es gibt eine ganz spezielle Munterkeit in Ihren Filmen, die den düsteren Stellen folgt. Spielen Sie mit einer Art skandinavischer Schwermut?

Anders Thomas Jensen: Es ist das erste, wenn man etwas rauskommt aus Skandinavien, daß man die ganze Zeit über darauf trifft, daß es bei uns diese Melancholie gibt, und das dahinter eine Lebensauffassung steht. Ich sehe das nicht so. Das liegt vielleicht daran, daß es einfach so drin ist in allem, womit ich aufwuchs. Es ist möglicherweise etwas Unbewusstes, vor dem ich nicht weglaufen kann. Also etwas, was in unserer ganzen Kultur ist, aus der ich stamme, mit der ich aufgewachsen bin. Das ist ein Teil des Skandinavischen, denke ich.

KULTURHUS BERLIN: Was ist künstlerisch wichtig für Sie?

Anders Thomas Jensen: Das wichtigste für mich ist, daß Kunst nicht moralisiert. Ich finde, Kunst sollte etwas sein, daß ein Thema von mehreren Seiten aus beleuchtet. Nun gut, wenn Kunst zu viel sein will und zu sehr moralisiert, speziell wenn es um die ganz großen Themen geht, es bringt mich nicht um. Es ist in jedem Fall wichtig, eine Hintertür offen zu lassen, um es subjektiv interpretieren zu können. Das denke ich, ist wichtig.

KULTURHUS BERLIN: Welche Bedingungen finden junge Regisseure und Drehbuchautoren derzeit in Dänemark vor, um Ihre Projekte zu verwirklichen?

Anders Thomas Jensen: Alles in allem sind die Bedingungen so sehr gut nicht. Zur Zeit ist es sogar ziemlich schwer, für debütierende Regisseure in Dänemark einen Film produzieren zu können. Vor 10 Jahren gab es etwa 15 Debütfilme im Jahr. Heute beeinflussen zunehmend kommerzielle Kräfte die Filmlandschaft und somit auch die öffentliche Filmförderung, was ich nicht so richtig verstehe. Die ganze Zeit geht es nur darum, ob der Film markttauglich ist, ob die Leute ihn sehen wollen. Es gibt viele, die es richtig schwer haben, ihren ersten Film zu drehen, weil man gewisse Regeln und Kriterien erfüllen muß. Mir geht es wunderbar, aber es gibt natürlich einige, die es schwerer haben. Für meinen Umgangskreis und mich, die wir Erfolg haben, ist es sehr schön jetzt. Wir haben gute Arbeitsbedingungen und viele, viele Möglichkeiten. Aber ich denke, man sollte mehr Platz für neue Kräfte schaffen, oder es ihnen zumindest leichter machen.

KULTURHUS BERLIN: In Deutschland hat der dänische Film in den letzten 10, 15 Jahren eine wachsende Aufmerksamkeit erfahren. Eine Reihe guter Geschichten kam aus Dänemark. Woran liegt das?

Anders Thomas Jensen: Das fragt man sich immer, aber wenn ich es wüßte, wäre ich sehr reich. Ich denke, ganz sicher haben die Dogma-Filme etwas bewirkt. Sie haben bewirkt, daß eine Konzentration stattfand, auf das, was wir können. Wir können eben keine großen Science-Fiction-Filme machen. Wir können Geschichten erzählen. Dogma hat den Fokus wieder zurückgebracht zum Kern eines guten Films, zu der eigentlichen Geschichte. Es ist eine Kombination von vielem: ordentliche Geldzuschüsse von Seiten des Staates, eine neue Generation von Schauspielern, die plötzlich vom Theater kamen. Es ist eine Reihe von Parametern, die das ausmachen. Dogma, Lars von Trier, das ganze Zentropa, die ganze Gesellschaft.

KULTURHUS BERLIN: Was mögen Sie an Dänemark, und was können Sie nicht leiden an Ihrem Land?

Anders Thomas Jensen: Ich liebe Dänemark. Ich genieße es dort zu sein. Ich genieße die Sicherheit, die es in Dänemark gibt, und die Ruhe, die dort ist, die Offenheit, die vielerorts ist. Und was ich nicht leiden kann ... das ist auch vieles. Ich kann es nicht leiden, daß wir zu dieser Selbstzufriedenheit fähig sind, uns selbst genug sind bis dahin auch etwas arrogant zu sein. Es gibt einige Tendenzen in Dänemark, die ich sehr unbehaglich finde, und das ist vor allem diese Art der Selbstzufriedenheit. Diese Gewissheit, daß wir so gut sind und etwas in uns selbst haben, und es keinen gibt, der uns etwas beibringen könnte. Das kann ich nicht leiden. Und ich werde es auch immer für fatal halten. Ich finde, wir sollten uns mehr öffnen und nicht so viel Angst davor haben, was von außen kommt. Es ist schon eine Art Arroganz, denke ich. Aber wir wissen einfach sehr oft am besten, was richtig und was falsch ist. Man kommt ja nicht umhin, noch einmal die Muhammed-Sache anzusprechen. Ich denke, es war peinlich, daß wir eine Regierung hatten, die sich so ungeschickt angestellt hat. Da ist mir verdammt flau, Däne zu sein, wenn wir so weit kommen. Aber andererseits denke ich, wir haben so vieles zu bieten, und es gibt keinen anderen Ort, wo ich leben möchte und wo ich sein möchte.

KULTURHUS BERLIN: Können Sie eigentlich einen Apfelkuchen backen?

Anders Thomas Jensen: Oh nein, ich habe es auch noch nicht ausprobiert. Noch nie.

Das Gespräch führte Ulrike Schulz im Juli 2006

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