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Klaus Bednarz

"Eine tragische Geschichte als Grenzland" – Klaus Bednarz im Gespräch mit Kulturhus Berlin

Klaus Bednarz, geboren 1942 in Berlin, ist einer der bekanntesten deutschen Fernsehjournalisten. Als Korrespondent der ARD war er in Warschau und Moskau. Fast zwei Jahrzehnte leitete er das Politmagazin „Monitor“. Dieser Tage stellt er sein neues Buch „Das Kreuz des Nordens. Karelien“ vor. Am 30. Dezember und 1. Januar zeigt die ARD seine zweiteilige Dokumentation über die finnisch-russische Grenzregion in Nordosteuropa.

 

KULTURHUS BERLIN: „Das Kreuz des Nordens“ heißt Ihr neues Buch. Sie stellen darin mit Karelien eine Region vor, die weit weg und etwas abseits in Europa zwischen Finnland und Russland liegt. Was war Ihre Motivation, worin lag Ihr Interesse für Karelien?

Klaus Bednarz: Karelien ist eine vergessene Region im äußersten Norden Europas. Eine traumhafte Landschaft, bedeckt fast ausschließlich von Seen und Wäldern. Als Kontrast zu dieser friedlich und unberührt erscheinenden Landschaft gibt es eine vielhundertjährige tragische Geschichte als Grenzland zwischen Finnland und Russland nordöstlich von Sankt Petersburg. Diese Region, die ursprünglich bewohnt wurde von Kareliern, Wepsen und Samen - den Finnen verwandten Angehörigen der finnisch-ugrischen Sprachfamilie - ist seit dem Mittelalter ständig umkämpft worden. Von Russen und Schweden, später Finnen, die sich noch im vergangenen Jahrhundert blutige Schlachten lieferten. Zugleich ist Karelien trotz seiner extrem harten widrigen Klimas eine uralte Kulturregion. An der Küste des Weißen Meeres und in Höhe des Polarkreises finden sich auch heute noch guterhaltene Steinzeichnungen, die davon zeugen, dass schon vor 6000 Jahren hier Taiga- und Meeresjäger sesshaft waren.

KULTURHUS BERLIN: Waren Sie zuvor schon einmal in dem Gebiet?

Klaus Bednarz: Ja, während meiner Korrespondentenzeit einige Male. Aber damals galten weite Teile Russisch-Kareliens als Sperrgebiet, und es war ausgeschlossen, dort zu drehen. Jetzt waren wir mit meinem russischen Kamerateam zweimal im Sommer je vier Wochen und einmal im Winter vier Wochen unterwegs. Heute gibt es zwar auch noch Sperrgebiete – Karelien liegt an der EU-Außengrenze – aber die Situation ist nicht zu vergleichen mit einst. Früher war die finnisch-russische Grenze nach der innerdeutschen die am mächtigsten ausgebaute und schärfstens bewachte Grenze in Europa. Heute ist es einfach, ein Visum für das andere Land zu bekommen. Und die Grenzabfertigung ist unkompliziert.

KULTURHUS BERLIN: Wie sehen Sie die Beziehung der beiden Länder Russland und Finnland heute: Wie wichtig ist - politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich - das eine Land für das andere? Wie funktioniert das normale Leben in diesem Grenzland?

Klaus Bednarz: Man muß sich vor Augen halten, wie heftig und blutig umkämpft die Region zwischen Finnland und Russland immer war. 1939 überfiel die Sowjetarmee Finnland, um sich weite Teile Kareliens einzuverleiben. In diesem „Winterkrieg“ leisteten die Finnen erbitterten Widerstand, dennoch mussten sie weite Teile im Frühjahr 1940 abtreten. Im Zweiten Weltkrieg dann ist die finnische Armee an der Seite der deutschen Wehrmacht in Russisch-Karelien einmarschiert. Aber auch diesmal siegte die Rote Armee, und Finnland verlor endgültig große Teile seines Landes im Osten. 400 000 finnische Karelier wurden aus Ostkarelien vertrieben, vergleichbar den vertriebenen Deutschen bei Kriegsende. Und dennoch haben wir bei unseren Dreharbeiten beiderseits der Grenze, sowohl in Russisch- wie auch in Finnisch-Karelien festgestellt, dass es keinen Haß mehr gibt. Wohl Trauer um die Toten auf beiden Seiten und um verlorenes Land. Aber es gibt keinerlei Revanchegelüste. Russen arbeiten auf den Feldern der karelischen Bauern in Finnland. Und die finnischen Karelier sagen, ohne die Arbeiter aus Russland würde ihre Landwirtschaft zusammenbrechen.

KULTURHUS BERLIN: Das zeugt aber auch von großen ökonomischen Unterschieden ...

Klaus Bednarz: Das ist so, ja. Wir haben z. B. mit einer alten finnischen Bäuerin gesprochen, die beide russisch-finnischen Kriege erlebte, während dieser Kriege in der legendären finnischen Frauenorganisation Lotta arbeitete und als Sanitäterin in Feldlazaretten der Finnischen Armee tätig war. Diese Frau sagte uns, natürlich denke sie noch immer mit Tränen in den Augen an das verlorene Karelien im Osten. „Aber“, so sagt sie, „ich frage mich, wäre es wirklich für das finnische Volk von Vorteil, ein so ausgebeutetes, geschundenes Land zurückzubekommen?“ Kulturell gibt es sehr alte Bindungen. Sowohl die finnischen als auch die russischen Karelier sind orthodoxe Christen, und auch das verbindet.

KULTURHUS BERLIN: Und die Sprache? Karelisch ist eine eigene Sprache.

Klaus Bednarz: Diese dem Finnischen verwandten Sprachen Karelisch und Wepsisch, die Sprachen der Vorfahren, können nur noch wenige. Aber junge russische Karelier und Wepsen, die heute nach Finnland reisen, machen die Erfahrung, dass sie sich mit der Sprache ihrer Vorfahren in Finnland unterhalten können und dass sie damit ganz gute Aussichten auf dem finnischen Arbeitsmarkt haben.

KULTURHUS BERLIN: Finnland feiert am 6. Dezember 90 Jahre Unabhängigkeit - was seinerzeit nicht ganz unabhängig vom Geschehen in Russland war. Historische Abhängigkeit von Russland, Unabhängigkeit jetzt. Wie sieht man dies heute? Spielt es in der Wahrnehmung der Menschen eine Rolle?

Klaus Bednarz: Natürlich spielt das eine Rolle. Die Finnen sind sehr glücklich darüber, dass sie ein unabhängiges Land sind. Die Finnen wissen diese Unabhängigkeit sehr wohl zu schätzen. Und meiner Meinung nach ist es eine glückliche Entscheidung der damaligen finnischen Regierung gewesen, im Jahr 1944 den Krieg frühzeitig zu beenden, auch wenn man Gebiete im Osten verloren hat.

KULTURHUS BERLIN: Zum Schluß noch: Wie funktioniert das mit der Kommunikation während Ihrer Drehs? Verstehen Sie denn Finnisch?

Klaus Bednarz: Das ist ziemlich schwer. Nein, ich kann kein Finnisch. Ein paar Worte vielleicht, aber wir verständigen uns hauptsächlich mit Russisch, Englisch und haben eine ausgezeichnete Finnisch-Dolmetscherin.

Das Gespräch führte Ulrike Schulz im Dezember 2007

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