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Antje Ravic Strubel

„Wird’s jetzt wirklich romantisch?“ Antje Ravic Strubel im Gespräch.

KULTURHUS BERLIN: Kältere Schichten der Luft spielt in Schweden, genauer: in einem Kanu-Camp an den so genannten„Wildnisseen“ Stora Le und Foxen, dicht an der norwegischen Grenze. Der Natur- und Kulturraum Nordeuropa hat für Deutschland schon immer eine große Rolle gespielt, auch in der zeitgenössischen deutschen Literatur finden sich öfter mal Erzählungen, die in Norwegen oder Schweden spielen. Welche Rolle spielt Schweden denn für Ihr Buch? Warum gerade Schweden und nicht Norwegen? Hat das auch damit zu tun, dass gerade Schweden für die DDR – und damit für Sie, die dort aufgewachsen sind – so wichtig war?

Antje Ravic Strubel: Schweden hat mich auf verschiedene Weise angesprochen. Natürlich spielt die DDR-Erfahrung eine Rolle, in der Schweden das Ideal war; einerseits als der Fluchtort, der nur durch ein paar Kilometer Ostsee vom eigenen, verriegelten Ufer getrennt war, andererseits als perfektere Gesellschaft, die zwar den Traum von der sozialen Gleichheit träumte, dabei aber demokratisch und nicht diktatorisch regiert wurde. Andererseits habe ich ein Faible gerade für das schwedische Licht und seine Landschaften. Norwegen ist atemberaubend und umwerfend schön; Schwedens Schönheit dagegen ist stiller, weniger gewaltig, sie zeigt sich oft erst bei näherem Hinsehen, bei Langsamkeit. Dem Buch liegt ganz ursprünglich eine Lichtstudie zugrunde, die ich schrieb, nachdem ich an einem der vielen Seen einen tief eindrücklichen „Licht-Moment“ erlebte. Schweden ist hier vor allem als Naturraum wichtig; auf das soziale, gesellschaftliche, politische Schweden spielt das Buch mit wenigen Ausnahmen eher nicht an. Die Natur ist wichtig, weil sie eine Echtheit, Wildheit, ein Abenteuer vorgaukelt; eine Illusion von Aufbruch oder Ausbruch, der die Camp-Bewohner erliegen. Als könnten sie hier ihr geordnetes, bisheriges Leben hinter sich lassen. Und der Grenzraum zwischen Schweden und Norwegen ist natürlich ideal (die Grenze führt direkt durch den See), da es in den Kälteren Schichten um Grenzverschiebungen, Grenzausdehnungen oder um das Verwischen von Grenzen geht.

KULTURHUS BERLIN: Ist denn die irgendwie vielleicht ja immer noch bestehende Grenze DDR-BRD für Sie als Autorin wichtig?

Antje Ravic Strubel: Die DDR hat meine Kindheit, die Wende als Umbruchsituation meine Weltwahrnehmung geprägt. Und insofern spielt beides auch beim Schreiben immer eine Rolle, das ja bestimmt wird durch die Art, wie ich die Welt wahrnehme. Thematisch variieren meine Bücher allerdings. Für mich stellt es eine Beengung dar, mich nur auf DDR-oder Wende-Themen festzulegen. Genauso sehe ich das, wenn mir das von außen übergestülpt wird.

KULTURHUS BERLIN: Ihr Buch zeichnet sich durch die ästhetisch sehr reizvoll gemachten Naturwahrnehmungen aus. Die Ich-Erzählerin genießt die Frische der Luft, die Vielfalt der Lichteinfälle etc. Gleichzeitig wird aber von Anfang an klar gemacht, dass es sich bei dem Camp nicht um einen Raum der Wildnis handelt, sondern um einen zivilisatorisch erschlossenen Raum, der als Wildnis präsentiert wird, um den Umsatz zu steigern. Wie würden sie das Verhältnis der Hauptfigur zur Natur beschreiben? Was hat für Sie als Autorin den Reiz bei den Naturbeschreibungen ausgemacht? Ist das stellenweise nicht fast schon „Naturdichtung“?

Antje Ravic Strubel: Es geht ja in erster Linie um die so genannte Natur des Menschen, die gemacht ist und längst nicht so natürlich, wie es das Alltagsdenken gern träge annimmt. Und diese sozial verabredete „Natur“ wird in eine ebenso künstlich gemachte Wildnis-Natur gesetzt. Das Hin-und Her zwischen beidem schien mir interessant. Die Hauptperson selbst hat nun gar kein besonderes Verhältnis dazu, indem sie etwa ein „Naturfreak“ wäre oder dergleichen. Sie wird aber, gelenkt von Siri, das Künstliche an dieser Menschennatur im Laufe der Zeit immer stärker wahrnehmen und es als Voraussetzung dafür begreifen, dass alles auch ganz anders sein kann. Das andere ist, dass ich mich natürlich gefragt habe, wie man heute überhaupt noch von Licht oder auch von Liebe erzählen kann. Und darauf kam, dass man mehrere Dinge übereinander lagern und parallel laufen lassen, dass man eines über den Umweg von etwas anderem erzählen muss. Also das Licht über die Landschaft, über Dinge. Und die Liebe im vexierhaften Übereinanderlagern zweier verschiedener Modelle der Liebe.

KULTURHUS BERLIN: Wie verhält sich dazu das dem Buch vorangestellte Motto von Lawrence, der ja dafür eingetreten ist, Natur nicht immer nur zu betrachten, sondern sie zu fühlen? Ist damit ein zivilisationskritischer Subtext aufgerufen?

Antje Ravic Strubel: Es geht in den Kälteren Schichten der Luft um das Sichtbare. Um die Überformung der Realität durch die Dominanz des Visuellen. Und Lawrence sagte: „Ich bin sicher, das Leben ist ganz verkehrt, weil man immer nur sieht – wir können nicht mehr hören, fühlen und begreifen.“ Es geht in diesem Buch um verschiedene Formen von Gewalt, und eine zentrale ist dabei die Wahrnehmung. Wie durch Wahrnehmung Festlegungen entstehen, Kategorien. Kategorien machen die Dinge unterscheidbar, bilden Realität, geben Sicherheit und sind zugleich tödlich, weil starr. Sie entzünden sich immer am Sichtbaren, zuletzt am Körperlichen. Demgegenüber steht der Schwebezustand von etwas, was permanent verabredet, besprochen, erzählt werden muss. Dem keine feste Kategorie zugrunde liegt, weil er sich, in diesem Fall die Schmoll- Geschichte, nicht am Körper entzünden kann; Alters- und Geschlechtergrenze sind im Raum Schmoll zumindest verwischt. Solange Siri und Anja in diesem Schwebezustand ihrer ersten Liebe sind, sind die beiden allem Materiellen entrückt. Aber sobald sich diese Schwebe-Welt verdinglicht, zerfällt sie. Der Tod von Ralf verdeutlicht das extrem. Tatsächlich entkommen kann hier keiner.

KULTURHUS BERLIN: Und dann auch noch Byron als zweiter Motto-Geber? Wird’s jetzt wirklich romantisch?

Antje Ravic Strubel: Natürlich! Das Buch ist insofern romantisch, als ja schon die Romantiker von der Doppeldeutigkeit des Lichts fasziniert waren, die auch mich beschäftigt. Einerseits zeigt das Licht, was da ist, setzt die Dinge in Szene, andererseits macht es Grenzen deutlich. Was ins Licht gesetzt wird, verstehen wir als Realität. Wir orientieren uns am Sichtbaren. Dem Visuellen kommt in unserer Kultur, wie gesagt, eine enorme Bedeutung zu. Ich versuche in diesem Buch, hinter das Sichtbare zu gehen, nach den Möglichkeiten zu fragen, die es ausschließt. Deshalb gibt es diese Bewegung vom Grellen ins Dunkle. Die beiden Frauen erleben eine traumartige Geschichte, die sich im Halbdunkel abspielt. Sie ist etwas Nicht-Fassbares, noch Undefiniertes, was die Leute im Camp mit seinen starren gesellschaftlichen Verabredungen wiederum verunsichert. Eine Verunsicherung die sie schließlich aggressiv werden lässt. Lord Byron gehört ja eher der späten Romantik an, einer Romantik, die bereits ziemlich schwarz ist. Was mir gut gefällt. Auch seine Helden machen auf festgefahrene Strukturen aufmerksam, indem sie sie rigoros ablehnen. Sie sind dabei ebenso intelligent, leidenschaftlich und verletzlich wie Siri... Und Siri versucht, die gewohnten Muster auszutricksen, indem sie das dreißigste Jahr aufbricht mit einer Teenager-Liebe.

KULTURHUS BERLIN: Die Hauptfigur aus Kältere Schichten der Luft ist einerseits eine sehr vitale und energische Frau, andererseits offen für etwas, das eine nicht wirklich kontrollierbare Macht auf sie ausübt. Das macht sie verletzlich, zieht dem Roman aber auch eine irgendwie utopische Dimension ein. Ist Schreiben für Sie eine utopische Tätigkeit, vielleicht in dem Sinne, dass man so etwas aufleuchten lassen kann, was nicht klar zu verorten ist?

Antje Ravic Strubel: Das Schreiben, die Sprache im Schreiben gibt mir die Möglichkeit, Begrenzungen zu lösen, Räume zu erweitern, Nichtzusammenhängendes zusammen zu führen. Und Sie haben recht: dadurch werden Dinge möglich, die bei unserem permanenten Wunsch nach Einordnung und Festlegung sonst unmöglich sind. Schreiben hat tatsächlich etwas Utopisches. Es schürt die Hoffnung, diese Offenheit, Undefiniertheit irgendwann in den Alltag, ins Leben zu führen. Eine völlig vergebliche und deshalb sinnlose Hoffnung.

KULTURHUS BERLIN: Auf Ihrer Homepage haben Sie nahezu programmatisch den Satz zitiert, dass Schreiben heiße, sich das eigene Denken anzusehen. Was haben Sie denn beim Schreiben der Kälteren Schichten gesehen? Und wie würden Sie das Verhältnis von reflektierter Arbeit an und mit dem Material und vielleicht eher sinnlich-unmittelbar zu nennenden Schreibprozessen für sich beschreiben?

Antje Ravic Strubel: Sie haben da den wichtigen Nachsatz vergessen: Schreiben heißt zu zweifeln. Und mit den Zweifeln Sätze zu bilden, etc.Beim Schreiben bin ich in einem Sprachraum, und der Sprachraum befindet sich gleichzeitig in meinem Kopf, in dem es spricht. Das große Vergnügen beim Schreiben besteht für mich darin, mich auflösen zu können. Soweit das, ohne das Bewusstsein zu verlieren, möglich ist. Es ist eine Art Fieber, die von mir Besitz ergreift. Es ist ein Zustand hoher Konzentration, ein Denken, das kein Reflektieren, eher ein sehr intensives Welt-und Selbst-Wahrnehmen ist. Das mag widersprüchlich klingen, wenn ich vorher von Auflösung spreche. Aber diese Auflösung betrifft ein Alltagsdasein, die gewöhnliche Identität, das gewöhnliche Sprechen, auch das nüchterne Reflektieren, das natürlich nach Beendigung dieses Fiebers sofort wieder einsetzt und mit dem ich dann wiederholt über den Text gehe. Dieser Zustand des tieferen Welt-Wahrnehmens spiegelt sich in der Struktur der Sätze, in der Wortwahl, im Rhythmus wieder, ohne dass ich im Einzelnen sagen könnte: dieses steht jetzt für jenes. Und vielleicht rühren daher die Zweifel. Solange ich in diesem besonderen Zustand des Denkens bin, muss ich ihm vertrauen. Ich kann es nicht sehen, das heißt: nicht nüchtern darüber reflektieren. Ich kann es nur tun. Und insofern ist es vielleicht nicht ganz richtig, wenn auf meiner Homepage steht: ich sehe es mir an. – Auf jeden Fall scheint es schwierig, das so zu beschreiben, dass es einigermaßen nachvollziehbar klingt...

KULTURHUS BERLIN: In einem Interview haben Sie einmal gesagt, sie würden „begehrend“ lesen – und auch schreiben. Wie müsste denn ein Text beschaffen sein, dass sie ihn „hungrig lesen“? Oder anders gefragt, was macht für Sie literarische Qualität und literarischen Reiz aus? Könnten Sie uns Beispiele aus der Gegenwart oder aus der Literaturgeschichte nennen? Wie steht es, um noch mal auf den „Norden“ zurückzukommen, mit Büchern aus Skandinavien? Gibt es da für Sie da begehrenswerte Texte?

Antje Ravic Strubel: Ganz verallgemeinert gesagt sind begehrenswerte Texte für mich meistens solche, deren Autoren wissen, dass im Grund alles bereits gesagt worden ist, und die mutig ins Nichts schreiten. Oder solche, denen der instabile Grund, der schwimmende Boden ihres Sprechens anzumerken ist. Das ist natürlich wenig klar und läuft am Ende sicher auf ein reines Geschmacksurteil hinaus. Aber vordergründig wichtig, um „hungrig“ zu lesen, ist für mich eine Sprache, die sich außerhalb des Gefestigten bewegt. Ich glaube beispielsweise, dass Selma Lagerlöf streckenweise von diesem selben Sprachbegehren, dieser Art der Sehnsucht beim Schreiben befallen wurde. Wenn ich ihren Gösta Berling lese, glaube ich zu erkennen, wie sie der Sprachstrudel mitunter mit sich fortgerissen hat. Was sich nicht unbedingt an jeder Stelle auf die Leser überträgt, aber die Wildheit und der Eigensinn dieses Textes sind mir lieber, als eine hundertprozentige Erklärbarkeit, Notwendigkeit oder Durchschaubarkeit jeder Szene. Wovon allerdings auf die gegenwärtig so überpopulären Krimi-Autoren so gut wie nichts abgefärbt hat ... 

KULTURHUS BERLIN: Herzlichen Dank für das Interview!

Das Gespräch führte Sophie Wennerscheid

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