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Prof. Walter Baumgartner

Jubilar mit schwierigem Erbe – Knut Hamsun zum 150. Geburtstag

Er gehört zu den Wegbereitern der literarischen Moderne, meisterte den Aufstieg vom Landproletarier und Gelegenheitsarbeiter zum gefeierten Autor und Nobelpreisträger. Doch so groß wie die Bewunderung für sein dichterisches Schaffen, so wichtig ist angesichts seines Bekenntnisses zum deutschen Nationalsozialismus die kritische Auseinandersetzung mit der Person Knut Hamsun (1859-1952). Am 4. August 2009 wäre der norwegische Schriftsteller 150 Jahre alt geworden. KULTURHUS BERLIN sprach über ihn mit Prof. em. Dr. Walter Baumgartner aus Greifswald.

 

KULTURHUS BERLIN: Was war für Sie persönlich die erste prägende Begegnung mit dem Autor Knut Hamsun und seinen Büchern?

Baumgartner: Während meines Stipendienaufenthalts in Uppsala schrieb ich eine Seminararbeit über Hamsuns Roman "Pan". Später, es waren die Jahre 1968 bis 1971, in Oslo wurde ich immer wieder in Gespräche gezogen, die sich um Hamsuns Engagement für Hitlerdeutschland drehten. Als ich 1980 in Bochum Professor wurde, war meine erste Vorlesung dem Klassiker Hamsun gewidmet.

KULTURHUS BERLIN: Als einer der Begründer der literarischen Moderne begeisterte und beeinflusste Knut Hamsun Schriftstellerkollegen wie Franz Kafka, Thomas Mann, oder Samuel Beckett. Ernest Hemingway meinte, Hamsun habe ihn das Schreiben gelehrt. Was war damals das Bahnbrechende an seiner Literatur?

Baumgartner: Hamsun hat von Dostojewski und Strindberg gelernt. In "Hunger" und "Mysterien" wendet er den sog. Stream of consciousnes an, für den später James Joyce berühmt geworden ist. Auch in seinen Heimatromanen bleibt er Modernist, seine Erzählweise ist ironisch und offen, sie fordert ständiges Mitdenken. Die Komposition seiner Romane scheint nachlässig, chaotisch zu sein, und doch ist genau dies der adäquate Ausdruck seiner Sicht auf die Welt. Seine Witze sind bösartig, man merkt oft erst wenn man lacht, dass man über sich selbst lacht, oder über Opfer der Romanhandlung, die eigentlich schon gestraft genug sind, so wie der Kastrat Oliver in "Die Weiber am Brunnen". Jedes Mal, wenn man ein Buch von ihm wieder liest, treten wie im Entwicklerbad neue raffiniert versteckte Zusammenhänge hervor, entfaltet sich ein anderer, neuer Sinn.

KULTURHUS BERLIN: Der Roman "Segen der Erde", für den Hamsun mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde, ist ein untypischer Hamsun-Roman. Es heißt oft, Hamsun hätte den Preis ohne dieses Buch nicht bekommen, und auch nicht, wenn sein darauf folgender Roman, "Die Weiber am Brunnen", bereits vor der Entscheidung des Nobelpreiskomitees erschienen wäre. Halten Sie Hamsun dennoch des Nobelpreises für würdig?

Baumgartner: Hamsun ist neben Ibsen der bedeutendste norwegische Schriftsteller, er hat weltliterarische Geltung und ist, wie George Steiner sagte, der einzige skandinavische Literaturnobelpreisträger, der diese Auszeichnung wirklich verdient hat. Ironisch ist es schon, dass er den Preis nur bekam, damit man ihn nicht Georg Brandes geben musste, und dass die erzreaktionären Komiteemitglieder den Roman für seine Blut-und-Boden-Qualitäten rühmten, die in Hamsuns Roman ja doch ironisch unterminiert sind. Die Schweden hofften, dass Hamsun auf diesem Trip bleiben würde. Diese Hoffnung enttäuschte Hamsun mit den "Weibern am Brunnen" gründlich. Das pessimistische Buch handelt von einem Kastraten, der die Künstlerexistenz verkörpern soll.

KULTURHUS BERLIN: Bei aller Bewunderung für die Erzählkunst Knut Hamsuns kann und darf man die Augen nicht vor seiner Parteinahme für den deutschen Nationalsozialismus verschließen. Erwähnt seien seine zynische Polemik gegen die Verleihung des Friedensnobelpreises an Carl von Ossietzky, der Aufruf an die Norweger, nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im April 1940 den Widerstand gegen die Besatzungsmacht einzustellen, der Nekrolog auf Hitler… – Ist diese Haltung allein Hamsuns notorischem Widerspruchsgeist geschuldet? Wie lässt sie sich erklären, wenn auch nicht entschuldigen?

Baumgartner: Zu entschuldigen ist dies alles nicht, und Hamsun ist dafür nach dem Krieg gerichtlich zur Verantwortung gezogen worden. Seine Frau und zwei Söhne, die alle Nazis waren, saßen Gefängnisstrafen ab, Hamsun musste eine hohe Geldstrafe erlegen. Es gibt viele Erklärungsversuche, wie es dazu kommen konnte, dass Hamsun als Schreibtischtäter der Komplize von Massenmördern wurde und – übrigens – seine Nobelmedaille Goebbels in Verehrung schenkte. Meine eigene, ganz neue These dazu lautet: Hamsuns Geschichts- und Menschenbild war geprägt von Sozialdarwinismus und Vitalismus. Seine Romane zeigen keinerlei Hoffnung auf eine bessere Welt durch menschliche Vernunft und Fortschritt, sie zeigen die Kontingenz, d.h. die Zufälligkeit und Planlosigkeit der Realität auf. Das ist in der Postmoderne geläufig – damals war es für die Menschen schwer auszuhalten. Hamsun schreckte selbst davor zurück. In seinen Romanen versucht er es widersprüchlich durch Nostalgie, lyrischen Stil oder humoriges Gefrotzel zu kompensieren. Im Leben scheint er gehofft zu haben, dass der Nationalsozialismus der Existenz einen Sinn zu verleihen vermag: Norwegen als Teil des Großgermanischen Reichs und so...

KULTURHUS BERLIN: Angesichts der oben erwähnten politischen Stellungnahmen ihres Dichterfürsten waren die Norweger damals schockiert und tief enttäuscht. Sie boykottierten seine Bücher, einige verbrannten sie sogar, und hofften, diese Äußerungen mit "dauernd geschwächten seelischen Fähigkeiten" des inzwischen greisen Autors bagatellisieren zu können…

Baumgartner: Hamsun war 88 Jahre alt, als er wegen Landesverrats vor Gericht kam. Man wollte ihm mildernde Umstände attestieren oder das Verfahren wegen klinisch konstatierter Senilität einstellen. Hamsun war empört ob dieses Ansinnens, und im Gericht und in dem als Rache verfassten letzten Buch, "Auf überwachsenen Pfaden" führt er tatsächlich seine Psychiater und Richter vor. Er ist noch auf der Höhe seiner Schaffenskraft, beherrscht alle literarischen Tricks, aber prellt sich selbst damit um die Einsicht in seinen fatalen politischen Irrtum.

KULTURHUS BERLIN: Wie stehen die Norweger heute, drei Generationen später, zu ihrem großen, widersprüchlichen Landsmann? Wird er gefeiert? Oder gibt es mehr Diskussion als Champagner? Wie ist die Stimmung in Norwegen?

Baumgartner: Noch immer gibt es erregte Diskussionen darüber, dass ein Platz in Oslo nach Hamsun benannt werden soll. Aber es gibt Hamsunstatuen – eine davon zwar nicht vom König, aber immerhin von der Kronprinzessin eingeweiht. In Hamarøy, in der Nähe der Lofoten, wo Hamsun als Jugendlicher lebte und später versuchte, einen Bauernhof zu betreiben, wurde gerade ein architektonisch ambitiöses, repräsentatives Hamsun-Zentrum eröffnet. Und weil sich sein Geburtsjahr zum 150. Mal jährt, finden überall Tagungen statt. Von seinem Gesamtwerk gibt es seit diesem Jahr erstmals eine vollständige und kritische Ausgabe.

KULTURHUS BERLIN: Was halten Sie von den Diskussionen, Straßen oder Plätze nach Hamsun zu benennen? Die Umbenennung des Platzes in Grimstad – just vor dem Gerichtsgebäude, in dem Hamsun nach dem Krieg der Prozess gemacht wurde – hat ja in Teilen der Bevölkerung für einige Empörung gesorgt.

Baumgartner: Das ist ein echtes Dilemma. Die Empörung ist gerechtfertigt, der Wunsch der Norweger, dem berühmten und genialen Landsmann ein Denkmal zu setzen auch. Allerdings halte ich die Denkmalkultur überhaupt für anachronistisch, und ich hoffe, dass solche Vorstöße auch in Zukunft Diskussionen auslösen.

KULTURHUS BERLIN: In hundert Jahren ist alles vergessen?

Baumgartner: Dieser freche Spruch, den Hamsun vor Gericht geäußert hat, liegt in der Linie seines Geschichtsbildes, demgemäß alles ein zyklisches Kommen und Gehen, Leben und Sterben, Erinnern und Vergessen ist. Als politische, pädagogische oder ethische Richtschnur im praktischen und politischen Leben – hier als Verteidigung in einem Prozess – eignet sich diese Auffassung nicht. Frech ist der Satz auch, weil Hamsun natürlich genau wusste, dass sein literarisches Werk in hundert Jahren keineswegs vergessen sein wird.

KULTURHUS BERLIN: Außerhalb Norwegens feierte Hamsun seine größten Erfolge in Deutschland, besonders seit den 1920-er Jahren bis zum Ende des zweiten Weltkrieges. Unterscheidet sich die Auseinandersetzung mit Knut Hamsun in Deutschland von der in Norwegen, damals und heute?

Baumgartner: Gemessen an der sensationellen Beliebtheit Hamsuns in Deutschland bis zum Zweiten Weltkrieg und noch ein paar Jahre darüber hinaus, ist er heute bei uns fast in Vergessenheit geraten. Es gibt sehr gute Neuübersetzungen der wichtigsten Romane und drei relativ neue Biographien über ihn. Das Feuilleton nimmt das zur Kenntnis, aber die Bücher verkaufen sich schlecht.

KULTURHUS BERLIN: Kurt Tucholsky wurde in Bezug auf Knut Hamsuns politische Rolle mit den Worten zitiert: "Konnte er nicht das Maul halten?" – Wäre Knut Hamsun für uns heute ein genauso interessanter Autor, wenn er denn das Maul gehalten hätte?

Baumgartner: Die Tatsache, dass Hamsun politisch im falschen Lager stand, hat bewirkt, dass man seine Bücher genauer las, als man es vielleicht sonst getan hätte. Seine Romane sind komplex, intrikat, künstlerisch genial genug, und auf ihre Weise relevant in Bezug auf die Erfahrung der Moderne, dass sich diese Beschäftigung lohnt.

KULTURHUS BERLIN: Was kann eine junge Lesergeneration heute bei Hamsun finden?

Baumgartner: Der umwerfende Erzähler Hamsun bietet herausfordernde Lektüre für selbstbewusste, kritische Leser, die sich nicht ohne weiteres umwerfen lassen wollen. Und vielleicht kann er helfen, die Kontingenz der Existenz auszuhalten, ohne – wie er selbst und seine früheren Leser es taten – diese Erfahrung mit Hilfe von Ideologien und simplifizierenden Lesarten der Romane erträglich machen zu wollen.

KULTURHUS BERLIN: Welches Buch von "Old King Cnut", wie James Joyce ihn nannte, empfehlen Sie unseren Lesern, mit auf die einsame (Ferien-)Insel zu nehmen?

Baumgartner: James Joyce und Henry Miller waren voller Bewunderung für den modernistischen, in Ansätzen vielleicht schon postmodernistischen, den verrückten (englisch: nut), nonkonformistischen und rebellischen Hamsun (also nicht für den Hamsun des Nobelpreiskomitees). Um diesen Hamsun kennen zu lernen, sollte man den Roman "Mysterien" mit auf die einsame Insel nehmen.

KULTURHUS BERLIN: Ist das auch Ihr ganz persönliches Hamsun-Lieblingsbuch?

Baumgartner: Ja.

Das Interview führte Tanja Bradtke im August 2009.

 

Walter Baumgartner

war bis zu seiner Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls für Neuere skandinavische Literaturen an der Universität Greifswald und ist Leiter des dortigen Kulturfestivals Nordischer Klang. Über Knut Hamsun hat er eine Biographie sowie zahlreiche Artikel veröffentlicht.

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