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Kjell Westö
Kjell Westö
Foto: Ulla Montan

Bekannt, beliebt und finnlandschwedisch? Auf Kjell Westö, das 39jährige Erzählgenie aus Helsinki, passen all diese Attribute.

Hut ab für Kjell Westö, denn der finnlandschwedische Autor hat etwas geschafft, was seinen finnlandschwedischen Kollegen oft schwer gefallen ist: das finnischsprachige Lesepublikum zu gewinnen. Mit seinem Debütroman „Drakarna över Helsingfors“ und allerspätestens seit der Auszeichnung 2006 mit Finlandia, dem renommiertesten finnischen Literaturpreis, hat Westö auch das große finnischsprachige Publikum überzeugt. Ist dies die Krönung dafür, dass Westö es neben Bo Carpelan, Lars Sund, Märta Tikkanen und Tove Jansson in den kleinen Kreis der finnlandschwedischen Klassiker geschafft hat?

Was ist sein Erfolgsrezept? Kjell Westö fing 1989 ernsthaft mit dem Schreiben an. Zuvor hatte er sich kurz im Journalismus ausprobiert, indem er für die wichtigste schwedischsprachige Zeitung in Finnland Hufvudstadsbladet und Ny Tid schrieb. Während der sieben Jahre journalistischer Arbeit stellte Westö zunehmend fest, dass der neutrale Nachrichtenstil ihm nicht lag. Sein Studium an der Svenska Social- och Kommunalhögskolan brach der rebellische junge Mann nach kurzer Zeit ab. Das Genre, mit dem Westö seine literarische Karriere begann, war Lyrik. Westö selbst hat offenbart, dass es keine bewusste Entscheidung war, mit Gedichten zu beginnen. „Es kam einfach dazu“, meint er. Eigentlich liegt dem Schriftsteller der Roman am nächsten. Bevor er aber in das Genre Roman einstieg, veröffentlichte er drei Gedichtbände. Danach folgten Kurzgeschichtensammlungen, drei Stück ebenfalls. Westö hat in einem Interview gemeint, dass er sich nicht kurz fassen könne. Deshalb erstreckten sich seine Gedichte oft über eine Seite lang, seine Kurzgeschichten manchmal über 100 Seiten. Schnell verdauliche Literatur sind seine späteren Romane mit 400 bis 600 Seiten klein gedrucktem Text und unendlich vielen Personen, Namen, Orten, Details nicht.

Westö wird oft als Großstadtromanautor bezeichnet. Damit fühlt sich der Autor nur teilweise wohl. Schließlich gäbe es seiner Meinung nach so wenig Literatur, die die Geschichten in einem urbanen Milieu spielen lässt, dass ein Roman - verortet in einer urbanen Umgebung - leicht auffällt. In Westös Texten jedenfalls ist Helsinki meist der Ort der Handlung. Als der Autor gefragt wurde, ob seine Geschichten woanders stattfinden könnten, antwortete er nach kurzer Überlegung „Nein“. Westös Meinung nach haben seine Geschichten einen deutlichen „Helsinki-Sound“, der nicht funktionieren würde, wenn man sie auf eine andere Stadt, wie Turku, übertragen würde.

Das Gewicht in seinen Romanen aber liegt nicht an der Schilderung eines Hauptstadtmilieus, sondern an den Figuren. „Vådan av att vara Skrake“, „Drakarna över Helsingfors“ oder „Där vie en gång gått“ sind runde Familiensagen, in deren Vordergrund das Beziehungsnetz der Figuren steht. Westö beschreibt, wie sich Familien über Generationen entwickeln und dabei die gesellschaftlichen Phänomene auf sie wirken. Denn: In Westös Romanen läuft kein Mensch unbeschadet durch das Leben, ohne von den äußeren Ereignissen der Welt beeinflusst zu werden. Die Werke von Westö haben eine durchdringende epische Kraft. Was der finnlandschwedische Autor gut kann, ist erzählen. Außerdem sind alle Figuren genau durchdacht, aber kommen dem Leser nicht kühl oder kalkuliert vor. Stattdessen strahlen sie eine außergewöhnliche Wärme aus, die die Geschichten menschlich klingen lassen. Westö webt in seinen Texten Geschichten zahlreicher Figuren zusammen. Trotz der komplizierten Struktur parallel laufender Erzählstränge verliert der Leser den Überblick nicht, sondern bleibt bis zur letzten Seite vom Text gebannt.

Westö ist also kein reiner Heimatdichter. Aber ein reiner finnlandschwedischer Autor? In dem offiziell zweisprachigen Finnland sind die Finnlandschweden eine kleine (aber stolze) Minderheit. An diesen Minderheitenstatus wird wiederholend erinnert, nicht zuletzt von den populistischen Konservativen der politischen Szene. Auch Westö schreibt in seinen Werken über die Sonderstellung dieser Minderheitengruppe und deren - oft - negative, Wirkung auf das Leben schwedischsprachiger Jugendlichen im finnischsprachigen Milieu. Dabei nimmt Westö von seinen Romanfiguren bewusst Abstand und hat dies auch in Interviews oft deutlich gemacht. Er erzähle nur Geschichten, nehme nicht Stellung. Außerdem soll keiner von seinen Romanen einen autobiographischen Charakter haben.

Warum passe Westö dann nicht in den Kanon der echten finnlandschwedischen Literatur? Der Autor selbst meint, seine Werke würden „zu finnisch“ riechen, allerdings nicht nur für die finnlandschwedische Bevölkerung, sondern auch für die schwedischen Leser. Sechs Romane von Westö sind in Schweden veröffentlicht worden, alle erreichten nur niedrige Verkaufszahlen. Dort wurde über Sentimentalität und Pathetismus geklagt.

Westö fühlt sich in beiden Kultur- und Sprachkreisen wohl. Deshalb komme er sich seiner Meinung nach als ein finnlandschwedischer Autor nicht ganz glaubwürdig vor. „Ich habe einen finnischsprachigen Sounddrack“, meint Westö in einem Interview. Seine doppelte – oder gespaltene, je nach dem – Identität scheine einige Leser in Verwirrung zu bringen. Westös Markenzeichen sind also weder seine finnlandschwedischen Wurzeln noch ein Heimatdichter-Status, sondern seine ausgefeilte, „unmodische“ Sprache – Westö kann mit dem abgehakten, schlichten Schreibstil der neuen Literatur nicht viel anfangen – sein handwerkliches Geschick und bezaubernde Detailgenauigkeit. Außerdem wird Westö für seine sorgfältige historische Recherche gelobt. Man merkt, dass der historische Hintergrund jeder Erzählung immer gewissenhaft studiert worden ist, wodurch seine Geschichten in hohem Maße authentisch wirken. Doch muss der Leser vorgewarnt werden: Westö benutzt zwar oft tatsächliche historische Begebenheiten als Inspiration, mischt aber gerne die Fakten mit Fiktion.

Große epische Werke sind heutzutage in der finnischen Literatur eher eine Ausnahme. Das anspruchsvolle Genre des Familienepos wird von den neuen Autoren oft nicht gewagt. Dass Westö die Herausforderung so souverän meistert, gehört auch zu seinen Verdiensten. Sowohl bei dem Durchbruchshit „Drakarna över Helsingfors“ wie beim „Där vi en gång gått“ bekamen auch die strengen finnischen Literaturkritiker, wie der legendäre Pekka Tarkka, weiche Knie. Den tatsächlichen Erfolg bestimmt aber nicht die Kritikerelite sondern das lesende Volk. Dass „Där vi en gång gått“ 2006 das meist gekaufte Buch der Buchhandelskette Akateeminen Kirjakauppa wurde, ist ein unwiderlegbarer Beweis dafür, dass Westö gut ankommt. Ganz zu schweigen von den erfolgreichen Film- und Theateradaptionen.

Kjell Westö, geboren am 6. August 1961, ist in Helsinki, im finnischsprachigen Milieu in dem westlichen Stadtteil Munkkiniemi, aufgewachsen. Seit 1986 hat der waschechte Hauptstadtsohn drei Gedichtbände, drei Novellensammlungen und vier Romane veröffentlicht. Viele von ihnen wurden mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, als letztes der Roman „Där vi en gång gått“ (Otava), der den wichtigsten finnischen Literaturpreis Finlandia 2006 gewann. Davor war er bereits dreimal dafür nominiert gewesen.

„Drakarna över Helsingfors“, der erste Roman von Westö, ist bereits verfilmt und wurde auf der Theaterbühne umgesetzt. Westös Romane wurden auf über zehn Sprachen übersetzt, auf Deutsch sind bisher der Roman „Vom Risiko, ein Skrake zu sein“ (Vådan av att vara Skrake) und „Tante Elsie und mein letzter Sommer. Ausgewählte Erzählungen“ (Lugna Favoriter) erschienen. Weitere Übersetzungen sind in Arbeit.

Jenniina Ylönen

 

Werke

Gedichtbände:
Tango Orange (1986)
Epitaf över Mr. Night (1988)
Avig-Bön (1989) (unter dem Pseudonym Andreas Hed)

Novellensammlungen:
Utslag och andra Noveller (1989)
Fallet Bruus – tre berättelser (1992)
Lugna Favoriter (2004)

Romane:
Drakarna över Helsingfors (1996)
Vådan av att vara Skrake (2000)
Lang (2000)
Där vi en gång gått (2006)

Auszeichnungen

Finlandia (2006)
Svenska Kulturfondens Kulturpris (2004)
Helsinki-Medaille (2002)
Preis der De nio – Literaturstiftung (2001)
Staatlicher Literaturpreis (1990)

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