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Juhani Seppovaara
Foto: Simona Selenscig

"Ostberlin war das Helsinki meiner Kindheit"

Juhani Seppovaara lernte 1980 auf einem internationalen Wirtschaftskongress in Budapest den Kollegen Leo aus Ostberlin kennen. In den folgenden Jahren besuchte Seppovaara ihn und seine Freunde regelmäßig im Prenzlauer Berg. Sein Buch "Unter dem Himmel Ostberlins" hat den Finnischen Buchkunstpreis 2007 gewonnen.

"Unter dem Himmel Ostberlins” zeigt Fotos von Produkten, Straßen, Menschen und besonderen Orten im ehemaligen Ostberlin. Das Buch ist mit seiner Kombination von Fotos und Geschichten wie eine Reise in Seppovaaras Universum des damaligen Ostens der Stadt. Seppovaara zeigt wie das Leben in Ostberlin alles andere war als grau: Für ihn war es bunt und interessant.

Dazu erzählt er 40 Geschichten, die im Prenzlauer Berg der 1980er Jahre spielen. In magischer, anziehender Art und Weise treffen wir bei ihm auf Menschen, die uns an ihrem Leben teilnehmen lassen.

Dorte Bruun-Christensen traf Juhani Seppovaara an einem Nachmittag in Berlin. In der Ruhe, die Seppovaara umgibt, sprach sie mit ihm über sein Buch und seine Beziehung zu Berlin.

 

KULTURHUS BERLIN: Was motivierte dich "Unter dem Himmel Ostberlins” zu schreiben? Was ist das Besondere?

Juhani Seppovaara: Erst einmal unterscheidet sich das Buch thematisch von meinen anderen Büchern, in denen es um volkstümliche Baukultur in Finnland geht. "Unter dem Himmel Ostberlins" ist weder Ostalgie noch handelt es sich um eine Biografie über meine Zeit am Prenzlauer Berg in den 80ern. Die Motivation, dieses Buch zu schreiben, war der Wunsch, die Geschichten von den Leuten zu erzählen, die ich damals kennenlernte. Einige Geschichten habe ich stark verändert, einige sind fast so, wie sie mir erzählt wurden.

KULTURHUS BERLIN: Gibt es für dich eine Lieblingsepisode?

Juhani Seppovaara: Ja, die habe ich. "Eine Stoßstange aus Altarbildern" ist eine davon. Es geht um Leo, der gerne Manfred eine Stoßstange zum Geburtstag schenken will. Er macht sich auf die Suche nach der Stange und muss eine Menge in Bewegung setzen, um an die Stoßstange zu kommen. Der Betreiber des Lagers, der ihm eine Stoßstange von einem alten Trabant anbietet, will eine ungarische Salami als Bezahlung. Leider hat der Fleischer; an den sich Leo wendet, gerade keine Salami im Angebot. Leo fragt ihn wiederum, was er für eine Salami haben will. Der Fleischer erwidert, dass er eine Pornokassette brauche. Sein Nachbar sei bereit, ihm im Gegenzug dafür eine Karte fürs Kabarett zu besorgen. Die ironischen Aufführungen der "Diestel" sind dem Fleischer zwar zu hoch, doch ein Bekannter, der Angler ist, hat ihm für die Karte einen geräucherten Aal versprochen. In der DDR erlebte ich oft, was für ein großer Aufwand es war, alltägliche Situationen zu organisieren, wie z. B. den Kauf eines Geburtstagsgeschenkes. Auch für solche ganz einfachen Vorgänge brauchte man manchmal eine Strategie.

In dieser Geschichte äußere ich auch meine unglaubliche Freude und Faszination für das Mopedfahren. Mopedfahren und Mopeds im Allgemeinen faszinieren mich. In Finnland unternahm ich sogar über mehrere Jahre hinweg Reisen durch entlegene Teile des Landes und habe dann im Nachhinein ein Tagebuch über meine Erlebnisse herausgegeben.

KULTURHUS BERLIN: Du lebst heute in Berlin. Welche Bedeutung hat die Stadt für Dich? Und was fühlst Du für Helsinki? Empfindest Du Dich als Berliner, Finne, Helsinkianer…?

Juhani Seppovaara: Als ich damals in den 80ern Berlin entdeckte, hat es mich sehr an das Helsinki meiner Kindheit erinnert. Die Vergangenheit hat mich immer interessiert, und ich würde mich selbst als einen Mann von Gestern bezeichnen. Für mich waren der Kohlengestank, die Art und Weise, wie die Schaufensterausstellungen gestaltet waren, die dunklen grauen Straßen und die Ostautos ein Wiedersehen, das mir viel Freude bereitet hat. Wohnen und arbeiten in Berlin heute bedeutet viel Platz für Gedanken und Kreativität zu haben. Ich treffe hier immer wieder Leute, die bereit sind, sich zu öffnen und ihre Geschichten zu erzählen So etwas passiert nicht in Helsinki, wo es einfach nicht üblich ist, dass man sich traut, jemand Fremdem seine Geschichte zu erzählen.

Helsinki ist der Ort wo ich jahrelang gearbeitet habe, wo meine Familie wohnt und viele meiner Freunde. Dort habe ich mein "erstes Leben" gehabt, in Berlin lebe ich gerade mein "zweites Leben". Ich fahre immer wieder hin und her zwischen den zwei Städten, jedes Mal ist jedoch das Gefühl nach Hause zu kommen, in Berlin am stärksten. Ich bin aber in erster Linie Finne, weil ich in Finnland meine Wurzeln habe.

KULTURHUS BERLIN: Wird es ein nächstes Buch geben?

Juhani Seppovaara: Es werden wahrscheinlich keine weiteren Bücher herauskommen. Ich habe jetzt 18 Bücher veröffentlicht; und jetzt habe ich Lust, etwas anderes zu machen. Ich habe im letzten Jahr gelernt, Filme zu drehen, und ich lerne immer noch. Ich bin auf spannende Leute gestoßen, mit denen ich jetzt zusammenarbeite. Gerade drehe ich mit einem von ihnen den ersten Kurzfilm. Das ist eher als Experiment gedacht, aber ich plane eine Dokumentation über eine Kneipe.

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