Datenschutzerklärung   Kontakt/Impressum  Suche       Druckansicht
   

Ehrensache!

In diesem Jahr wird der Right Livelihood Award 30 Jahre alt. Vergeben wird der „Alternative Nobelpreis“ an Menschen aus der ganzen Welt, die sich für Demokratie und Menschenrechte oder Umweltschutz und Armutsbekämpfung einsetzen. Die diesjährigen Preisträger Nnimmo Bassey aus Nigeria, Erwin Kräutler aus Brasilien, Shrikrishna Upadhyay/SAPPROS aus Nepal und die Organisation Physicians for Human Rights-Israel aus Israel, dürfen am 6. Dezember den Preis in Stockholm entgegennehmen.

Ursprünglich hatte der Publizist und Philatelist Jakob von Uexküll dem Nobelpreiskomitee Ende der siebziger Jahre eine Million Dollar angeboten, um zwei zusätzliche Auszeichnungen für Umwelt- und Menschenrechtsprojekte zu stiften. Man dankte freundlich ab, so dass der Deutsch-Schwede kurzerhand entschied, mit einer eigenen Stiftung drei Geldpreise (derzeit je 50.000 Euro) plus einen Ehrenpreis auszuschreiben. Bei der schwedischen Tageszeitung „Dagens Nyheter“ spekulierte man zunächst, ob dies vielleicht eine Initiative vom CIA oder KGB sei, um den Nobelpreis zu diskreditieren.

Nach diesen Spekulationen und anfänglichem Belächeln, ist der Alternative Nobelpreis heute zu einer Institution geworden, die weltweit Beachtung findet: Man kennt ihn in Europa, aber auch in Ländern wie Indien, wohin bisher neben den USA – wo er nur interessierten Teilöffentlichkeiten bekannt ist – die meisten Preise vergeben wurden.

Nach der Gründung 1980 war die Preisverleihung in den ersten Jahren recht improvisiert, bis die Stiftung 1985 eingeladen wurde, die Preise im schwedischen Reichstag zu verleihen. Dies ging hauptsächlich auf die Initiative einer Reichstagsabgeordneten, Birgitta Hambreus von der Center Partiet, zurück. 1993 übernahm SÄRLA (Association for the Right Livelihood Award in the Swedish Parliament) die Funktion als „Gastgeber” der Ehrung. Eröffnet wird die Zeremonie vom Reichstagspräsidenten, vergeben aber werden die Preise von ihrem Stifter Jakob von Uexküll.

Mit Abgeordneten aus allen Parteien sorgt SÄRLA für die notwendige Überparteilichkeit. Seit der letzten Wahl ist eine weitere hinzugekommen: die Sverige Demokraterna. Wie damit umzugehen ist und ob auch diese Partei in die Organisation aufgenommen wird, muss SÄRLA noch entscheiden.

Wenn es ein Motto für die diesjährige Preisverleihung gab, so kann es laut dem Direktor der Stiftung, Ole von Uexküll, mit der „Macht des Wandels von unten“ beschrieben werden, das zugleich auch für andere Jahre gilt. Dieses Mal war es kombiniert mit politischer Unterstützungsarbeit: die Preisträger begnügen sich nicht mit praktischer Arbeit, sondern bemühen sich zu sehen, was die politischen Implikationen ihrer praktischen Arbeit vor Ort sind, wie sie hier die politische Debatte beeinflussen können – und müssen.

Was waren die Beweggründe der Jury, sich für die diesjährigen Preisträger zu entscheiden? „Da spielen sowohl die Gründe, die für den jeweils Einzelnen sprechen, als auch die Botschaft, die man mit der Gruppe vermitteln möchte, eine Rolle“, so Ole von Uexküll im Gespräch mit KULTURHUS BERLIN. „120 Nominierungen hat die Jury erhalten, in die engere Auswahl kommen 10 bis 15 Nominierte, von denen vier Preisträger ausgewählt werden. Hier fällt die Auswahl schwer: Die letzten 10 bis 15 Nominierten sind die Besten der Besten, von denen man jeden auswählen könnte. An zweiter Stelle spielt eine Rolle, welches die besondere Botschaft ist, die die Stiftung in einem Jahr senden möchte, aber auch die Frage, wer die Unterstützung besonders braucht. Wir hatten bei allen vier diesjährigen Laureaten den Eindruck, dass sie sich mit sehr akuten Themen beschäftigen und dass wir bei allen Vieren mit dem Preis wirklich einen Unterschied machen können, wie z.B. bei Bischof Erwin Kräutler, der sich gegen den Bau eines Staudammes in Brasilien einsetzt, der kurz bevor steht.“

Die Vorschläge für die Preisträger kommen aus aller Welt: „In der Regel werden Einzelpersonen vorgeschlagen und auch die Nominierungen kommen von einzelnen Personen“, sagt Ole von Uexküll. „Grundsätzlich ist es gut, wenn wir eine Themenvielfalt haben und wenn wir mehrere Kontinente abdecken, damit wir die unterschiedlichen Themen spiegeln, die für den Preis wichtig sind. Manchmal möchte man einen thematischen Schwerpunkt setzen, wie im letzten Jahr mit dem Klimawandel. Da hatten wir zwei Preisträger dezidiert zum Thema Klimaerwärmung: René Ngongo aus dem Kongo und David Suzuki aus Kanada. In einem anderen Jahr, 1989, hatten wir drei Äthiopier, womit die Stiftung deutlich machen wollte, wie viele gute Wissenschaftler es in Äthiopien gibt, die vom Rest der Welt nicht wirklich ernst genommen werden. Es steht der Jury frei, ob sie sich für eine geographische und thematische Weite oder für eine solche Zuspitzung entscheidet.“ Die internationale Jury – das sind Jakob von Uexküll, Paul Ekins, Marianne Anderson, Monika Griefahn als Vorstandsmitglieder und fünf weitere Mitglieder. Jedes Jahr wechselt die Jury ein bis zwei Leute außerhalb des Vorstands aus, dafür kommen neue hinzu.

Schaut man sich an, aus welchen Regionen der Welt die bisherigen Preisträger kommen, so fällt auf, dass kaum oder nur sehr wenige Preisträger aus Russland und China unter ihnen sind. „Aus Russland bekommen wir wenige Nominierungen – immerhin drei Preisträger kommen von dort, aus China haben wir auch relativ wenige Nominierungen. Hier haben wir die Schwierigkeit, dass wir nach Leuten suchen, die praktische Arbeit machen, bei der es also auch Erfolge gibt. Die Leute, die in China praktisch arbeiten, sind häufig vom offiziellen Apparat mehr oder weniger einverleibt. Auf der anderen Seite gibt es natürlich welche, die wirklich sehr viel wagen und sich zu Demokratiethemen exponieren und dann im Gefängnis landen oder das Land verlassen müssen“, resümiert Ole von Uexküll.

Die Aufmerksamkeit, die der Preis und vor allem die Laureaten erhalten, ist groß. Offiziell heißt es, dass es nicht nur die Auszeichnung und das damit verbundene Preisgeld ist, die die Laureaten in ihrer Arbeit unterstützen, sondern vor allem die mit dem Preis einhergehende Aufmerksamkeit. Hat sich die internationale Beachtung schon einmal negativ für einen der Preisträger ausgewirkt? „Negative Folgen in dem Sinne, dass man exponierter ist und vom Staat oder anderen mächtigen Instanzen mehr verfolgt wird, schließen wir dadurch aus“, erklärt Ole von Uexküll, „dass wir jeden Kandidaten fragen, ob er nominiert sein möchte. Dort, wo es ein Thema ist, diskutieren wir das. Es gab beispielsweise einen Fall in China, wo eine Gruppe vorgeschlagen war, mit denen ich nur über Mittels-leute in Hongkong kommunizieren konnte. Da war natürlich meine wichtigste Frage: Sind Sie sich sicher, dass Sie diese Aufmerksamkeit wollen, dass Sie ihnen mehr Unterstüt-zung als Gefahr bringt?“ Die Antwort der Kandidaten war jedes Mal die gleiche: sie hielten die Aufmerksamkeit unterm Strich für positiv. „Es hat noch nie jemand die Kandida-tur aus diesem Grund abgelehnt“, so von Uexküll. „Aber es gibt andere negative Effekte, wie zum Beispiel die Tatsache, dass die Preisträger für die Arbeit, die sie vorher gemacht haben, nach der Preisverleihung weniger Zeit hatten. Sie erhalten eine andere Rolle, sind gefragter als Redner, als öffentliche Person. Der deutsche Preisträger Michael Succow zum Beispiel, der Botaniker ist, ein weltweit anerkannter Spezialist für Moore, hatte sich als Professor in Greifswald gerade ein Freisemester genommen, als er 1997 den Preis bekam. Eigentlich wollte er ein wichtiges Buch über Moore verfassen – dazu ist er in die-sem halben Jahr nicht gekommen, weil das Presseinteresse so groß war. Oft werden Preisträger nach der Verleihung in andere Gremien eingeladen. René Ngongo aus der Demokratischen Republik Kongo erzählte uns, als wir ihn im September wiedertrafen, dass er seit der Preisverleihung die Freilassung von 30 Umweltaktivisten im Kongo erwir-ken konnte“, führt von Uexküll an.

Das Medieninteresse war es auch, das lau Ole von Uexküll zu einer Idee führte, die beim dreißigjährigen Jubiläum im Gespräch mit den vorherigen Preisträgern entstand: Jeder neue Preisträger soll einen früheren Preisträger als Mentor zur Seite gestellt bekommen, um ihn/sie auf die neuen Aufgaben bzw. die neue Rolle als öffentliche Person vorzubereiten. Ein Mentor, der beraten kann, der weiß, wie man mit der medialen Aufmerksamkeit umgeht, wie man seine Arbeitsstrukturen anpassen muss und wie man den Preis am bes-ten strategisch verwenden kann.

Eine weitere Initiative entstand bereits 2005 beim 25jährigen Jubiläum in Salzburg, die 2009 zu der Gründung des Right Livelihood College mit Sitz in Malaysia und drei weiteren Campuseinrichtungen in Schweden, Deutschland und Äthiopien. „Unsere Preisträger hatten zwei Dinge erkannt“, so Ole von Uexküll: „Erstens, dass sie eine Struktur brauchen, um ihr Wissen und ihre Erfahrungen weitergeben zu können. Zweitens hatten viele Preis-träger den Eindruck, dass sie davon profitieren könnten, wenn Doktoranden zu ihnen kommen und ihre Arbeit analysieren und dokumentieren.“

Nachdem die Initiative von den Preisträgern kam, sah es die Stiftung als ihre Aufgabe an, diese Idee in die Tat umzusetzen. Daran war der frühere Preisträger Anwar Fazall aus Malaysia, ein internationaler Verbraucherschutzaktivist, nicht unbeteiligt: Er schlug vor, das globale Sekretariat des Right Livelihood College an die Universität Penang anzugliedern. In seiner Heimatstadt, in der zugleich drei Laureaten leben, arbeitet er nun als Direktor des Colleges mit zwei Mitarbeitern. Die Hauptaktivitäten gelten der Gewinnung von Preisträgern für Kurse und der Vergabe von Stipendien für Doktoranden, die über einen Preisträger forschen oder mit einem von ihnen vor Ort zusammenarbeiten. „Bisher gibt es in Penang zwei Doktorandenstellen und aus Bonn haben wir die Zusage erhalten, dass dort am Zentrum für Entwicklungsforschung jedes Jahr ein neues Doktorandenstipendium vergeben wird“, freut sich von Uexküll. „Der dritte Campus ist Adis Abeba, wo wir noch in Gesprächen sind, welche Programme dort genau laufen sollen – mit Unterstützung der schwedischen Entwicklungshilfe. Als viertes haben wir eine Zusammenarbeit mit der Universität Lund, wo erst noch Gelder eingeworben werden müssen, um Doktorandenstipendien einzurichten.“ Zu den Aufgaben der vier Campus-Standorte gehören neben der Arbeit mit den Stipendiaten auch kleinere thematische Konferenzen mit einer Gruppe von Preisträgern.

Jakob von Uexkülls Startkapital, das aus dem Verkauf einer Briefmarkensammlung stammte, ist nach 30 Jahren längst aufgebraucht. Heute wird die Auszeichnung größtenteils von privaten Spendern finanziert. Einige Firmen engagieren sich laut Ole von Uexküll pro bono für die Stiftung, aber hauptsächlich ruht die Finanzierung auf Privatspenden aus Deutschland, Schweden und der Schweiz, wobei sich mehr Frauen als Männer dafür en-gagieren. Diejenigen, die größere jährliche Beiträge leisten, bilden den „Circle of Friends“ der Stiftung. Dieses Jahr haben sie wieder dazu beigetragen, dass vier von nunmehr 141 Laureaten aus 59 Ländern in ihrem Engagement bestätigt und für ihren Einsatz geehrt wurden.

KULTURHUS BERLIN sprach mit Ole von Uexküll, der 2005 die Leitung der Right-Livelihood-Stiftung übernommen hat. Er hat einen Masterabschluss in Umweltstudien (Lund) und Europäischen Studien (Berlin). Sein Hauptaugenmerk gilt dem Aufbau des Unterstützerkreises, dem Management und der Forschung über die Laureaten.

www.rightlivelihood.org

Inken Dose

 

Unsere aktuellen Veranstaltungen

Oktober - 2020
M D M D F S S
  01 02 03 04
05 06 07 08 09 10 11
12 13 14 15 16 17 18
19 20 21 22 23 24 25
26 27 28 29 31  

Keine News in dieser Ansicht.

Logo des Kulturhus Berlin e.V. KULTURHUS BERLIN | Tel (Mo-Mi/Fr): +49.(0)30.2093-4952 | Email: info (at) kulturhus-berlin.de