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Prof. Dr. Bernd Henningsen
Prof. Dr. Bernd Henningsen
Foto: Ulrike Schulz, KULTURHUS BERLIN

„Es war eine große Chance für die Skandinavistik“ Über große und kleine Länder, rasselnde Säbel und nordisches Licht - Kulturhus Berlin im Gespräch mit Prof. Dr. Bernd Henningsen

Professor Dr. Bernd Henningsen ist Gründungsdirektor des Nordeuropa-Instituts der Humboldt-Universität zu Berlin. Am 24. Juni hielt er in Berlin seine Abschiedsvorlesung. Er wurde 1992 an die Humboldt-Universität berufen, davor führten ihn Gastprofessuren und Vertretungen an die University of Minnesota/USA in Minneapolis, nach Zürich, Hamburg, Trier, Erlangen-Nürnberg und an die Freie Universität Berlin. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Preise wie 1985 den Theodor-Eschenburg-Preis oder 1991 den Forscherpreis des Jubiläumsfonds der Schwedischen Reichsbank und der Alexander-von-Humboldt-Stiftung. Bernd Henningsen wurde mit dem Norwegischen, Schwedischen und Dänischen Verdienstorden ausgezeichnet. Er ist Herausgeber der Zeitschrift NORDEUROPAforum und verschiedener Publikationsreihen. Zuletzt erschien sein Buch „Dänemark“ im Beck-Verlag.

 

KULTURHUS BERLIN: Von Haus aus sind Sie Politikwissenschaftler, haben neben Nordischer Philologie Philosophie und Psychologie studiert. Woher stammen das Interesse für Nordeuropa und der Wunsch, sich wissenschaftlich damit auseinanderzusetzen?

Bernd Henningsen: Es ist eine Mixtur aus privatem Hintergrund und meiner fachlichen Orientierung. Ich bin im deutsch-dänischen Grenzgebiet aufgewachsen, dann zum Studium nach München gegangen und war dort auf der Suche nach einem ergänzenden Fach. Eric Voegelin hatte dort eine am angelsächsischen Modell orientierte Politikwissenschaft aufgebaut. Es gehörte zur Politik des Institutes, auch regional orientiert zu arbeiten. Man setzte auf Expertentum beispielsweise für den Nahen Osten, für China, für Japan und für Amerika. Aber Nordeuropa war, wenn man so will, ein weißer Fleck in dieser fachlichen Landschaft. Ich brachte Kenntnisse der dänischen Sprache mit und landete auf diese Weise an der Skandinavistik der Ludwig-Maximilian-Universität. Von den Kollegen in der Politikwissenschaft wurde ich in meiner Fächerkombination bestätigt, weil man dort wie gesagt eine regional ausgerichtete Politikwissenschaft betrieb.

KULTURHUS BERLIN: Woher stammten Ihre Kenntnisse der dänischen Sprache?

Bernd Henningsen: Ich bin in Flensburg geboren, im deutschen Milieu aufgewachsen und habe dieses Milieu damals als eher dänisch-feindlich erlebt. In jugendlicher Opposition entschloss ich mich, es genauer wissen zu wollen: Wir hatten durch meine Familie Beziehungen nach Dänemark, und ich begann dann Ende der 1950er Jahre – bei Besuchen und während Ferienaufenthalten in Dänemark – Dänisch zu lernen, als Autodidakt. An meiner Schule gab es kein Dänischangebot. Aber ich habe als Jugendlicher sehr viel gelesen, auf Dänisch, zum Teil auch auf Schwedisch. Professionellen Dänischunterricht erhielt ich dann in München am Nordischen Seminar.

KULTURHUS BERLIN: Ist von den skandinavischen Sprachen Dänisch besonders schwer zu erlernen?

Bernd Henningsen: Wegen der Aussprache ja, ansonsten sind die skandinavischen Sprachen für Deutsche relativ einfach zu lernen. Ich mache mich gerne ein wenig lustig darüber, indem ich behaupte, die nordischen Sprachen hätten keine Grammatik. Aber die dänische Aussprache, „das Nuscheln“, ist schon etwas Besonderes und macht es dem Lernenden schwer. Die Schweden sagen, sie würden es nicht verstehen, wenn Dänen reden. Und das ist wiederum Spiegel eines besonderen innerskandinavischen Verhältnisses...

KULTURHUS BERLIN: Als Gründungsdirektor haben Sie maßgeblich die Entwicklung des Nordeuropa-Instituts geprägt. Das Institut entstand 1994 durch die Zusammenlegung der Skandinavistik der Freien Universität und der Nordistik der Humboldt-Universität. Vor welchen Herausforderungen standen Sie damals?

Bernd Henningsen: Es war eine große Chance für die Skandinavistik in Berlin. Wir haben den richtigen Namen gefunden: Nordeuropa-Institut. Damit wurde eine Einschränkung auf ein „Skandinavisches“ oder „Nordisches“ Institut vermieden. Nordeuropa – das ist ein neutraler, zugleich ein regionaler und ein politischer Begriff. Nach dem Fall der Mauer konnte man den Norden ganz anders denken. Der Eiserne Vorhang wurde auch über der Ostsee hochgezogen, von Grönland bis zu Russland und der Ostseeregion gehört in der Tat alles zu Nordeuropa.
Zudem hatten wir die Chance und die Möglichkeit, das Fach inhaltlich neu zu orientieren. Das ist etwas, woran wir Jüngeren in der Skandinavistik der Bundesrepublik seit den 1970er Jahren gearbeitet haben; d.h. deutlich zu machen, dass Skandinavistik mehr ist als Philologie, mehr ist als Mediävistik – nämlich auch eine Regionalwissenschaft, die eine politische und eine historische Dimension hat.

Wir konnten die Chance zur Neuorientierung ergreifen mit der Neueinrichtung der Skandinavistik an der Humboldt-Universität, wir setzten frühzeitig auf die Idee, die Skandinavistik der Freien Universität an die Humboldt-Universität zu holen, so dass durch die Ressourcen beider Einrichtungen ein Institut mit einer ordentlichen Masse entstehen konnte.

KULTURHUS BERLIN: Woher kam der für die deutschsprachigen Skandinavistik-Institute, von denen es rund 20 gibt, kulturwissenschaftlich-regionale Fokus auf ganz Nordeuropa anstelle einer „Beschränkung“ auf die klassischen skandinavistischen Disziplinen?

Bernd Henningsen: In dem Zusammenhang muss man sicher über den Begriff der Landeskunde sprechen. Bis in die späten 1980er, frühen 1990er Jahre hinein bezog man sich in der Skandinavistik der Bundesrepublik auf den Begriff der Landeskunde, wenn es um Politik, Geschichte, kurz um anderes als philologisches Wissen ging. Das Fach verstand sich als ein philologisches , nur in Kiel gab es eine Professur für nordeuropäische Geschichte.
Weil es in den 1980er, frühen 1990er Jahren einen kulturwissenschaftlichen Turn in den Geisteswissenschaften gab, konnte ein Fenster zu den Kulturwissenschaften geöffnet und damit auch nach außen demonstriert werden, dass die kulturwissenschaftliche Orientierung auch in der Skandinavistik möglich und nötig ist. Dieses war sehr schwierig – an der Humboldt-Universität ist es geglückt.

KULTURHUS BERLIN: Weshalb war die Skandinavistik lange Zeit so stark philologisch ausgerichtet?

Bernd Henningsen: Das hängt mit der Tradition des Faches zusammen, das aus der Mediävistik, aus der Germanistik im 19. Jahrhundert gewachsen ist. Skandinavistik ist ein sehr, sehr konservatives Fach. Wenn man sich die Lehrangebote der Skandinavistik in der Bundesrepublik Deutschland anschaute, dann hatten sich die Titel der Lehrveranstaltungen über viele Jahre nicht so stark verändert, wie man es eigentlich erwarten sollte. Wenn man sich beispielsweise das Berliner Lehrangebot zu Anfang des 20. Jahrhunderts ansieht und das der späten Bundesrepublik, dann finden sich dort immer wieder die gleiche oder ähnliche Titel: die Edda, Sagas, Wikinger, Strindberg oder Ibsen. Selbst das Lehrangebot während der Nazizeit klang sehr konventionell, sehr traditionell, ja neutral – wir wissen natürlich, was gelehrt wurde – aber die Titel fügen sich in diese konservative fachliche Auffassung.

Um ein Beispiel für diese Reformschwierigkeiten zu geben: Erst 1968 wurde in Kiel der erste Lehrstuhl für Neuskandinavistik eingerichtet. Dieses bedeutete einen ersten Paradigmenwechsel in der Skandinavistik.

Die Gründung des Nordeuropa-Institutes in Berlin war ein weiterer wichtiger Schritt. Wir sind zwar nach wie vor das einzige Institut mit dieser Ausrichtung, die Skandinavistik hat sich in Deutschland jedoch gewandelt. Sehr viele Institute sind heute kulturwissenschaftlich ausgerichtet und eröffnen – im Vergleich zu meiner Studienzeit – ganz andere Möglichkeiten.

KULTURHUS BERLIN: Für die Skandinavistik spielte auch die Universität Greifswald immer eine wichtige Rolle.

Bernd Henningsen: Für uns, die wir in der Bundesrepublik landeskundliche Ambitionen hatten, war der Hinweis auf Greifswald ganz natürlich. Wir wussten nicht viel, über die dortigen Orientierungen, wir waren vielleicht auch etwas blauäugig – dass dort aber auch zu Politik und Gesellschaft gearbeitet wurde, dass war offensichtlich – das regionale Spektrum wurde abgedeckt.

Das Institut war systemnah, bis hin zu Verwicklungen mit der Staatssicherheit. Das ist auch der Grund, warum das Greifswalder Institut nach der Wende umstrukturiert wurde und nur sehr wenige Kollegen „überlebt“ haben. Dieses Dilemma ist auch als Grund zu nennen, weshalb die Greifswalder Skandinavistik nach der Wende nicht den cultural turn schaffte, sondern im Großen und Ganzen nach dem traditionellen westdeutschen Fachverständnis neu strukturiert wurde.

KULTURHUS BERLIN: Hat sich das Nordeuropa-Institut so entwickelt, wie Sie es sich bei der Gründung 1994 vorgestellt hatten?

Bernd Henningsen: Ja, das hat es eindeutig. Wir erhielten Professuren für Kultur-, Literatur- und Sprachwissenschaft sowie für Mediävistik. Gerne hätte ich noch eine Geschichtsprofessur bzw. eine Professur für Politik gehabt. Das zumindest sollte die Grundstruktur eines regionalwissenschaftlich ausgerichteten Institutes sein – auch vor dem Hintergrund, dass wir in einer Hauptstadtuniversität angesiedelt sind. Aufgrund von Sparmaßnahmen haben wir heute bedauerlicherweise nur noch drei Professuren, wovon eine eine Juniorprofessur ist, dringlich wäre die Wiedereinrichtung der linguistischen Professur. Und es wäre sinnvoll, zumindest ist das mein Eindruck aufgrund der Nachfragen von Studierenden und aus der Gesellschaft, eine politikwissenschaftlich ausgerichtete Professur einzurichten.

KULTURHUS BERLIN: Welche Folgen hat die Umstrukturierung des Fachs nach den Bologna-Vorgaben für das Studium? Ist die Umstrukturierung eher vorteilig oder eher nachteilig für die Skandinavistik?

Bernd Henningsen: Bei derartigen Reformen gibt es immer Nachbesserungsbedarf. Ich bin von Anfang an ein Befürworter des Bologna-Prozesses gewesen, weil – machen wir uns doch nichts vor – unsere Lehre keineswegs hervorragend war, die Ausbildungssituation an den deutschen Universitäten war in hohem Maße reformbedürftig. Sie musste flexibler werden, den Internationalisierungserfordernissen angepasst werden. Dass es bei der Umstrukturierung einige Veränderungen gegeben hat, die nicht den Erwartungen entsprochen haben, ist normal. Dann muss nachgebessert werden. Es muss ein Angebot für die Studierenden geben, das ihnen eine grundwissenschaftliche Ausbildung bietet, mit der sie entweder weiter studieren können oder mit der sie eine Berufsqualifikation erwerben. Wir wissen, dass viele unserer Absolventen im späteren Beruf keine Skandinavisten sind, ähnlich wie bei den Germanisten, den Historikern oder den Physikern. An der Universität müssen die Studierenden vielmehr den wissenschaftlichen Grundstock für die berufliche Zukunft erhalten, sie müssen einen Beruf qualifiziert werden und aufbauend für eine wissenschaftliche Laufbahn.

KULTURHUS BERLIN: Kann man das in sechs Semestern?

Bernd Henningsen: Ich glaube ja. Unsere Nachbarländer machen es uns vor. Die schwedischen Universitäten haben weniger Probleme mit der Bologna-Reform als wir. Dort und in den angelsächsischen Ländern war das Studium bereits früher in dieser Weise ausgerichtet.

KULTURHUS BERLIN: Wie sehen Sie die Zukunft des Instituts? Wie kann sich ein kleines Fach wie die Skandinavistik bzw. Nordeuropa-Studien als geisteswissenschaftliches Orchideenfach am besten für die Zukunft rüsten?

Bernd Henningsen: Nach den heutigen Kriterien sind es die Studierendenzahl, die Absolventenzahl, die Drittmittelstärke und die Forschungsrelevanz, die entscheidend für den Erfolg sind. Und zu guter Letzt – im Schwedischen hieße das „die dritte Aufgabe“ – ist die Präsenz nach außen wichtig. Wenn all diese Faktoren stimmen, dann sehe ich keine Gefahr für unser Institut. Wir haben viele Studierende, eine hervorragende Drittmittelbilanz, Forschungsrelevanz – das Nordeuropa-Institut in Berlin hat die besten Voraussetzungen, die man sich denken kann.

Nicht zuletzt ist ein Projekt wie das KULTURHUS BERLIN, das von Absolventen des Instituts gegründet wurde, ein sehr gutes Beispiel für die Außenwirkung. Daher bin ich der Meinung, dass wir als Institut KULTURHUS BERLIN auch weiterhin unterstützen müssen.

KULTURHUS BERLIN: Ihr Beruf ist der Norden. Wie hat sich Ihrer Beobachtung nach, in den vergangenen Jahren die deutsche Sicht auf Nordeuropa verändert, in den verschiedenen Gesellschaftsbereichen, Politik, Kultur, welche konkreten Wahrnehmungspunkte gibt es?

Bernd Henningsen: In der deutschen Öffentlichkeit herrscht immer noch ein sehr harmonisches Bild: Bullerbü, die ideale Pippi-Langstrumpf-Welt, die ja gar nicht so ideal ist. Große Wälder, leere Straßen, rote Häuser mit weißen Fenstern, Fjorde. Diese idealisierende Vorstellung von Skandinavien dominiert. Ein sachlich, faktisch richtiges Wissen über die skandinavischen Länder ist selten.

Dennoch ist eine Veränderung in der Wahrnehmung der skandinavischen Länder zu beobachten. Durch die Zusammenlegung der Nordischen Botschaften in Berlin ist eine andere Präsenz in Deutschland entstanden. Dänemark betreibt heute eine andere, aktivere Außenpolitik als früher, Schweden und Finnland sind Mitglieder der Europäischen Union geworden, Norwegen spielt – auch als Nicht-Mitglied – eine sehr starke Rolle in der Europäischen Union. Das Gewicht der skandinavischen Länder ist stärker geworden in den letzten zwanzig Jahren, seit dem Fall der Mauer.

Und nicht zuletzt hat sich das deutsche Image in den skandinavischen Ländern verändert: Es hat sich herumgesprochen, dass wir Deutschen nicht mehr mit Pickelhaube durch die Welt marschieren und mit dem Säbel rasseln. Berlin ist sehr gefragt: man blicke auf den Berliner Immobilienmarkt oder die skandinavische Kunstszene, die sich sehr stark in Berlin verbreitet hat.

Trotz dieser Entwicklungen müssen wir Skandinavisten nach wie vor Aufklärungsarbeit leisten, vor allem, weil es bei uns einen starken Lernwiderstand gibt. In Deutschland wird der skandinavische Wohlfahrtstaat gerne kritisiert, der unbezahlbar sei, eine Bevormundung des Bürgers, eine Vorsorge von der Wiege bis zu Bahre darstelle.

Aber: das skandinavische Modell funktioniert. Zum Beispiel das dänische Prinzip der Flexicurity, das soziale Sicherheit und eine hohe Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt garantiert. Es sichert die Rechte der Arbeitgeber durch kurze Kündigungsfristen und bietet den Arbeitnehmern hohe Sicherheit durch ein stabiles Sozialsystem. 25 Prozent aller Dänen wechseln einmal im Jahr den Job – und das ohne Angst. Die Leute haben Vertrauen: Sie verlieren zwar ihren Arbeitsplatz, aber bekommen innerhalb kurzer Zeit einen neuen und fallen nicht durch das soziale Netz. Es gibt eine relativ hohe Sozial- und Arbeitslosenunterstützung. Fortbildung ist selbstverständlich, Langzeitarbeitslosigkeit sehr selten. Dänemark zählt zu den glücklichsten Ländern der Welt – das Modell funktioniert offensichtlich.

Dies als politisches Programm würde auf den heftigsten Widerstand der deutschen Gewerkschaften stoßen. Die Mischung von Flexibilität und Sicherheit betrachten deutsche Gewerkschaften als übelsten Neoliberalismus.

KULTURHUS BERLIN: Soziale Interessen durchzusetzen gelingt in Skandinavien offensichtlich.

Bernd Henningsen: Die politische Kultur der skandinavischen Länder ist eine andere als in Deutschland. Die Gewerkschaften haben eine andere Rolle, Funktion und Wirkungsweise als bei uns. Skandinavische Politik in ihrem Alltagshandeln ist ergebnisorientiert: die beste Lösung zu finden, das ist der Ansatz. Man führt von Beginn an eine ergebnisoffene Diskussion – das tut man in Deutschland nicht. Der politische Entscheidungsprozess in Skandinavien verläuft in vielerlei Hinsicht anders. Die Haltung zur Staatlichkeit ist eine andere, man hat Vertrauen. Das liegt auch daran, dass man durch die Geschichte hindurch von den staatlichen Behörden weniger schlecht behandelt worden ist, als es beispielsweise in Deutschland der Fall gewesen ist.

KULTURHUS BERLIN: Die Aufmerksamkeit für das tatsächliche Geschehen in unseren skandinavischen Nachbarländern ist in der öffentlichen Darstellung immer noch recht gering. Die PISA-Ergebnisse beispielsweise waren eine große Überraschung, obwohl man ja hätte wissen können, was in Finnland passiert. Woran liegt das Desinteresse?

Bernd Henningsen: Kurz und knapp wäre die Antwort: Dies liegt an der imperialen Sicht, an der Ignoranz großer Länder. Große Länder interessieren sich – gerade für kleine – Nachbarländer wenig oder kaum. Das ist bei den Franzosen so, bei den Amerikanern und Briten. Deutschland macht da keine Ausnahme, wobei die Deutschen vielleicht sogar weniger arrogant sind und das Interesse an anderen bei uns etwas größer ist. Ich glaube aber auch, dass das geringe deutsche Interesse etwas mit mangelnder Phantasie und mangelnder Risikobereitschaft zu tun hat. Weder die deutsche Politik noch die deutsche Wirtschaft haben – im Unterschied zu Frankreich oder den skandinavischen Staaten zum Beispiel – in hinreichendem Maße die Chancen gesehen, die sich nach der Wende in den baltischen Ländern und Polen aufgetan haben. Das Bankenwesen, das Kommunikationswesen in den baltischen Ländern ist fest in skandinavischer Hand.

KULTURHUS BERLIN: Glauben Sie, dass der Bau der neuen Fehmarn-Belt Querung, das zukünftig größte Infrastrukturprojekt in der EU, die beiden Nachbarländer Deutschland und Dänemark oder gar Kontinentaleuropa und Skandinavien näher zusammen führt?

Bernd Henningsen: Das glaube ich nicht. Die Brücke ist eine politische und ökonomische Notwendigkeit. Die Verbindung wird besser und schneller – wird aber sicherlich keine Auswirkungen auf den Habitus oder die politische Kultur haben. Gewiss wird es mehr Begegnungen und mehr Transporte geben, aber an eine tiefer reichende kulturelle Veränderung durch eine solche Maßnahme glaube ich nicht.

KULTURHUS BERLIN: Die Ostseeregion hat sich seit der Wende rasant verändert und eine erfolgreiche Entwicklung durchlaufen. Sie gilt als „Pilotregion“, als eine der innovativsten und dynamischen Regionen der Welt. Durch die Ostseestrategie der EU, die die Region als Testfeld für ihre erste makroregionale Strategie gewählt hat, hat sie zusätzlich an Bedeutung gewonnen. Wie erklären Sie sich die stiefmütterliche Behandlung der Region durch die deutsche Politik? Könnte die verstärkte Einbindung Russlands in die Ostseezusammenarbeit etwas daran ändern?

Bernd Henningsen: Russland wäre die Chance, die Ostseeregion stärker in den Fokus europäischer, auch deutscher Politik zu rücken, die bislang eher konflikt- oder ökonomisch orientiert ist. Das derzeitige Handelsvolumen mit den Ostseeanrainerstaaten ist größer als dasjenige mit Amerika oder Japan – von daher gäbe es eine dringende Erwartung an die Politik, ein größeres Interesse an dieser Region zu entwickeln. Erforderlich wäre eine systematischere Betrachtung der Region: die Transformationsprozesse in den baltischen Ländern, die Bildungs- und Hochschulpolitik oder der skandinavische Arbeitsmarkt, der weitaus besser funktioniert als der hiesige. Allerdings bin ich skeptisch, dass man in Deutschland die Lernblockade aufgibt.

KULTURHUS BERLIN: Am 24. Juni haben Sie vor zahlreichen und vielfach weitgereisten Gästen Ihre Abschiedsvorlesung gehalten. Da Sie demnächst viel Zeit zur freien Verfügung haben, drängt sich die Frage auf: Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Bernd Henningsen: Die klassische Antwort eines in Pension gehenden Professors ist, jetzt endlich das große Buch schreiben zu wollen. Die Antwort gebe ich natürlich auch. Gerne würde ich mehr lesen wollen, in meinen Bücherregalen steht sehr viel Ungelesenes. Davon abgesehen habe ich eine Anbindung an die Södertörn-Hochschule in Schweden, an der es einen Ostsee-Studiengang geben wird. Mit meinen schwedischen Kollegen werde ich ein gemeinsames Projekt durchführen. Meine Beziehungen zur Kopenhagener Universität würde ich gern pflegen und ausbauen – und natürlich weiterhin für das Nordeuropa-Institut zur Verfügung stehen.
Außerdem möchte ich eine kulturwissenschaftliche Antwort auf die Besonderheitsvorstellung, die Vorstellung skandinavischer Exzeptionalität finden. Was ist das Besondere an den skandinavischen Demokratie- und Rechtsstaatlichkeitsvorstellungen? Warum sprechen wir vom „nordischen Ton“? Vom „nordischen Licht“? Mir schwebt ein Buch über die nordische Welt vor...

KULTURHUS BERLIN: ...das klingt nach Grundlagenforschung.

Bernd Henningsen: ... zu der ich jetzt die Zeit habe.

Das Gespräch führten Inken Dose und Ulrike Schulz im Juli 2010

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