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Merete Kristin Wilhelmsen
Merete Kristin Wilhelmsen
Foto: Ulrike Schulz, KULTURHUS BERLIN

"Wir spüren das Mitgefühl"

Merete Kristin Wilhelmsen ist stellvertretende norwegische Botschafterin und Leiterin der politischen Abteilung der Norwegischen Botschaft in Berlin. Sie stammt selbst aus Oslo.

 

KULTURHUS BERLIN: Norwegen – das war eine zufriedene Gesellschaft, ein glückliches Land. Nun diese furchtbaren Anschläge. Wie verkraften Ihre Landsleute die Katastrophe vom 22. Juli?

Merete Kristin Wilhelmsen: Das ist eine sehr schwierige Situation. Wir alle stehen unter Schock. Und wir leiden. Ich bin ja hier in Berlin und habe alles von außen erlebt, ich habe es im Fernsehen gesehen und konnte nicht verstehen, was da passiert. Es bleibt auch unfassbar. Wir sind verzweifelt und einfach nur traurig. Aber was ich sehe, was ich spüre, das ist: Die Norweger kommen zusammen und haben in diesen Tagen viele, viele Gelegenheiten gefunden, um gemeinsam zu trauern.

Und viele Menschen auf der ganzen Welt sind bei uns. Das geht zu Herzen. Das gibt so viel Wärme. Auch für uns Norweger, die wir im Ausland sind.

KULTURHUS BERLIN: Wenn man dieser Tage ins Felleshus der Nordischen Botschaften in Berlin kommt, dann ist dort alles anders: Es war immer ein fröhliches, offenes Haus, und jetzt überall diese Trauer und die vielen Menschen, die weinen und ihr Mitgefühl bekunden. Wie nehmen Sie diese Stimmung wahr?

Merete Kristin Wilhelmsen: Es ist ganz leise in diesem Haus und auch in der Botschaft. Und das sind wir nicht gewöhnt. Das war eine neue Erfahrung. Es kommen viele Menschen, mehrere hundert Leute tagtäglich, ganze Familien, die sich in das Kondolenzbuch eintragen, die Blumen vor der Botschaft niederlegen, und das ist sehr gut. Wir spüren ganz stark dieses Mitgefühl und das große Mitleid. Es gibt die engen Kontakte zwischen Norwegen und Deutschland. Mittlerweile haben uns hier in Berlin mehr als tausend Menschen besucht in den letzten Tagen. Dazu kommen die vielen Emails und Briefe. Wir sind sehr, sehr dankbar.

KULTURHUS BERLIN: Ministerpräsident Stoltenberg und der König als Staatsoberhaupt haben appelliert, die demokratischen Werte, die Freiheit zu verteidigen. Muss man die Befürchtung haben, dass Norwegen nun einen Teil der Ihrem Land ganz eigenen Freiheitswerte wie Liberalität und Offenheit aufgibt?

Merete Kristin Wilhelmsen: Das glaube ich nicht. Norwegen ist in tiefer Trauer. Unser Land hat einen Schock erlebt. Aber trotzdem kommen diese Botschaften, diese deutlichen Botschaften des Ministerpräsidenten, der Regierung, des Parlaments und auch des Königshauses und auch von den Überlebenden von Utøya, die sagen: Wir müssen weiterkämpfen für unsere Werte. Für unsere offene Gesellschaft, in der man gut leben kann. Viele Norweger unterstützen das, gehen dafür gemeinsam auf die Straße. Wir sind sogar noch enger zusammengekommen, um unsere Werte zu verteidigen. Ich habe keinen Zweifel, dass ganz Norwegen für diese Werte weiterkämpft.

KULTURHUS BERLIN: In Deutschland werden die Rufe nach strengeren Gesetzen laut. In Norwegen hingegen beschwört man die Freiheit. Hätten Einschränkungen der Grundrechte, mehr Befugnisse für Sicherheitsbehörden wie sie auf politischer Ebene hierzulande bereits gefordert werden, in Norwegen eine Chance?

Merete Kristin Wilhelmsen: Das ist nicht denkbar. In den letzten Tagen habe ich auch keine solchen politischen Forderungen aus Norwegen gehört, und ich gehe auch nicht davon aus, dass die kommen werden. Denn ich glaube, es gibt keine Gesellschaft, die sich wehren könnte gegen einen solchen Täter. Der Täter hat sich gewünscht, einer politischen Partei zu schaden. Aber so wird es nicht empfunden: Es ist ein Angriff auf Norwegen, ein Angriff auf unsere Demokratie. Wir wollen kämpfen, sie zu bewahren und stehen dafür zusammen. Denn wir haben beschlossen, dass eine Person nicht unsere Gesellschaft zerstören kann. Das Gesellschaftsmodell in Norwegen, das ist unser Leben. Warum sollten wir das ändern?

Das Gespräch führte Ulrike Schulz, KULTURHUS BERLIN im August 2011.

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