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Wanderstudenten
Fotos: Sven Kraus

Livet er en reise – Das Leben ist eine Reise

KULTURHUS BERLIN und die Wanderstudenten

An einem lauen Maiabend in Hermsdorf bei Kaffee, Bier und Snacks unterhält sich KULTURHUS BERLIN mit Björn Griebel und Adrian Schneider über Norwegen, Pilgerreisen und Spiritualität. Björn und Adrian, das sind zwei inzwischen ehemalige Skandinavistik-Studierende, die im August 2013 im Rahmen des studentischen Projekts “Wanderstudent“ einen Monat lang auf dem Weg des Heiligen Olavs durch Norwegen gewandert sind. Dabei haben sie einen Film über ihre Erfahrungen gedreht. Insgesamt waren neun Studenten an dem Projekt beteiligt; in verschiedenen Funktionen, wie Vorbereitung und Planung, Technik, Öffentlichkeitsarbeit und das mobile Unterstützungsteam, das die Pilgernden im Auto begleitete. Für den eineinhalbstündigen Film wurden auch unzählige Interviews mit Menschen geführt, denen sie auf ihrem Weg begegneten, darunter Geistliche, Vertreter von Pilgerorganisationen und Menschen, die in lokalen Glaubensgemeinschaften aktiv sind.

Spiritalis vs. materialis – brauchen wir in unserer Zeit Religion und Spiritualität?

In den westlichen säkularen Gesellschaften ist Religionsferne vorherrschend. Die religiösen Inhalte unserer Feste geraten in Vergessenheit, Weihnachten wird Familien-Geschenke-Fest, Himmelfahrt zum Herrentag. „Spirituelles“ passt nicht zur Aufgeklärtheit unserer Kulturen. Materieller Reichtum und Konsum sind Leitmotive. Doch offenbar taucht andererseits ein Bedürfnis nach Immateriellem auf. In Stonehenge versammeln sich Menschen zu vorgeblich keltischen Sonnenfeiern, Neoschamanisten bedienen sich bei den alten Religionen der Samen oder nordamerikanischer Indianer und selbst die vorchristlichen Göttervorstellungen der Germanen erleben ihre Wiedergeburt. Dabei handelt es sich entweder lediglich um Anlehnungen an Altes mit selbsterfundenen Ritualen oder um ernsthafte Bemühungen, unserem Leben in einer komplexen Gesellschaft etwas Übergeordnetes hinzuzufügen und dabei überlieferte Traditionen zu adaptieren.

Uns interessiert am Anfang unseres Gesprächs mit den Wanderstudenten vor allem, wie eine Gruppe mitteleuropäischer Studenten auf die Idee kommt, einen norwegischen Pilgerweg zu gehen. Ging es dabei nur darum, für ein Seminar einen Film zu drehen, oder steckte mehr dahinter?

Björn, von dem die Ursprungsidee stammt, erzählt: „Es ging vor allem darum, zu pilgern. Das Thema war damals [2011] in den Medien sehr präsent, vor allem in Bezug auf den Jakobsweg. Ich habe aber eine persönliche Beziehung zu Norwegen und bin ein sehr naturnaher Mensch. Wir hatten aber auch einfach Lust, einen Film zu drehen, und die Uni hat dafür den technischen Rahmen geboten.“ Die umfangreiche Vorbereitung begann etwa ein Jahr vor der eigentlichen Reise und beinhaltete intensives Wandertraining. Die Gruppe machte fast jedes Wochenende kleinere Wandertouren im Berliner Umland, um ihre Kondition zu verbessern und die Bedingungen einer solchen Unternehmung auszutesten. Eine große Rolle spielte dabei das Gewicht der Rucksäcke, aber auch die Planung der Route und die Verpflegung. Nährwerte, Gewicht und Kosten wurden miteinander verrechnet, Karten gezeichnet und Zeitpläne erstellt.“

Neben den praktischen Aspekten des Wanderns ist das Thema Pilgern selbstverständlich auch eng mit der Beschäftigung mit religiösen und spirituellen Fragen verknüpft, und auch darüber haben die beiden einiges, überraschend Unterschiedliches zu sagen. Björn sieht Spiritualität schon immer als Teil seines Lebens an, während Adrian sich auch nach der Reise noch als „suchend und neugierig“ bezeichnet, trotz intensiver Erlebnisse sowohl in der Natur als auch mit christlichen Strukturen. Er erzählt von der Begegnung mit einer örtlichen Geistlichen:

„Wir saßen da am Straßenrand, und dann hat uns diese Frau aufgegabelt, mit zu sich nachhause genommen und bewirtet. Das war eine schöne Erfahrung. Wir haben viele Menschen getroffen, die ihren Glauben einfach leben. Die sind halt so“, sagt er. Wir sprechen eine Weile über das Verhältnis zwischen innerer Spiritualität und formalisierter Religion. Die Wanderstudenten betonen, dass sie auf ihrer Reise nur punktuelle Einblicke in letztere bekamen, da sie sich weitgehend unabhängig der normalen Pilgerstrukturen bewegten. Teilweise verließen sie die klassische Route und gingen durch die Berge; es gab kein Heft mit Stempeln und keinen „Pilgerkitsch“. Sie beschäftigten sich zwar intensiv mit dem thematischen Rahmen, doch es ging vor allem darum, etwas Eigenes, Persönliches zu erleben. Dass der Weg des Heiligen Olav stark christlich geprägt ist, steht außer Frage. Jedoch verläuft er entlang alter Handelsrouten, an denen auch wichtige heidnische Zentren lagen, die oft von der Kirche als Standorte übernommen worden waren. So sind auf dem heutigen Weg christliche Strukturen mit heidnischen Elementen verknüpft – bildet diese Verbindung von Altem und Neuem auch einen Teil der schwer fassbaren norwegischen Identität? Im verhältnismäßig jungen Staat Norwegen hat man sich durchaus mit der eigenen Geschichte beschäftigt, darunter auch die nordisch-mythologischen Aspekte, jedoch hat die gängige Rekonstruktion recht wenig mit dem Stand der Forschung zu tun und wurde laut Björn vor allem als Instrument des „nation buildings“ benutzt.

Spiritualität als Ausgleich für materielle Überladung

Wir werden uns im Gespräch bald einig, dass die in Organisationen und Liturgien gegossene Religionsausübung die Menschen von der ihnen innewohnenden Spiritualität eher abhält, als ihr Raum zu geben. Die Kirchengemeinde wird wohl nicht selten vorrangig als gesellschaftliches Ereignis empfunden, ähnlich jedem anderen beliebigen Verein. Die Verbindung von Mensch, Natur und Geistigem kommt da vielleicht zu kurz. Die „Suche nach dem Göttlichen in der Natur“ bleibt als – oft diffuse – Sehnsucht jedem Einzelnen überlassen.

Unabhängig von allen theoretisch-wissenschaftlichen Überlegungen bekommt man, wenn man Björn und Adrian zuhört, den Eindruck, dass die Reise für beide vor allem ein einschneidendes persönliches Erlebnis war. Adrian beschreibt, wie er sich seinen eigenen Ängsten stellen musste – das Schlafen unter freiem Himmel und auch die Begegnungen mit Tieren in der Wildnis seien für ihn nicht einfach gewesen. Björn spricht sehr positiv darüber, wie ihn die Reise mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert hat; wie es war, einmal das Ruder aus der Hand zu geben und nur von sich selbst und den Naturgewalten abhängig zu sein. Wenn sie vom letzten Tag der Reise erzählen, vom Nicht-Ankommen-Wollen in Trondheim, aber auch von der Vorfreude, Freunde und Familie wiederzusehen, und dem Gefühl, wirklich etwas geschafft zu haben, kommt man nicht umhin, sich zu fragen, wie es nach der Reise weiterging. „Ich habe mich ein bisschen fremd gefühlt. Aber es war toll, meine Familie und meinen Mitbewohner wiederzusehen“, sagt Adrian, „Ich habe mich gefragt, wo gehöre ich hin? Meine Stimmung hat sich jeden Tag geändert.“ Nach der intensiven Erfahrung als Gruppe haben sich die Wanderstudenten erst einmal drei Wochen lang nicht gesehen. Es war einfach kein Bedarf. Jeder brauchte Platz für sich. Insgesamt war es aber ein „toller Gruppenprozess. Am Anfang waren wir sehr eng, und auch sehr albern. Später haben wir uns verteilt und sind auch viel schweigend gelaufen.“ Da seien natürlich Unterschiede in der individuellen Leistungsfähigkeit gewesen, doch niemand habe Druck gemacht, man habe einander immer gestützt.

Reise und Suche

Und geht der Weg nun weiter, nachdem die Reise doch schon einige Jahre her ist, und die Wanderstudenten sich wieder in ihr Leben in Berlin eingefunden haben? Ja, sagt Björn. In den Worten eines Geistlichen, der im Film interviewt wurde: „Livet er en reise.“

Das Gespräch führten Hans-Joachim Gruda, Liane Gruda und Charlotte Epple.

Der zum Projekt gehörende Blog ist unter https://wanderstudent.wordpress.com/ zu finden.

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