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Morten Brask
(c) Thomas Busk

Die phantastische Geschichte eines vergessenen Genies

Der Däne Morten Brask hat ein Buch über den intelligentesten Menschen der Welt geschrieben. „Das perfekte Leben des William Sidis“ ist sein erster Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde. 1970 geboren, wuchs Brask in Kopenhagen auf. Er studierte Filmwissenschaften und Geschichte an der Universität Kopenhagen und hat in Dänemark mehrere Bücher veröffentlicht. Mit dem Autor sprach Ulrike Schulz.

KULTURHUS BERLIN: In Ihrem Buch dreht sich alles um William Sidis – eines der Wunderkinder dieser Erde, der intelligenteste Mensch der Welt – und von uns heutzutage beinahe vergessen, verschwunden, eine völlig unbekannte Person. Wie tauchte dieser Unbekannte bei Ihnen auf?

MORTEN BRASK: Inspiration und Ideen kommen oft zufällig. An einem Tag vor zehn Jahren las ich zufällig einen Artikel über den Intelligenztest. Der Artikel war um einen kleinen Faktenblock erweitert, in dem stand, dass der Mensch, der den höchsten registrierten IQ aller Zeiten hat, ein Mann namens William Sidis war. Das machte mich neugierig: Warum hatte ich nie von diesem ganz besonderen Menschen gehört? Weshalb war er nicht genauso berühmt wie Einstein oder Newton? Ich begann, mehr über ihn zu lesen und fand die Bücher, die er geschrieben hatte. Er schrieb einen verblüffend guten und klaren Stil – ich las über sein Leben und wusste sofort, dass das eine so phantastische Geschichte war, die ich erzählen musste.

Je mehr ich Sidis begriff, desto mehr begann ich ihn zu mögen. Dieser kleine Junge, den kein anderes Kind verstand, weil er so weit voraus war, selbst Erwachsenen gegenüber. Er entwickelte seine eigene Sprache „Vendergood“ mit einer kompletten Grammatik und Wörterbuch, als er sechs, sieben Jahre alt war. Als Dreijähriger brachte er sich selbst Latein und verschiedene andere Sprachen bei. Er schrieb mehrere Bücher, bevor er acht war, redigierte die Doktorarbeiten der Professorenfreunde seiner Eltern, schrieb eine juristische Verfassung für ein Gesellschaftssystem, das er in seiner Phantasie konstruierte. In der Schule trieb er seine Lehrer in den Wahnsinn, weil er sie die ganze Zeit korrigierte. Und er verfasste zum Beispiel ein Lehrbuch, weil er fand, es sei schlauer, eine vergleichende Grammatik zu benutzen, um Englisch, Deutsch und Französisch zu lernen. Als Elfjähriger begann er in einer Spezialklasse für Wunderkinder in Harvard. Aber etwas, was mich besonders an William Sidis faszinierte, ist, dass er sich nicht dafür entschied, ein berühmter Wissenschaftler, Jurist, Historiker oder Sprachforscher zu werden. Er wollte nicht berühmt sein, sondern das perfekte Leben leben, wie ich es versucht habe, in meinem Roman zu beschreiben.

KULTURHUS BERLIN: In Ihrem Romanporträt sagt Williams Vater, Billy sei ganz normal – war sein Sohn wirklich ein ganz normaler Junge?

MORTEN BRASK: In der Zeit, als William in Harvard begann, erklärte sein Vater, Boris Sidis, damals ein berühmter Psychologe, sein Sohn sei an sich nichts Besonderes. Er meinte, es sei die Art und Weise, in der er William erzogen habe, die ihn zu einem Genie gemacht habe. Jedes amerikanische Kind könne sein wie William, behauptete der Vater. Das ist natürlich falsch. William war kein gewöhnliches Kind. Ganz bestimmt kann man Kinder stimulieren, zu lernen und rational zu denken. Aber davon wird man kein Genie. In der Sidis-Familie gab es die Familien-Legende, dass in jeder Generation ein Genie geboren würde. Boris Sidis war selbst ein Genie und Williams Mutter Sarah außerordentlich hoch begabt. Es sind zuallererst die guten Gene, die William Sidis so intelligent machten. Williams Gehirn war schnell von seiner Geburt an. In einem Alter, in dem Kinder gerade einmal krabbeln können, war er imstande, eine Zeitung zu lesen. Alles in seinem Gehirn geschah mit so großer Geschwindigkeit, dass nur sehr wenige Menschen dem folgen konnten.

KULTURHUS BERLIN: William Sidis – ein Universalgenie und eine große Hoffnung für die amerikanische Wissenschaft. Was war für Sie das Unglaublichste, als Sie sich mit Sidis beschäftigten?

MORTEN BRASK: Das Unglaublichste war eigentlich, dass da niemand war, der das Kind William Sidis beschützte, er aber trotzdem eine Form von Integrität bewahrte und der blieb, der er war – er selbst. Als Kind wurde er quasi der Presse vorgeworfen, weil seine Eltern ihn in den Salons der New Yorker Reichen auftreten ließen, er durfte sich nicht wie ein normales Kind entwickeln, sondern wurde schon in einem viel zu jungen Alter behandelt wie ein Erwachsener. Trotzdem war er in der Lage, er selbst zu sein, selbstbestimmt zu sein. Er hätte alles werden können, und das wusste er vermutlich gut. Aber er war ein sehr bescheidener Mensch und wollte seine Bücher in voller Anonymität schreiben und als ganz gewöhnlicher Mensch behandelt werden. Er wollte, dass man aufhörte, ihn als ein Genie zu betrachten.

KULTURHUS BERLIN: Die Geschichte, die Sie in Ihrem Buch erzählen, ist spektakulär, dramatisch, tragisch und sehr berührend. Was, meinen Sie, war die größte menschliche Herausforderung für William Sidis?

MORTEN BRASK: Sidis’ größtes Problem war der Druck, den er von anderen Menschen spürte. Er war sehr schüchtern und mochte keine Aufmerksamkeit. Trotzdem wurde er von seinen frühesten Jahren an einer viel zu großen Aufmerksamkeit ausgesetzt. Die Zeitungen waren immer dicht an ihm. Die Ansprüche seiner Mitmenschen waren sehr belastend für ihn, und trotzdem liebte er es, mit anderen zu reden und gute Freunde zu haben, aber er wollte eben so behandelt werden wie jeder andere auch, ganz normal. Das, glaube ich, war eines seiner größten Probleme, dass er nicht freikam vom Schatten seines Genies. Und dann war da die Liebe. Das war fast das, was mir am meisten wehtat. Er verliebte sich jung in eine Sozialistin, Martha Foley, aber es wurde eine unmögliche Liebe, weil sie von ihm durch äußere Umstände weggerissen wurde. Ich konnte wirklich gut mit ihm fühlen, dass es für ihn die Frau in seinem Leben war.

KULTURHUS BERLIN: Sidis war ein Logik-, Wissenschafts- und Sprachgenie und – und er war mitten in der Welt, er war nicht gleichgültig gegenüber den politischen und sozialen Verhältnissen, gegenüber der Gesellschaft, er las Marx, wurde Sozialist. Und das war dann wirklich ein Problem, weniger für ihn selbst als für seine Karriere, seine Reputation, sein Leben, oder?

MORTEN BRASK: Sidis wuchs in einer stürmischen Zeit auf. Als er Teenager war, begannen der Erste Weltkrieg und die Revolution in Russland. In der Zeit danach gab es eine riesige Zahl hungriger Amerikaner, und es begann eine Wut darüber zu wachsen, dass da so wenige waren, die so viel hatten, und so viele, die hungerten. Der Sozialist Eugene Debs kandidierte damals fünfmal zur Präsidentenwahl. Sozialismus kam auf und fand durchaus Platz an bestimmten Stellen der amerikanischen Gesellschaft. William hatte in sehr frühem Alter ein großes Interesse für Politik gezeigt, und er wurde selbst Sozialist, nahm an Versammlungen und Protesten teil. Es war gefährlich, auch damals, „rote“ Standpunkte zu vertreten. Und es war schicksalhaft für ihn. Er wurde während einer Demonstration in Boston 1919 verhaftet. Danach begannen die Medien, ihn als „ausgebrannt“ zu beschreiben, und es machte ihn nicht besonders beliebt, Sympathien für den Sozialismus zu haben. In meinem Roman versuche ich, gerade diese Begebenheit als den größten Wendepunkt in Sidis’ Leben zu schildern. Er verließ 1920 sein Dasein als der klügste Mann der Welt und wurde danach jemand, der nach dem perfekten Leben suchte, weg von dem Trubel.

KULTURHUS BERLIN: Man kann Ihr Buch auch als Erklärung lesen, als eine Erzählung der Geschichte der USA, die verstehen hilft, warum es unmöglich ist, dass etwa ein Bernie Sanders amerikanischer Präsident ist. Eine Beschreibung, weshalb die USA sind, wie sie sind.

MORTEN BRASK: Ich versuche im Buch, die Stimmungen zu schildern, die in den Jahren herrschten, in denen William ja quasi mittendrin war: Als Kind war er zu Gast in den reichsten und berühmtesten Familien der USA, den Milliardären von damals, darunter auch der amerikanische Präsident Theodore Roosevelt, der ein guter Bekannter des Vaters war. William hätte ein Teil dieser Welt werden können, ein Superprofessor oder ein Ökonom oder ein Politiker – alles. Aber er wählte, sich den Sozialisten anzuschließen, die, wie bekannt, die großen Verlierer wurden – jedenfalls bis Bernie Sanders erschien. Sidis traf in seinem Leben auch auf andere, weniger sympathische Seiten der amerikanischen Gesellschaft, nicht zuletzt auf den Antisemitismus, der wie ein glimmendes Feuer war, selbst an Orten wie Harvard. Es muss eine sehr chaotische Zeit gewesen sein, vor und nach dem Ersten Weltkrieg.

KULTURHUS BERLIN: Ihr Buch über William Sidis ist Ihre eigene Erzählung, in der Sie Fakten und dokumentarisches Material fiktional verarbeiten, eine Lebensgeschichte mit Ihren Worten, Ihren Figuren, Ihren Gedanken. Wie beschreiben Sie selbst das Genre, in dem Sie arbeiten?

MORTEN BRASK: Ich sehe das Buch über William Sidis als einen psychologisch-biografischen Roman. Es ist meine „künstlerische“ Version eines Menschen, eine Art Gemälde von William Sidis’ Leben und Persönlichkeit und der Welt und Zeit, in der er lebte. Es basiert auf einer langen Reihe historischer Quellen, aber ich habe mir auch meine erzählerischen Freiheiten genommen, um William Sidis zu beschreiben, wie er nach meiner Meinung gewesen ist. Gleichzeitig habe ich in dem Buch auch ein Forum für die Fragen geschaffen, die sich mit der „Bürde des Genies“ beschäftigen. Heute wird Sidis als Genie beschrieben, das sich erschöpfte – vor allem, weil er sich aus dem Scheinwerferlicht zurückzog. Das machte mich neugierig zu fragen, was es bedeutet, so große Begabungen zu haben, aber sie – von außen gesehen – nicht zu nutzen. Ist es verkehrt, geniales Verhalten von einem Genie zu erwarten? Ist das eine Bedingung, um den Status des Genies zu haben? Soll man seine Talente ausnutzen, wenn man sie hat? Hat ein Genie eine Verpflichtung? Hätte man Mozart zwingen sollen zu komponieren, wenn er keine Lust gehabt und lieber ein Hotel eröffnet hätte? Hätte Einstein über die Relativitätstheorie schreiben müssen, wenn er lieber Lehrer geworden wäre? Ich gebe keine Antwort in dem Buch, aber ich meine tatsächlich, dass William Sidis das gewählt hat, was das Richtige für ihn war. 



Das Interview führte Ulrike Schulz.

"Das perfekte Leben des William Sidis"
Übersetzt von Peter Urban-Halle
368 Seiten
Nagel & Kimche
ISBN 978-3-312-01013-4
24,- Euro

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