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Sameblod
Filmstill
(c) Sophia Olsson / Nordisk Film

Ein erschütterndes Portrait

Im Rahmen der Reihe „NATIVe - Indigenous Cinema“ zeigte die Berlinale 2017 den Film Sameblod (Samenblut), der im Internet als DVD erhältlich ist. Vor der Veröffentlichung des Films gab es bereits 2015 eine Version der Geschichte als Kurzfilm Stoerre Vaerie. Der Film zeigt die konkreten Auswirkungen der Einteilung in sogenannte Rassen, die zum angeblich wissenschaftlich begründeten Unterbau für Kolonialismus, Eroberung ressourcenreicher Länder, Unterdrückung und Ausrottung auch der indigenen Völker wurde. Sie diente maßgeblich bei der Kolonisierung des schwedischen Teils Sápmis. Erschüttert, zutiefst angerührt, fällt es schwer, sich an das Schreiben einer Rezension zu machen.

Die Arroganz der Kolonialisten bekam in Schweden ihren „wissenschaftlichen“ Unterbau durch Karl Bernhard Wiklund (Lappenexperte der Regierung) und Herman Lundborg, den Gründer des Rassenbiologischen Instituts an der Universität in Uppsala. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden schicksalsschwere Vorstellungen über den „Wert“ der „Rassen“ etabliert, aus denen Maßnahmen wie Zwangssterilisierung hergeleitet wurden. Betroffen waren neben den Samen auch andere Minderheiten. Die „primitive Lebensweise“ der Lappen (Samen) wurde in Schweden als naturgegeben angesehen und ihnen der Zugang zu höherer Bildung unmöglich gemacht. An diesen Ansichten wurde noch bis in die 1940er Jahre festgehalten.

Mit den Stimmen aller Parteien im Schwedischen Reichstag wurde 1921 ein Gesetz zur Gründung eines staatlichen Instituts für Rassenbiologie beschlossen. Das Institut nahm am 1. Januar 1922 in Uppsala seine Arbeit auf. Direktor war besagter Herman Lundborg. 1922 wurde eine große „Lappenuntersuchung“ durchgeführt, deren Resultate 1932 als „The race biology of the Swedish Lapps“ herausgegeben wurden. Lundborgs Nachfolger im Amt, der Sozialdemokrat Gunnar Dahlberg, überarbeitete die Ergebnisse der Lundborgschen Feldarbeit, bevor er den zweiten Teil der „Lapplanduntersuchungen“ herausgab.

In diese Zeit fällt die im Film erzählte Geschichte der vierzehnjährigen Elle Marja und ihrer jüngeren Schwester Njenna. Sie leben im Süden Sápmis, ihre Familie betreibt Renzucht und lebt auf traditionell naturnahe Weise. Sie gehen zur Schule, um eine Grundausbildung zu bekommen, doch trotz guter schulischer Leistungen und Angepasstheit wird Elle Marja der Zugang zu höherer Bildung verschlossen. Sie möchte Lehrerin werden und will zur Ausbildung nach Uppsala. Während Njenna ihre untergeordnete Stellung als Samin hinnimmt, flieht Elle Marja aus der Rolle, die ihr Schweden zugedacht hat. Sie hat verstanden, dass sie ihr Ziel nur erreichen kann, wenn sie aufhört, Samin zu sein. Daher verleugnet sie Herkunft und kulturelle Identität, wird mit neuem Namen Schwedin und bleibt als Lehrerin für immer in Uppsala.

Als alte Frau kehrt sie mit Sohn und Enkeltochter zur Beerdigung ihrer Schwester Njenna mit Widerwillen in die alte Heimat zurück. Im Gegensatz zu ihrem Sohn und der Enkeltochter, die zur Kälbermarkierung in die Berge fliegen, lehnt sie die samische Herkunft ab.

Am Zuschauer zieht das Leben der Geschwister Elle Marja und Njenna in beklemmenden Sequenzen vorbei. Das Leben als junge Samin ist für Elle Marja eine Folge von Erniedrigungen durch die nicht-samische Bevölkerung in Form von verbalen und körperlichen Angriffen. Wer im Publikum sitzt und selbst junger Same ist oder seit vielen Jahrzehnten in der samischen Gesellschaft verwurzelt, dem zerreißt es das Herz, dies ansehen zu müssen. Mit geballten Fäusten und zusammengebissenen Zähnen und nicht mehr zu unterdrückenden Tränen erlebt der Zuschauer das Auftreten der Rassenbiologen. Die Kleider ablegen, nackt dastehen, die Schädel vermessen bekommen, entwürdigt, erniedrigt, zum Objekt degradiert: So werden die samischen Kinder und Jugendlichen gebrochen. Es tut weh, ansehen zu müssen, wie Elle Marja bitter erfährt, dass nichts am Same-Sein von Vorteil ist in einer Gesellschaft, die ihr Volk als minderwertig definiert hat. Und es tut weh ansehen zu müssen, wie Elle Marja ihre samische Identität verrät, ein ums andere Mal. Zitternd und schluchzend erlebt der Betrachter, wie sie ihren „gaepti“, die südsamische Tracht, verbrennt und schließlich von ihrer Mutter die Herausgabe des wertvoll mit Silber verzierten Gürtels ihres Vaters verlangt, um ihn zu Geld machen zu können. In Uppsala wird sie wie ein exotisches Tier vorgeführt und ringt um Teilhabe am Leben der Schweden. Es ist ein stark berührender und zugleich sehr unbequemer Kinobesuch.

Am Ende des Films kommt es über die Landschaft zur Versöhnung. Sie ist zugleich die Metapher für das Selbstbewusstsein, zu welchem die Samen in der Gegenwart zurückgefunden haben. Sie sind ein Volk in vier Ländern, mit eigenen Traditionen und einer eigenen Zukunft. Elle Marja bittet ihre tote Schwester schließlich doch um Vergebung und wandert hinauf ins Fjäll zu den Rentieren.

Amanda Kernell vermag es, die Geschichte der Samen im 20. Jahrhundert ausdrucksstark mit der Erzählung über die beiden Schwestern zusammenzufassen. Die Regisseurin stammt aus einer samischen Familie, ihr Vater und Onkel sind Sprachlehrer für Südsamisch, andere Familienmitglieder widmen sich der Renzucht. Amanda wuchs im Gegensatz dazu in einer größeren Stadt auf und besuchte die Sommerlager der Jugendorganisation Sáminuorra. Ihre Heimatsprache ist Südsamisch, und sie erlernte das Joiken von ihrem Vater, was sie in allen Lebenslagen anwendet. Im Gespräch mit Katarina Hällgren von der Zeitschrift „Samefolket“ sagte Amanda, sie habe den Film aus der Perspektive als Künstlerin gemacht, er zeige, wie es in ihr selbst aussieht. Dass bei dem Film geweint wird, sei völlig in Ordnung. Es sei etwas Gutes, gemeinsam zu weinen. In Berlin wurde es fast zu einer Art Therapiesitzung.

Der Film feierte riesige Erfolge bei den Filmfestspielen in Venedig, Toronto, Tokyo, Göteborg und nun in Berlin. Er hat die Samen – ein ums andere Mal – in die Berliner und somit auch in die deutsche Öffentlichkeit getragen.

Rezension von Hans-Joachim Gruda

 

Sameblod – Film von Amanda Kernell

Schweden / Dänemark / Norwegen 2016

Schwedisch, Südsamisch

110 Min · Farbe

Buch und Regie: Amanda Kernell

Kamera: Sophia Olsson

Musik: Kristian Eidnes Andersen

Produzent: Lars G. Lindström

Co-Produzenten: Tomas Radoor, Jim Hansen, Oskar Östergren

Co-Produktion: Nordisk Film Production A/S, DigiPilot A/S, Bautafilm AB

mit

Lene Cecilia Sparrok (Elle Marja)


Mia Erika Sparrok (Njenna)


Maj Doris Rimpi (Christina/Elle Marja)


Julius Fleischanderl (Niklas)


Olle Sarri (Olle)


Hanna Alström (Lehrerin)


Malin Crépin (Elise)


Andreas Kundler (Gustav)


Ylva Gustafsson (Laevie)

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Mittwoch, 11. Oktober 2017
19:00 - Tore, himlen & havet | Tore, der Himmel & das Meer
D/SE 2016 | 57 Min. | Dokumentarfilm | Original (schwedisch) mit deutschen Untertiteln | R Maria Mogren, Jens von Larcher

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