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Christiania
(c) Visit Copenhagen

Wird die Christiania-Utopie jetzt endlich wahr?

Von Drogenverkauf und Gewalt zu Geselligkeit und Offenheit

Wer die dänische Hauptstadt Kopenhagen besucht, schaut sicher auch in der Freistadt Christiania vorbei. Die alternative Wohnsiedlung im Stadtteil Christianshavn ist nicht nur eine der größten Touristenattraktionen der dänischen Hauptstadt, sondern auch Sammelpunkt für alternative Lebensstile.

Anfang der 1970er-Jahre wurde das alte Militärgelände in der Bådsmandsstræde geräumt und nachfolgend von illegalen Hausbesetzern besiedelt. Diese gründeten am 26. September 1971 aus Protest gegen den Mangel an bezahlbarem Wohnraum „Fristaden Christiania“. Die Freistadt ist ein Kind der Jugendbewegungen der 1970er-Jahre, ein rebellisches Kind, das wegen seiner Andersartigkeit von Vater Staat nicht sofort akzeptiert wurde, aber bis heute als „soziales Experiment“ geduldet wird.

Kopenhagen ist für Touristen eine entspannte Stadt, aber Christiania, wo Meditation, Yoga, Handwerk und ein entspanntes Verhältnis zu Marihuana Alltag sind, ist der Ort für Entschleunigung par excellence. Es handelt sich um eine große Wohngemeinschaft für gut 760 „Christianitter“, die dort in einer Art Konsensdemokratie wohnen und leben. Ganz im Sinne der Hippiebewegung der 1970er-Jahre bedeutet das, dass gemeinsame Entscheidungen für die Wohngemeinschaft nicht auf Grundlage von Abstimmungen, sondern aufgrund von gegenseitigem Zuhören, Verständnis und Dialog getroffen werden sollen.

Die Christianitter haben mit der Gründung der Freistadt ihre eigenen Gesetze aufgestellt: keine Waffen, keine harten Drogen, keine Gewalt, keine Autos, keine schusssicheren Westen, kein Verkauf von Feuerwerk, keine Böller, keine Schwarzmarktware und keine Symbole krimineller Banden wie Hells Angels oder Bandidos. Damit sollte ein Zeichen gegen organisiertes Verbrechen, Gewalt und harte Drogen gesetzt werden. – Ein durchaus guter Versuch, der vielleicht in den Anfangsjahren von Christiania erfolgreich war, aber als gescheitert gilt, spätestens seit 2004 der Cannabishandel verboten wurde und es immer wieder zu Unruhen und gewalttätigen Übergriffen kam.

Christiania war immer Brennpunkt der dänischen Drogenpolitik. Die Akzeptanz der Christianitter nicht nur gegenüber dem Konsum von Marihuana und Haschisch, sondern auch gegenüber dem Verkauf der Drogen, zeigte sich über viele Jahre in der sogenannten Pusher Street. In der Hauptstraße konnte man an mehreren kleinen Ständen Haschisch und Marihuana kaufen und konsumieren. Beides ist in Dänemark verboten.

Lange wurde Christiania wegen der Widersprüchlichkeiten dieses Konzepts kritisiert. Es sei eine Hippie-Utopie, die die Realitäten nicht wahrnehmen wolle, nämlich, dass der Verkauf und Konsum von Haschisch immer in Verbindung mit organisierter Kriminalität, Waffen und Gewalt stehen. – Eine Kritik, die nicht ganz unberechtigt ist. Denn in den letzten zehn Jahren gab es häufiger Probleme mit dem Drogenverkauf in Christiania. Immer wieder kam es zu Gewalttaten in Verbindung mit Polizeiräumungen und organisiertem Drogenhandel. Der Konflikt gipfelte am 31. August 2016 in einer Schießerei, bei der zwei Polizisten und ein Zivilist in Christiania zum Teil schwer verletzt wurden.

Der Täter, ein 25-jähriger Mann, der laut Polizeibericht Verbindungen zum Drogenhandel hatte, floh vom Tatort. Er wurde am 1. September in einem Vorort von Kopenhagen aufgespürt. Nach einem zweiten Fluchtversuch musste die Polizei ihre Waffen ziehen. Der Täter wurde angeschossen und starb kurz danach an den Folgen der Verletzungen.

Diese Tragödie und der absolute Verstoß gegen die Grundgesetze der Freistadt hatten Konsequenzen. Die Haschbuden in der Pusher Street könnte man als „das Unkraut der dänischen Drogenpolitik“ bezeichnen. Sie wurden über die Jahre auf Entscheidungen der Politik mehrmals abgerissen, aber nach kurzer Zeit blühten sie immer wieder auf. Diesmal kam es jedoch anders, denn gleich am Tag nach der Schießerei entschieden die Christianitter selbst, die Pusher Street und die legendären Haschbuden zu räumen.

Die Marihuanaverkaufsstände wurden entfernt und kurz danach wurde durch die dänische Zeitung „Politikken“ ein Ideenwettbewerb für die Nutzung der „Pusher Street“ nach der Räumung ausgeschrieben. Die Vorschläge reichten über einen großen Spielplatz für Kinder und einen Versammlungsplatz für Erwachsene bis hin zu einem „Dialoghaus“, um die Kommunikation zwischen Christiania und der Umgebung zu fördern. Die Kreativität war groß, insgesamt wurden 322 Ideen eingereicht. Viele wollten einen Markt für diverse Biolebensmittel und Kunsthandwerk etablieren, aber am 13. September 2016 wurde schließlich das Gewinnerkonzept bekannt gegeben: Durchgesetzt hat sich die Idee eines permanenten langen Picknicktisches an der Stelle, wo früher die Drogenstände standen.

Die Idee stammt von der jungen Illustratorin Louise Thrane Jensen. Sie schrieb in ihrem Vorschlag an die Politik: „Für mich persönlich kann das Treffen mit fremden Menschen ab und zu ganz schön schwierig sein, aber jedes Mal, wenn ich die Freistadt besucht habe, möchte ich besser darin werden. Deswegen finde ich, dass es eine gute Idee wäre, wenn die ‚Pusher Street‘ in eine Straße zum Kennenlernen neuer Freunde umgewandelt werden könnte. Es sollte einen großen langen Tisch entlang der gesamten Straße geben, wo man gemeinsame Essen und Veranstaltungen arrangieren kann. Man könnte Musik, Theater oder Lesungen mit einbeziehen. Das Einzige, was ein Teilnehmer tun muss, ist mindestens eine unbekannte Person zu begrüßen und ihr eine wirklich interessierte Frage zu stellen.“ Thrane Jensen schließt ihren Vorschlag ab mit einem Appell an uns alle: „Ich glaube, dass es für viele von uns nötig wäre, mit unserem eigenen Individualismus abzurechnen, und ich kann mir für diese Revolution keinen besseren Ort als Christiania vorstellen.“

Noch ist nicht endgültig entschieden, ob die Idee des langen Tisches tatsächlich realisiert wird, aber Christianias Pressesprecher Risenga Maghezi ist von dem Vorschlag begeistert. Vielleicht wird die Utopie von Christiania jetzt endlich realisierbar, nachdem die Christianitter sich vom Drogenhandel verabschieden und sich der gemeinsamen Mahlzeit und dem Dialog widmen wollen.

Anne M. Dyhrberg-Röpcke

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