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Friis Arne Petersen

Wir Dänen sind dabei, Deutschland wiederzuentdecken

(c) Christian T Jørgensen, EUP Berlin

 

Friis Arne Petersen, Jahrgang 1952, ist seit August 2015 dänischer Botschafter in Deutschland. Petersen studierte Volkswirtschaft an der Universität Kopenhagen, bevor er 1979 in den auswärtigen Dienst des Königreichs eintrat. Er war u.a. Büroleiter der Außenminister Uffe Ellemann-Jensen (1986-1993) und Niels Helveg Petersen (1993-1994) und Staatssekretär und Leiter des dänischen Außenministeriums/Stellvertreter des Außenministers im Rat der Europäischen Union (1997-2005), bevor er als Botschafter Dänemark im Ausland vertrat. Von 2005 bis 2010 war er Botschafter in den Vereinigten Staaten (Washington), von 2010 bis 2015 in China (Beijing). Friis Arne Petersen ist verheiratet mit Birgitte Wilhelmsen und Vater von drei Kindern.

 

KHB: Sie sind seit etwa einem Dreivierteljahr als Botschafter Dänemarks in Berlin. Wie waren diese ersten Monate für Sie? Was ist Ihnen hier als „Neu-Berliner“ besonders positiv oder negativ aufgefallen?

 

FAP: Nach meinen interessanten Aufgaben in über zehn Jahren als dänischer Botschafter in den USA und in China war ich natürlich sehr gespannt auf Deutschland und seine Hauptstadt. Berlin hat sich wieder zu einer sehr dynamischen Stadt mit internationalem Gewicht entwickelt. Hier werden nicht nur wichtige politische Entscheidungen für Deutschland getroffen. Im wiedervereinigten Deutschland und seiner Hauptstadt geht es häufig um Politik, die Einfluss auf Europa und auf die gesamte Welt hat. Das finde ich gerade nach den Jahren in Washington und Beijing, in denen es ja zum Selbstverständnis gehört, globale Politik zu gestalten, sehr interessant, da die Deutschen ja erst wieder anfangen, sich an ihre Bedeutung und ihr Gewicht in der Weltpolitik zu gewöhnen.


KHB: Deutsche und Dänen verbindet als Nachbarn in Europa vieles. Welche sind in Ihren Augen die wichtigsten kulturellen Unterschiede und Gemeinsamkeiten?


FAP: Zunächst einmal finde ich es wichtig festzuhalten, dass Deutschland das einzige Land ist, mit dem Dänemark überhaupt eine Landesgrenze teilt. Von anderen Nachbarn wie Schweden werden wir durch die Ostsee getrennt. Die Grenzregion zwischen unseren Ländern ist dabei einer der Garanten für das tiefe und freundschaftliche Verhältnis zwischen Dänemark und Deutschland. Hier werden kulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten aktiv kennengelernt und ausgelebt. Allgemein gibt es aber zwischen Dänemark und Deutschland wesentlich mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Zudem haben Werte wie Fleiß, Verlässlichkeit, Präzision und Genauigkeit in beiden Ländern einen ähnlichen Stellenwert, und wir sind außerdem durch eine sprachliche, historische und kulturelle Vergangenheit miteinander verbunden.


KHB: Worin sehen Sie die Hauptaufgaben der Botschaft als diplomatische Vertretung Ihres Landes? Was ist Ihr Hauptanliegen während Ihrer Amtszeit in Deutschland?


FAP: Die Hauptaufgaben als Botschafter im Auswärtigen Dienst Dänemarks liegen auf der Außen- und Sicherheitspolitik. Darauf folgt ein Punkt, der in den letzten Jahren immer wichtiger geworden ist, nämlich die Energiepolitik. Und als Drittes würde ich dann die Wirtschaftsbeziehungen und das bilaterale Verhältnis zum Gastgeberland nennen, bei dem natürlich immer auch Faktoren wie Energie, Umwelt, Sicherheit, Digitalisierung und Gesundheit eine Rolle spielen. Deutschland ist bereits jetzt der wichtigste Exportmarkt für Dänemark. Die Pflege der bestehenden Kontakte sowie der Ausbau des Beziehungsnetzwerkes in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft werden somit zu meinen Schwerpunkten in Deutschland zählen.

 

KHB: Ab 2018 soll eine neue Verbindung zwischen Deutschland und Dänemark entstehen: Der Fehmarnbelt-Tunnel, finanziert von der dänischen Regierung und der EU. Wer wird Ihrer Ansicht nach am stärksten von dieser neuen Verbindung profitieren? (Wie) wird die neue Verbindung das Gesicht der Region verändern?


FAP: Das Wichtigste an diesem Projekt ist, dass alle Beteiligten – Dänemark, Deutschland, der Norden ganz allgemein – am Ende als Gewinner dastehen werden. Die Fehmarnbelt-Querung ist das größte Infrastrukturprojekt, das wir in Dänemark jemals umgesetzt haben. Wie jeder Dänemark-Besucher weiß, haben wir in der Vergangenheit schon einige große Projekte in diesem Bereich erfolgreich umsetzen können. Der Nutzen und damit auch die Wichtigkeit der Querung kann auf drei Ebenen beschrieben werden: Auf lokaler Ebene wird es einen spürbar positiven Einfluss für die Entwicklung der gesamten Region geben, da ganz neue infrastrukturelle Möglichkeiten des Austausches geschaffen werden. Auf bilateraler Ebene wird die Querung zu einer Intensivierung der Beziehungen unserer Länder führen. Und auf europäischer Ebene wird dieses Projekt zu einem engeren Zusammenwachsen des gesamten Kontinents führen, da es jetzt zum ersten Mal überhaupt eine Verkehrsverbindung zwischen dem hohen Norden bis tief in den Süden Europas gibt.


KHB: Im nächsten Jahr wird Aarhus, die zweitgrößte Stadt Dänemarks, Europäische Kulturhauptstadt sein. Das Thema von Aarhus 2017 lautet „RETHINK“. Was steckt dahinter? Wenn wir dieses Motto betrachten, das die Weiterentwicklung in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen beinhaltet, die dazu beitragen soll, unsere gemeinsame Zukunft zu gestalten, – welcher Aspekt hat dabei für Sie Priorität?


FAP: Das Thema „RETHINK“ passt vor allem sehr gut in das übergeordnete gesellschaftliche Narrativ Dänemarks, für das in den letzten Jahren in Bereichen wie Nachhaltigkeit, Umweltfreundlichkeit, Grüner Technologie etc. ein immer höheren Stellenwert eingefordert wurde. Århus hat dies aktiv aufgegriffen und wird sich gerade über dieses Thema als weltoffene, umweltbewusste, nachhaltige und somit eben auch dänische Stadt präsentieren. Der Titel als Europäische Kulturhauptstadt wird natürlich für Århus, aber auch für die gesamte Region Midtjylland große Bedeutung haben. Auch hier an der Botschaft in Berlin hatten wir diesbezüglich vor ein paar Wochen eine Pressekonferenz mit sehr interessierten deutschen Kulturjournalisten.


KHB: Können Sie uns einen Tipp geben, was der Aarhus-Besucher im Kulturprogramm 2017 auf keinen Fall verpassen sollte?


FAP: Das Programm für das nächste Jahr ist wirklich beeindruckend. Es gibt insgesamt mehr als 350 Projekte und es werden eine ganze Menge international bekannter dänischer Künstler dabei sein. Beim „Tree of Codes“, einem modernen Ballett im Konzerthaus Århus, stammt beispielsweise das visuelle Konzept von dem in Berlin lebenden Künstler Olafur Eliasson. Bei einem anderen Projekt wird die Film-Trilogie der Oscar-Preisträgerin Susanne Bier in drei unterschiedlichen Genres aufgeführt – „Brothers – zwischen Brüdern“ als Oper, „Nach der Hochzeit“ als Musiktheater und „Für immer und ewig“ als moderne Tanzvorstellung. Das Projekt „Der Garten“ erstreckt sich über mehr als vier Kilometer zwischen Innenstadt und Strand und untersucht die Veränderungen in der Beziehung zwischen Mensch und Natur während der letzten 400 Jahre. Das Programm ist also sehr vielseitig und es wird sicherlich für jeden Besucher etwas Interessantes zu bieten haben.


KHB: Die Dänen werden häufig als „die glücklichsten Menschen der Welt“ bezeichnet. Der jüngste UN World Happiness Report 2016 hat dies erneut belegt. Warum sind die Dänen so glücklich?


FAP: Die dänische Gesellschaft ist geprägt von großer Gleichheit, sozialer Absicherung, einem klaren Bewusstsein für die Umwelt, dem gegenseitige Vertrauen der Bürger untereinander und gegenüber den Institutionen des Staates, einem freien Zugang zu medizinischer Versorgung, einem funktionierenden Ausbildungssystem und von unseren dynamischen Unternehmen. Auch und vor allem über diese Faktoren wurde ein stabiler Rahmen geschaffen, der es den Menschen ermöglicht, sich einerseits wohl und sicher zu fühlen. Andererseits werden aber auch die richtigen Anreize geschaffen und Leistung belohnt. Und natürlich sind unsere Kinder sehr wichtig für uns. Gute Kindergärten, gute Schulen und eine moderne Ausbildung sichern den Wohlstand unserer Gesellschaft für die Zukunft.


KHB: Wie steht es Ihrem Eindruck nach um den Kontakt zur deutschen Kultur in Dänemark? Lernen dänische Schülerinnen und Schüler noch Deutsch, werden deutsche Bücher übersetzt und laufen deutsche Filme im Kino, oder orientiert man sich eher in Richtung der skandinavischen Nachbarn und Amerikas?


FAP: Der Stellenwert der deutschen Kultur beziehungsweise des gesamten Landes hat sich in der dänischen Wahrnehmung in den letzten Jahrzehnten schon gewandelt. Unsere beiden Länder hatten meist ein gutes Verhältnis zueinander, welches – wie bei anderen kleineren europäischen Nachbarn Deutschlands auch – historisch natürlich nicht ganz unbelastet war. Meine Beobachtung ist, dass sich in den letzten 25 Jahren dieses gute, nachbarschaftliche Verhältnis zwischen unseren Ländern aber noch einmal intensiviert hat. Gerade die jüngeren Jahrgänge gucken mit ehrlichem Interesse und Neugierde Richtung Süden und wollen mehr darüber wissen, was in Deutschland kulturell, politisch und auch gesellschaftlich passiert. Und da ist die deutsche Sprache und das Interesse an ihr dann natürlich durchaus hilfreich. Ein weiterer Indikator für das gestiegene Interesse ist aber auch die Anzahl von Artikeln oder TV-Beiträgen über Deutschland in dänischen Medien, die in den letzten Jahren sichtbar angestiegen ist. Ich würde meinen, dass wir Dänen dabei sind, Deutschland für uns wiederzuentdecken.

 

KHB: Deutschland und Dänemark sind nicht nur Nachbarländer im Norden Europas, mit gemeinsamer Grenzregion, Deutschland ist auch einer der wichtigsten Handelspartner Dänemarks. 2016 hat die dänische Regierung die sog. „Deutschland-Strategie“ publiziert. Was sind die Eckpunkte dieser Strategie?


FAP: Die Deutschland-Strategie der jetzigen Regierung ist so etwas wie ein dänisches Manifest zur Pflege und zum Ausbau der wichtigen Berührungspunkte unserer beiden Länder. Mit der Strategie wird unser bereits sehr gutes Verhältnis noch einen weiteren Schub erhalten. Ein Schwerpunkt hierfür ist natürlich die Wirtschaft. Deutschland ist Dänemarks wichtigster Handelspartner. Dies soll ausgebaut werden – mit einem besonderen Blick auf die südlichen Bundesländer. Von staatlicher Seite haben wir hierfür bereits umgesetzt, dass das bisherige Konsulat in München zu einem Generalkonsulat umgewandelt wird. Sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik ist aber eine Grundlage des Austausches die gemeinsame Kommunikation, weswegen ein Teil der Deutschlandstrategie beispielsweise auch in einer Stärkung des Erlernens der deutschen Sprache besteht.

 

KHB: Die Sommerferien stehen vor der Tür: Wo wird der Botschafter seinen Urlaub verbringen – in Deutschland, Dänemark oder ganz woanders?


FAP: Sowohl als auch – ich habe einerseits vor, nach Dänemark und in die USA zu reisen, wo meine Familie und ich noch immer viele Freunde haben. Andererseits habe ich mir aber auch vorgenommen, ein wenig mehr von Deutschland zu sehen. Bisher habe ich bei meinen Terminen vor allem die großen deutschen Städte kennenlernen dürfen. Ich habe mir vorgenommen, in diesem Sommer auch ein wenig die schönen Landschaften gerade in den ostdeutschen Bundesländern anzuschauen. Am liebsten auf dem Fahrrad – darauf freue ich mich schon sehr.


Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führten Inken Dose, Hanna Beutler-Gross und Nele Kirchner

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