Kontakt/Impressum  Suche       Druckansicht       Auf Facebook teilen
   

Buchempfehlungen aus der Region Sápmi

Gibt es eigentlich Romane, die in der Region Sápmi spielen?

Jo visst! Aber gewiss doch! Und ich darf mich hier auf die Empfehlung "meiner schwedischen Favoriten" beschränken:

Natürlich beginne ich mit Kerstin Ekman - die übrigens am 27. August ihren 80. Geburtstag feiert - und ihrer Vargskinnet-trilogi (Trilogie Der Wolfspelz). Die Trilogie führt uns in die späte Welt der Neusiedler im Norden Schwedens, gelegen im Süden Sápmis, am Übergang zur modernen Zeit mit neuen technischen Errungenschaften und neuen Sitten. Und gerade im ersten Band spielen die Begegnungen zwischen den Kulturen der Samen und der Neusiedler immer wieder eine tragende Rolle. Beschrieben wird auch das sich ergänzende Neben- und Miteinander von Schweden, Norwegern und Samen. Sehr schön sind die Beschreibungen der Natur im Wechsel der acht samischen Jahreszeiten!

Die Familie Svonni aus Rautas, Gabna Sameby, in der Gemeinde Kiruna, hat viele Künstler, Handwerker, Schriftsteller, Sameting-Politiker und Wissenschaftler hervorgebracht. Wer samische Krimis, geschrieben von einem Samen, lesen möchte, greift zu Lars Wilhelm Svonni. Als Sameting-Abgeordneter hat er viele politische Artikel geschrieben und an Debatten teilgenommen. 2005 kam er dann mit dem Roman Överskrida gränser zu Wort. Es ist die Geschichte einiger Samen, die beschließen den Suorva-Staudamm am Oberlauf des Flusses Stora Luleälven zu sprengen. Der Damm wurde in vier Ausbaustufen zwischen 1919 und 1972 gebaut und erweitert. Teil des durch ihn entstandenen Wassermagazins ist der Akkajaure. Suorva ist Teil des Kraftwerksystems entlang des Lule Flusses mit insgesamt 15 Kraftwerken. Die Staudämme und die durch sie entstandenen Überflutungsgebiete, dazu die Kraftwerksbauten und Stromleitungen, haben die Weidegebiete der Rentiere und ihre Migrationswege zerschnitten oder zerstört. Die Staudämme, der Staatkonzern Vattenfall und die Energiepolitik wurden seinerzeit für viele Samen zum Symbol der Rücksichtslosigkeit gegenüber der Kultur und Lebensweise der Samen (so wie es nun aktuell die Bergbaupolitik und die Montanindustrie sind). Also ein Roman über samische Terroristen voller Freiheitspathos. Lars Wilhelm Svonni sagt, er habe als Politiker viele Artikel über die Lage der Samen und ihre jahrhundertlange Unterdrückung geschrieben, die niemanden interessiert hätten. "Nun haben mein Buch mehr Menschen gelesen, als ich mit den alten Methoden je erreicht hätte!"

Lars Wilhelm Svonnis Roman Vedergällningen spielt im 17. Jahrhundert. Der junge Same Mikkil Goalkie rettet ein fünfzehnjähriges samisches Mädchen vor der Gewalt schwedischer Handelsmänner (Birkarlar). Mikkil wird gejagt, seine Wege führen ihn von seiner Heimat Rautas im Norden Sápmis nach Luleå, Stockholm, Norwegen und auf die Färöarna, bevor er in die Heimat zurück kehrt. Die Zeit der schwindenden Macht der Birkarlar und das Verhältnis von Samen, der Kirche und der Königsmacht in Stockholm bilden den historischen Hintergrund, kenntnisreich geschrieben.

Als ich 1993 mit meiner Frau im Sarek Nationalpark einregnete, wir drei Tage lang nicht aus dem Zelt kamen und kleinste Gebirgsbäche zu reißenden Flüssen wurden, die zu durchwaten unmöglich geworden war, da war so viel Regen gefallen, dass die Staudämme am Stora Luleälven Risse zeigten und es nicht unwahrscheinlich war, dass es zu Dammbrüchen hätte kommen können. Die "Abendpresse" zeichnete schon das Bild fortgespülter Siedlungen und die Städte Boden im Innland und Luleå an der Ostseeküste unter Wasser. In seinem Roman Fallvatten von 2012 hat Mikael Niemi genau dies beschrieben: Den Bruch des Suorva-Staudamms und seine Folgen, die Schicksale betroffener Menschen, wie beispielsweise des Samen Pavval, der in einem Sport-Saab vor der Flutwelle flieht, Helikopterpilot Vincent, der eigentlich auf dem Wege war, Selbstmord zu begehen, sowie seine schwangere minderjährige Tochter und seine Frau, die ihn gerade verlassen hatte, eine ausgebrannte Lehrerin, Dammwächter Barney und vieler anderer. Ihre Schicksale werden zusammengewoben durch das, was eigentlich nie geschehen sollte. Mikael Niemi wechselt nach Populärmusik aus Vittula, Der Mann, der starb wie ein Lachs, Erschieß die Apfelsine und Das Loch in der Schwarte das Genre, er schreibt einen Katastrophenroman. Das Tempo ist hoch, jede Sequenz voller Spannung, die Sprache ist nahezu poetisch. Niemi, Jahrgang 1959, stammt aus dem Tornedal, der Grenzregion zwischen Schweden und Finnland, wo Samen, Schweden und Finnen durcheinander leben und ihre eigene Sprache haben, das als Minoritätensprache anerkannte Meänkieli. Dort spielen seine ersten Romane und sie schildern die Härte des dortigen Lebens und die rauen Eigenheiten der Bewohner. Mitunter kann auch sein Humor nicht die relative Abgeschiedenheit und Rückständigkeit der Region verdecken - und ich glaube, das wollte Niemi auch nicht und er hat für diese (ehrlichen) Beschreibungen auch viele böse Worte seiner Landsleute aus dem Tornedalen hinnehmen müssen.

Liebhaber Schwedischer Krimis sind wohl auch schon auf Åsa Larsson gestoßen. Sie wuchs (als Enkeltochter der Skilegende "Kiruna-Lasse") in Kiruna, der nördlichsten Stadt Schwedens, auf und dort sowie in der bevölkerungsarmen Gegend um die Stadt spielen ihre Romane um die Hauptfigur, die Rechtsanwältin Rebecka Martinsson. Leichte Krimi-Kost und dennoch voller Stimmungsbilder aus dem äußersten Norden. Die Rolle der "Freikirchen" zum Beispiel oder die Typisierung der norrbottnischen Männer haben reale Bezüge. Für den Kiruna-Kenner gibt es Wiedererkennungseffekte. Neulich begegnete mir in Jukkasjärvi eine deutsche Touristin, die noch nie im Norden Europas war, aber nun Åsa Larssons Schauplätze sehen wollte.

Stefan Spjuts Roman Stallo spielt in der gegenwärtigsten Gegenwart und führt uns doch weit zurück in die Geschichte und Vorgeschichte Sápmis. "Stallo" ist eine Figur aus den Mythen der Samen, von riesenhafter Gestalt, Menschenkinder raubend und in jüngerer Zeit als Tollpatsch und dumm dargestellt und trotz seiner körperlicher Stärke doch leicht überlistbar. Von westerländischen Ethnologen und Pfarrern wurde Stallo als "Teufel" der Samen übersetzt und in religiöse Zusammenhänge gestellt, was nach meiner Einschätzung falsch ist (die "übliche" Vereinfachung eben).

Stefan Spjut führt uns an die Frage heran, ob diese Riesenfigur nicht einen realen Hintergrund habe, ob die Samen in der Vorzeit nicht tatsächlich Begegnungen mit solchen "Wesen" hatten und diese in ihren Mythen weiterleben. Nur in den Mythen der Samen? Nur in den Mythen?

Hans-Joachim Gruda

 

Literatur des Nordens (im Original oder in Deutsch):

Kerstin Ekman
Vargskinnet-trilogien (Trilogie Der Wolfspelz):
Guds barmhärtighet
, 1999 (deutsch: Am schwarzen Wasser, 2000)
Sista rompan
, 2002 (deutsch: Die letzten Flöße, 2003)
Skraplotter
, 2003 (deutsch: Zeit aus Glas, 2005)

Lars Wilhelm Svonni
Överskrida gränser
, 2005
Vedergällningen
, 2008

Mikael Niemi
Populärmusik från Vittula, 2000 (Populärmusik aus Vittula)
Svålhålet - Berättelser från rymden, 2004 (Das Loch in der Schwarte)
Mannen som dog som en lax
, 2006 (Der Mann, der starb wie ein Lachs)
Skjut apelsinen, 2010 (Erschieß die Apfelsine)
Fallvatten
, 2012

Åsa Larsson
Solstorm, 2003 (Sonnensturm, 2007)
Det blod som spillts, 2004 (Weiße Nacht, 2007)
Till dess din vrede upphör, 2008 (Bis dein Zorn sich legt, 2009)
Svart stig, 2006 (Der schwarze Steg, 2007)
Till offer åt Molok, 2012 (Denn die Gier wird euch verderben, 2012)

Stefan Spjut: Stallo, 2013

 

Unsere aktuellen Veranstaltungen

Oktober - 2017
M D M D F S S
  01
02 03 04 05 06 07 08
09 10
11
12 13 14 15
16 17 18 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29
30 31  
Mittwoch, 11. Oktober 2017
19:00 - Tore, himlen & havet | Tore, der Himmel & das Meer
D/SE 2016 | 57 Min. | Dokumentarfilm | Original (schwedisch) mit deutschen Untertiteln | R Maria Mogren, Jens von Larcher

Keine News in dieser Ansicht.

Logo des Kulturhus Berlin e.V. KULTURHUS BERLIN | Tel (Mo-Mi/Fr): +49.(0)30.2093-4952 | Email: info (at) kulturhus-berlin.de